eForum zeitGeschichte 1/2005

Das neue Österreich - Vermittlungsprogramme für Schulklassen

von Barbara Lenz

Mit der Ausstellung "Das neue Österreich" im Jahre 2005 im Oberen Belvedere findet sich der Vermittler zum Jubiläum 50 Jahre Staatsvertrag direkt am Ort der nationalen Erinnerung wieder. Dies bietet die Möglichkeit, mit einer sehr großen Zahl an Personen und Besuchergruppen in Kontakt zu treten. Gleichzeitig wirft es auch ganz bestimmte Fragen an die Zielsetzung und Vermittlung von Ausstellungen auf. Wie soll an solch einem Ort, zu solch einem Zeitpunkt mit der Geschichte umgegangen werden? Der Vermittler arbeitet dabei stärker als sonst im Spannungsfeld unterschiedlichster Erwartungen.

Gerade in dieser Ausstellung ist bewusst zu machen, unter welchen Blickwinkeln und mit welchen Zielen die Vermittlungsarbeit aufgefasst werden kann, wird oder soll. Geht es um das Erinnern, um Fakten und die Vermittlung eines Zeitbildes, um die Bildung eines Österreichbewusstseins und die Stärkung eines Bezugs zur österreichischen Geschichte oder um die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen und Geschichtsbildern sowie um den reflektierten Umgang mit einem Medium (der Ausstellung, aber auch den ausgestellten Medien), um die Förderung der kritischen Auseinandersetzung mit Geschichte und ausgestellten Objekten?

Diese Fragen müssen besonders im Umgang mit Schülergruppen beantwortet werden, die einen bedeutenden Anteil an den Besuchern stellten. Eine sehr große Zahl an Schulklassen aus Wien und ganz Österreich hat die Ausstellung "Das neue Österreich" im Rahmen des Unterrichts besucht und das Vermittlungsangebot wahrgenommen. Für die Altersgruppen von 8 bis 19 Jahre standen dafür fünf unterschiedliche Vermittlungsprogramme zur Verfügung. Das heißt, das Vermittlungsprogramm erstreckte sich von der 3. und 4. Klasse Volksschule über alle weiteren Schulstufen der unterschiedlichen höheren, Weiter- und Berufsbildenden Schulen. Neben den speziellen Schulklassenprogrammen bestand weiters die Möglichkeit, mit den Schülern eine dialogorientierte Führung durch die Ausstellung zu machen.

Als weit weniger heikel und emotionsgeladen als die Zielsetzung und die Inhalte der Vermittlung, aber als sicherlich genauso bedeutsam und prägend haben sich die praktischen und strukturellen Probleme erwiesen, mit denen der Vermittler durch Ausstellungsarchitektur, Besucherandrang und räumliche Gegebenheiten konfrontiert war.

Ein weiterer Punkt, der bei der Analyse der Vermittlungsprogramme in der Folge berücksichtigt werden soll, ist der Umstand, dass es sich bei der Galerie Belvedere um ein Kunstmuseum handelt, welches seine eigenen Traditionen und Formen in der Vermittlung hat, die sich speziell an der Auseinandersetzung mit Kunst und Kunstwerken gebildet haben.

Damit ist das Spektrum umrissen, anhand dessen die Vermittlungskonzepte, deren praktische Umsetzung und die Eindrücke, die im Laufe der Ausstellung im Umgang mit den unterschiedlichen Schülergruppen und Schulstufen gesammelt wurden, betrachtet werden sollen. die Vermittlungstätigkeit in einem Jubeljahr, am Ort der Erinnerung mit seiner emotionalen, politischen und ideologischen Aufladung; in einer zeitgeschichtlichen Ausstellung in einem Kunstmuseum mit seinen eigenen Vermittlungstraditionen. Unter diesen Voraussetzungen gestaltete sich die Arbeit mit den Schulklassen zwischen Besuchermassen, engen, stickigen Räumen und internen Spannungen als anstrengend, aber interessant und im Umgang mit den Besuchern als überraschend positiv.

Vorgaben bei der Konzepterstellung

Vermittlungsprogramme für SchulklassengermanDie fünf Schulklassenprogramme für die Ausstellung "Das neue Österreich" setzen sich aus einem Volksschulprogramm (8-10), zwei Mittelstufenprogrammen (11-14) und zwei Oberstufenprogrammen (15-19) zusammen. Bei der Konzeption der Schulklassenprogramme wurde von Anfang an klar, dass eine möglichst flexible Gestaltung unumgänglich war. Es musste berücksichtigt werden, dass die Fläche der teils ohnehin kleinen Räume durch die große Fahne, die sich als gestalterisches Mittel durch die gesamte Ausstellung zog, noch einmal geteilt und damit der Platz für größere Gruppen stark eingeschränkt wurde. Mehr als zwei Gruppen können sich kaum in einem Raum gleichzeitig aufhalten.

Die Ausstellung bestand insgesamt aus 17 Räumen, die natürlich nicht alle in einem einstündigen Programm behandelt werden konnten. Daher erfolgte eine Konzentration auf im Schnitt vier bis fünf Räume. Da es sich trotz des größeren zeitlichen Rahmens der Ausstellung "Das neue Österreich" (1914-2005) um eine Ausstellung zum Jubiläum 50 Jahre Staatsvertrag und 60 Jahre Kriegsende handelte, sollten diese Themen von allen Schulklassenprogrammen berücksichtigt und eingebunden werden. Auch der Marmorsaal mit dem Balkon gehörte als fixer Punkt in jedes Programm. Eine Station musste sich dabei auf jeden Fall mit dem Staatsvertrag befassen und auch die Räume zur Nachkriegszeit und zum Wiederaufbau sollten in irgendeiner Weise mit einbezogen werden. Die NS-Zeit stellte einen weiteren Punkt dar, der, wenn möglich, behandelt werden sollte.

Damit lassen sich in den vier nördlichen Räumen im Westflügel Überschneidungen in der Konzeption und folglich auch bei der Durchführung der Programme kaum vermeiden. Bei der Nutzung dieser Räume hatten die Volksschulklassen den Vorrang, und daher mussten sich vor allem die anderen Programme Ausweichmöglichkeiten offen lassen und auch in der Abfolge flexibel sein. Die Volksschulprogramme konnten auch nur außerhalb der Öffnungszeiten (also um 8.00 oder um 9.00 und an Montagen) angeboten werden, während die anderen Programme auch während des regulären Ausstellungsbetriebs durchführbar sein mussten.

Das bedeutete, dass die Mittel- und Oberstufenprogramme auch einige der weiteren Räume mit einbeziehen mussten: vor allem den Erste Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit sowie die Neutralität und den Kalten Krieg. Dadurch behandeln sie in relativ kurzer Zeit eine sehr große zeitliche Spanne, für die eine thematische Verknüpfung innerhalb der Programme bzw. ein Leitfaden benötigt wurde. Gerade für die Mittelstufenprogramme galt es hierbei zu beachten, dass dort im Unterricht die entsprechende Zeit großteils noch nicht behandelt worden war und es somit auch schwer sein würde, ohne genauere Erklärungen des zeitlichen Umfeldes und Zusammenhangs punktuell auf einzelne Themen einzugehen.

Die Schulklassenprogramme

Volksschulprogramm

Das Volksschulprogramm "Maikäfer flieg, ..." für die 3. und 4. Klasse Volksschule gliedert sich in vier Module: Krieg, die Folgen des Krieges, Besatzung/Befreiung/Wiederaufbau und Staatsvertrag. Diese vier Stationen werden vor allem unter dem Aspekt der Alltagsgeschichte und aus der Perspektive von Kindern betrachtet. Die Reihenfolge dieser Module ist nicht festgelegt, so dass an den unterschiedlichsten Punkten eingestiegen werden kann, da ja meist zumindest zwei (sehr oft aber auch vier oder fünf) Volksschulgruppen gleichzeitig unterwegs waren.

Abb. 1-4: Maikäfer Flieg, ...
 

Als Leitfaden und Orientierungshilfe dient ein kleiner "Suchfalter", in dem diese vier Stationen mit einer kleinen Zeichenaufgabe verbunden sind. Damit wird das Programm aufgelockert, die Kinder können praktisch tätig werden und gleichzeitig werden die vier Stationen in dem Heftchen in eine zeitliche Abfolge gebracht. Die vier Module tragen dabei in sich selber schon eine kausale Verknüpfung und Abfolge, die von den Kindern nachvollzogen werden kann, auch ohne dass eine chronologische Verankerung in ein geschichtliches Grundgerüst gegeben sein muss.

Als Einstieg in die erste Station und damit in das Programm dient jeweils ein kurzer fiktiver Brief, in dem die Kinder Leni und Pauli von ihrer Situation berichten. Dadurch gibt es ein erzählerisches Moment und Identifikationsfiguren. Darüber hinaus werden in dem Brief Dinge angesprochen, die dann in der Ausstellung entdeckt, besprochen und angesehen werden können: Lebensmittelkärtchen, Carepakete, der Balkon etc. So wird betrachtet, wovon die Kinder in ihren Briefen überhaupt sprechen und wieso diese Dinge so wichtig für sie sind, warum sie ihren Alltag prägen. Den Schwerpunkt in diesem Programm bilden somit die Situation und die Lebensumstände der Menschen im Krieg und speziell in der Nachkriegszeit sowie das Erleben des Ereignisses des Staatsvertragabschlusses.

Die Ausstellung bietet gerade für den Bereich der Alltagsgeschichte nur wenige griffige und anschauliche Objekte, auf die sich das Volksschulprogramm auch konzentrierte. Es musste aber noch auf zusätzliches Material zurückgegriffen werden, so z. B. auf Karten, in denen die Besatzungszonen in Österreich und in Wien abgebildet sind, oder auch die Abbildung der Menge an Nahrungsmitteln, die auf den Lebensmittelkärtchen für einen Tag vorgesehen war.

An diese einstündige Führung schloss sich noch eine kurze praktische Arbeit an, in der die Kinder in einen "Fotorahmen" ein Bild zu Österreichs Vergangenheit zeichnen konnten, eine "Fotografie" aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, der Nachkriegszeit oder zum Staatsvertrag. In der Schule konnten die Bilder dann zu einem "Fotoalbum" zusammengefügt werden.

Mittelstufenprogramme

Für die Mittelstufen (11-15 Jahre) wurden die Programme "Mission Kukuruz" und "Typisch Österreich?" erstellt, wobei "Mission Kukuruz" auf die Jüngeren (11-13) und "Typisch Österreich?" auf die Älteren (13-15) ausgerichtet war.

Abb. 4-5: Mission Kukuruz

 

Mit den 11- bis 13-Jährigen als Zielgruppe musste das Programm "Mission Kukuruz" für eine Altersstufe entworfen werden, die von den Kenntnissen und dem Niveau sehr unterschiedlich sein kann. Das Programm musste daher im Anspruch und im pädagogischen Zugang anpassungsfähig gestaltet werden. Alltagsthemen hätten sich auch für diese Altersstufe noch vorrangig angeboten, dabei wäre es jedoch zu zu großen Überschneidungen mit dem Volksschulprogramm gekommen und dadurch auch zu logistischen Problemen. Außerdem musste das Programm auch während der Besucherzeit durchgeführt werden können und daher flexibler gestaltet sein.

Die "Mission Kukuruz" gestaltet sich als eine Suche, in deren Rahmen es zu einer gezielten Auseinandersetzung mit den in der Ausstellung präsentierten Objekten kommt. Was haben ein Kühlergrill, ein zerbrochenes Glas, ein Stück Stacheldraht, ein Knödelschöpfer, ein blutiges Hemd, eine Wiege, ein Luftraumüberwachungsplatz in einer Ausstellung über die Geschichte Österreichs verloren? Die Schüler werden bewusst mit den Ausstellungsstücken konfrontiert und sollen ihre Bedeutung für Österreich und für die Menschen, die damals mit ihnen zu tun hatten, herausfinden. So stellt sich ihre Mission als Auftrag von Geheimagenten dar, als die sie eine Akte über "Das neue Österreich" anlegen sollen.

Nach einer gemeinsamen Einstiegsrunde werden die Schüler in vier bis fünf Kleingruppen (Agentengruppen) aufgeteilt, die jeweils ein Kärtchen erhalten, auf dem sich ein Ausschnitt eines der zu untersuchenden Gegenstände befindet. Sie müssen den Gegenstand suchen und dann mit Hilfe eines Arbeitsblattes klären, worum es sich dabei eigentlich handelt.

Auf dem Arbeitsblatt können sie eine Skizze (Fotografie) des Gegenstandes machen. Es befindet sich auch eine Zeitlinie auf dem Blatt, die die Abschnitte der österreichischen Geschichte im 20. Jahrhundert in ganz groben Zügen wiedergibt. Auf dieser Zeitlinie können sie den Gegenstand platzieren und einordnen.

Nach einer kurzen Beschäftigung mit dem Gegenstand, wird er in der ganzen Gruppe besprochen. Es zeigt sich dabei sehr schnell, wie viel die Schüler mit dem Objekt anfangen können und ob sie eine Ahnung vom historischen Kontext haben. Je nach Vorwissen wird dieser dann mit den Schülern gemeinsam erschlossen, wozu die Fragen und die Zeitlinie auf dem Arbeitsblatt als Orientierung dienen: Welche Personen oder Länder hatten mit dem Gegenstand zu tun? Was macht den Gegenstand für Österreich besonders? Welche Ängste und Sorgen, Hoffnungen und Wünsche könnten die Menschen mit diesem Gegenstand verbunden haben?

Um diese Fragen zu klären, konnten auch die Plakate, Fotos und anderen historischen Dokumente im jeweiligen Raum zu Hilfe genommen und verglichen werden. Im Zuge dieser Untersuchung des Gegenstands werden so auch je nach Vorwissen der Gruppe Informationen über die Geschichte Österreichs vermittelt.

Wenn jede Gruppe ihren Gegenstand gefunden hat und über ihn gesprochen worden ist, werden die Arbeitsblätter in einer Abschlussrunde in einen gemeinsamen Umschlag: die Akte "Das neue Österreich" eingeordnet und dabei noch einmal in eine zeitliche Reihenfolge gebracht und resümiert.

Je nach Gruppe kann das Programm "verspielter" gehalten werden, indem die Agententhematik und die Suchmission hervorgestrichen werden. Oder aber die Rahmenhandlung wird nur angeschnitten und stattdessen wird die Frage in den Vordergrund gerückt, was den Ausstellungswert der scheinbar banalen oder skurrilen Gegenstände ausmacht und was diese Objekte zu einem Symbol der Geschichte Österreichs macht. Gegebenenfalls kann der Symbolwert auch hinterfragt werden.

Die Vermittler können aus 12 Gegenständen auswählen, die sich für eine Untersuchung im Rahmen des Programms "Mission Kukuruz" eignen und sich in den Räumen vom Ersten Weltkrieg bis zu dem des Kalten Krieg befinden. Durch diese weite Streuung kann das Programm räumlich sehr flexibel gestaltet werden und bietet einige Ausweichmöglichkeiten.

In dem Programm "Typisch Österreich?" geht es um eine Auseinandersetzung mit der österreichischen Identität. Wer und was ist typisch österreichisch? In der Einstiegsrunde wird in einem Brainstorming von den Schülern in vier Gruppen überlegt, was ihnen zu Österreich einfällt, was sie zum Beispiel Bekannten aus anderen Ländern sagen würden, wenn diese etwas Charakteristisches über Österreich wissen wollen.

Abb. 6: Typisch Österreich
 

Nachdem kurz über die gesammelten Punkte gesprochen wurde, sollen sich die vier Gruppen dann ansehen, welches Bild/Bilder von Österreich in der Ausstellung präsentiert werden. Es werden dabei speziell vier Begriffe betrachtet, deren Darstellung in der Ausstellung sie wie Journalisten recherchieren sollen.

Bei den vier Begriffen, mit denen gearbeitet wird, handelt es sich um "Kultur-Land", "Neutralität", "Wiederaufbau", "Opfer/Täter". Je eine Gruppe hat dazu in jedem Raum kurz Zeit, sich ein Objekt zu suchen, welches ihrer Ansicht nach den Begriff am besten oder in einer ganz bestimmten Weise zum Ausdruck bringt. Dafür steht ihnen auch ein Arbeitsblatt für Notizen zur Verfügung.

Im Anschluss wird dann in der ganzen Gruppe diskutiert und es werden gemeinsam weitere Überlegungen angestellt. So soll in "Kultur-Land" betrachtet werden, wie im Klimt-Raum das Verhältnis von Mann und Frau in der Kultur dargestellt wird und was von wem als Kultur definiert wird, wer die Kultur trägt und wem sie gehört. Auch die Restitutions-Thematik kann hier behandelt werden. Im Raum zur "Neutralität" werden der Ursprung und die Bedeutung der Neutralität für Österreich diskutiert. Im "Wiederaufbau" kann betrachtet werden, wie sich Österreich in der Nachkriegszeit neu definiert und eine Identität schafft. Auch die Rolle von gemeinsamen Symbolen des Wiederaufbaus für die Menschen lässt sich untersuchen. Mit der Opfer-Täter-Thematik wird die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus angesprochen, wie damit umgegangen wird und welche Auswirkungen diese auf das Österreichbild hat. Es kann auch auf die Bedeutung von Propaganda bei der Schaffung von Identitäten eingegangen werden (die Vorstellung der Deutschen als "Herrenrasse", der "Untermenschen" etc.).

In einer Abschlussrunde wird noch einmal zusammengefasst und vor allem auch ein Vergleich zu den Punkten gezogen, welche die Schüler selber im ersten Brainstorming gesammelt haben: Was davon haben sie in der Ausstellung wieder gefunden und in welchem Bezug?

Oberstufenprogramme

Die beiden Oberstufenprogramme sind weniger nach dem Alter differenziert, sondern bieten vor allem die Möglichkeit, unterschiedliche Themenschwerpunkte bzw. ein Leitthema zu setzen, anhand derer die Ausstellung betrachtet wird. Zum einen gab es das Programm "Familie - Wunsch und Sein in Österreich", zum anderen "Wer gegen wen und wie? - Vom Streiten und Lösen in Österreich".

Der Zugang im Programm "Familie - Wunsch und Sein in Österreich" erfolgt über eine stärker persönlich und emotionale Schiene und bezieht auch besonders die Kunst ein. Es wird nach der Befindlichkeit in der Familie gefragt, nach Zugehörigkeitsgefühl, aber auch nach dem Gefühl, sich fremd in der Familie zu fühlen. Die Schüler sollen Idealbilder von Familie hinterfragen und ihren Wandel im historischen Kontext betrachten sowie ihre eigenen Wunschvorstellungen und Ideale, was Familie und Partnerschaft betrifft, einbringen.

Es sind zwei Rundgänge möglich, die jeweils den Staatsvertrag als eine Station beinhalten und mit einem Aktionsprogramm abschließen. Die anderen beiden Stationen neben dem Staatsvertrag und dem Aktionsteil sind zum einen die Zwischenkriegs- und die NS-Zeit, zum anderen der EU-Raum und der Raum "Krisen und Wohlstand".

In der Zwischenkriegszeit wird von der Betrachtung der Kunstwerke in diesem Raum ausgegangen, die sich auf Familie und Partnerschaft beziehen. Diese werden zu den realen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen der Zwischenkriegszeit in Kontext gesetzt (Arbeitslosigkeit, Frauenarbeit, Elendsquartiere, Wohlfahrtsorganisationen, sozialer Wohnbau etc.). Weiters werden die Familienpolitik und das Frauenbild in der NS-Zeit betrachtet, aber auch die Auswirkungen von Verfolgung und Emigration auf die Familien.

Der Begriff Familie wird auch im übertragenen Sinn behandelt, z. B. als Staatenfamilie. So stellt der EU-Raum hier eine Station dar, in dem Themen wie das Zusammenleben der Staaten in der EU, aber auch die Grenzen in unseren Köpfen besprochen werden oder das Gefühl, sich in einem Land fremd zu fühlen. Im Raum zu Krisen und Wohlstand steht von der Kunst her die Körperhaltung als Ausdruck innerer Zustände im Vordergrund. Davon ausgehend wird die Thematik von Anpassung und Abschottung untersucht. Weiters kann die Auswirkung von Arbeitslosigkeit oder der Massenmedien und des modernen Massenkonsums auf die Familie diskutiert werden.

Der Staatsvertrag wird in dem Programm "Familie - Wunsch und Sein in Österreich" unter dem Aspekt betrachtet, welche Erwartungen für die Österreicher mit ihm verknüpft waren und warum das Ereignis von den Österreichern als so prägend empfunden wurde. Die Schüler sollen hier auch einbringen, welche Ereignisse ihre Familiengeschichte stark bestimmt haben.

Im abschließenden Aktionsteil sollen die Schüler in Kleingruppen eine Fotografie oder kurzen Text den Objekten oder Kunstwerken in einem Bereich zuordnen, entweder zustimmend oder auch als Kontrapunkt. Davon ausgehend sollen dann die eigenen Wunschvorstellungen und Erwartungen an die Familie heute mit denen in der Nachkriegszeit bzw. unter dem Begriff (und den Räumen) "Identität" und "Klischee" betrachtet werden.

In "Wer gegen wen und wie? - Vom Streiten und Lösen in Österreich" stehen die unterschiedlichen Formen der Konfliktaustragung im Vordergrund. So wird der Staatsvertrag vor allem unter dem Gesichtspunkt des Konflikts und der Konfliktlösung betrachtet. Die Interessen der einzelnen Staaten sollen herausgearbeitet werden. Dazu werden die Schüler in drei Gruppen geteilt (Amerika, Russland und Österreich). Diese drei Gruppen sollen dann ausdiskutieren, was sie jeweils gerne im Staatsvertrag stehen haben wollen. Dadurch soll der Entstehungsprozess des Staatsvertrages mit all seinen Konflikten als Produkt dieser unterschiedlichen Interessen bewusst gemacht werden. Danach bietet das Programm noch eine Auswahl von fünf weiteren Stationen, von denen je zwei absolviert werden.

Zu diesen Auswahlmöglichkeiten gehört die Beschäftigung mit dem Brand des Justizpalastes als einem Beispiel für die in der Ersten Republik oft sehr gewalttätige Austragung von Konflikten. Die Situation wird mit Hilfe des Artikels aus der Arbeiterzeitung sowie von Fotografien umrissen und verdeutlicht. Dann können auch hier die Schüler in Gruppen von Polizisten und Schutzbündlern eingeteilt werden und sollen überlegen, wie sie sich jeweils verhalten hätten.

Bei der Thematik des Widerstandes im Nationalsozialismus setzen sich die Schüler mit den einzelnen in der Ausstellung vorgestellten Widerstandskämpfern auseinander und sollen entscheiden, wem von ihnen sie einen Orden verleihen würden, und ihre Entscheidung rechtfertigen.

Eine weitere mögliche Station bildet der Wiederaufbau. Hier müssen die Schüler überlegen, ab wann wohl was wieder funktionierte: Strom, Wasserversorgung, Wohnen, österreichische Regierung, Justitz.

Auch die Neutralität und die EU werden unter dem Aspekt betrachtet, ob und wie sie ein geeignetes Werkzeug zur Konfliktlösung darstellen. Dies wird mit den Schülern unter Bezug auf die Ausstellungsobjekte (Zeitungsausschnitte, Zitate etc.) diskutiert.

Probleme bei der Umsetzung der einzelnen Programme

Die Umsetzung der Schulklassenprogramme litt vor allem unter den schlechten räumlichen Verhältnissen sowie unter dem großen Besucherandrang. Es kam immer wieder zu Platzproblemen und dadurch zu einer sehr gedrängten Atmosphäre. Darüber hinaus erwies sich auch die schlechte Beleuchtung und Klimatisierung der Räume als abträglich, so wie der ständige Lärmpegel durch die Installationen auf der Fahne.

Die Geräuschkulisse durch die Audio-Stationen und die Diaprojektoren war besonders störend und ablenkend und machte ein angeregtes Diskutieren in den meisten Räumen sehr schwer. Die Atmosphäre war dadurch zum Teil recht ungemütlich, vor allem wenn sich noch Besuchermassen oder drei weitere Schülergruppen durch den Raum drängten. Zusammen mit der stickigen, heißen Luft und dem düsteren Licht hatte man dadurch denkbar schlechte Bedingungen, um ein Gespräch mit den Schülern zu führen, mit den Ausstellungsgegenständen in Dialog zu treten und die Gruppe zu einer aktiven Teilnahme zu motivieren.

Auch das selbständige Arbeiten und die Aktionsteile der einzelnen Programme wurden durch diese Umstände sehr erschwert. Die eigenständige Beschäftigung in Kleingruppen setzt eine gewisse Bewegungsfreiheit voraus. Durch die Fahnenspur und den Besucherandrang war die Situation recht unübersichtlich, so dass es nicht leicht war, die Kleingruppen dabei doch noch im Blick zu halten und sich wieder für das weitere Programm zu sammeln. Auch für die Schüler selber war es schwer, sich einen Überblick über die ausgestellten Objekte zu verschaffen und ihre Kärtchen entsprechend zuzuordnen oder eine Auswahl zu treffen.

Bei den Mittelstufen konnte die selbständige Suchaktion außerdem nur jeweils in einem Raum erfolgen. Das heißt, es fand nur jeweils eine Kleingruppe eine Beschäftigung, bevor zur gemeinsamen Betrachtung des Gegenstandes übergegangen wurde. Dies musste dann bei allen vier Stationen wiederholt werden, wobei natürlich die Motivation für die Kleingruppen, die in den vorhergehenden Räumen schon ihre Aufgabe erfüllt hatten, verschwunden war. Daher wurde die selbständige Beschäftigung zum Teil eher kurz gehalten und sehr schnell zu einer gemeinsamen Besprechung übergegangen, in die wieder alle Schüler eingebunden wurden, wenn auch nur je eine Kleingruppe mit dem Ausfüllen des Arbeitsblattes betraut war.

Es hat sich jedoch gezeigt, dass es überaus sinnvoll war, die einzelnen Programme möglichst flexibel und mit variablen Stationen zu gestalten. In dieser Hinsicht haben sich die Programme bewährt, da sie den Vermittlern wirklich die Möglichkeit boten, die jeweils freien Räume auszuwählen und auch für sich unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen.

Es hat sich dabei allerdings auch die Tendenz entwickelt, dass die einzelnen Programme zum Teil vermischt wurden. Nicht nur die Inhalte haben sich vermengt, sondern auch die Materialien, wie die Begriffs- und Suchkärtchen, und das zusätzliche Bild- und Textmaterial wurde gelegentlich für unterschiedliche Programme oder dialogorientierte Führungen übernommen.

Gerade bei den Programmen, die während der regulären Öffnungszeiten stattfanden, wurden des Öfteren Abstriche gemacht, und es kam zu einer fließenden Grenze zwischen Programm und dialogorientierter Führung. Die einzelnen Themen und Fragestellungen der Programme wurden dabei in eine Führung eingeflochten. Dies ist sicherlich vor allem auch darauf zurückzuführen, dass die für jedes Programm charakteristischen selbständigen Arbeiten durch die Umstände erschwert wurden. So war es teils sogar schwer, die Schüler zu einem Ausfüllen der, ohnehin kurz gehaltenen, Arbeitsblätter zu bewegen, da dies ja normalerweise in der Zeit der eigenständigen Beschäftigung erfolgen sollte, weil die Notizen auf dem Arbeitsblatt dann für die gemeinsame Besprechung gebraucht werden.

Am besten konnte das Volksschulprogramm eingehalten werden. Zum einen waren dort die einzelnen Stationen am klarsten vorgegeben und auch mit der Zeichenaufgabe im Suchfalter fixiert, zum anderen wurde auch dafür gesorgt, dass das Volksschulprogramm die besten Bedingungen und den Vorrang hatten, da sonst ein Arbeiten mit den 8- bis 10-Jährigen kaum möglich gewesen wäre.

Unterschied der Vermittlung zwischen Kunst- und historischer Ausstellung

Mit der Aufgabe der Entwicklung der Schulklassenprogramme für "Das neue Österreich" wurden Mitglieder des Kunstvermittlungsteams der Galerie Belvedere betraut, die sonst mit der Durchführung und der Entwicklung von Programmen im Bereich der Kunstausstellung betraut sind. Es liegt daher nahe, die Frage zu stellen, inwieweit die Vermittlungstraditionen im Belvedere einen Einfluss auf die Schulklassenprogramme hatten, und auch einen Blick darauf zu werfen, welche Unterschiede es zwischen der Vermittlung von Kunst- und historischen Ausstellungen gibt.

Schon in der Form der verwendeten Materialien für die Schulklassenprogramme zeigt sich ein Muster, welches für das Belvedere und seine Vermittlungsprogramme typisch ist. So zum Beispiel der Einsatz von Namensstickern und Suchfoldern für die Volksschulen, wobei hier ganz gezielt etwas Bewährtes aufgegriffen wird und eine Art Markenzeichen zum Ausdruck kommt. Die kleine Zeichenaufgabe am Schluss ist ebenfalls aus den regulären Volksschulprogrammen der Galerie Belvedere übernommen und folgt damit einem erprobten und an die Infrastruktur des Belvederes angepassten Schema. Bei den Mittelstufenprogrammen und dem Programm "Familie - Wunsch und Sein in Österreich" ist das Arbeiten mit Suchkärtchen und Arbeitsblättern sicherlich von vorherigen Programmen mit bestimmt.

Auch auf der Ebene des Vermittlungsansatzes zeigen sich Beeinflussungen durch die von der Arbeit mit Kunstwerken geprägte Vermittlungstradition im Belvedere. Am deutlichsten zeigt sich das an dem "Programm - Familie Wunsch und Sein in Österreich". Hier erfolgt ähnlich wie auch bei den kunstbezogenen Schulklassenprogrammen eine sehr stark subjektive Einbeziehung der Schüler, indem Dinge gefragt werden wie: Was kommt zum Ausdruck? Welche Gefühle werden vermittelt? Wie stellst du dir Familie vor? Dies ist ein Zugang, der sehr oft auch in der Arbeit mit den Kunstwerken gewählt wird, und so erfolgen im Familienprogramm in der Ausstellung "Das neue Österreich" der Einstieg und die Vermittlung verstärkt über die Kunstschiene. Dieses Oberstufenprogramm nimmt am meisten von allen Bezug auf die Kunst.

Hierbei hat sich dann auch die Problematik ergeben, dass die Station zum Staatsvertrag etwas aus dem ganzen Programm herausfällt und nicht so gut einbezogen werden kann. In den anderen Räumen bot das Familienprogramm hingegen zum Teil einen interessanten Zugang und Blickwinkel, der sich mit Hilfe der Kunstwerke und einiger Ausstellungsstücke auch praktisch verdeutlichen ließ, d. h. in der Ausstellung präsent war.

Sicherlich fördert die Erfahrung in Kunstvermittlungsprogrammen eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Objekt, gerade auch in der Hinsicht, dass hier auch subjektive Meinungen sowie Mutmaßungen verstärkt zugelassen werden. Die Schüler werden gerade in der Konfrontation mit der Kunst dazu aufgefordert, sich selber einzubringen und das Gesehene zu deuten. Davon profitiert auch die Vermittlung von historischen Objekten. Es hat sich in der Ausstellung "Das neue Österreich" aber auch gezeigt, dass dieser Zugang im Umgang mit historischen Objekten sich zum Teil etwas problematischer gestaltet und nicht immer einfach übertragen werden kann.

Es ist leichter, ein Bild zum Ausgang einer intensiven Betrachtung zu machen, da sich in den meisten Fällen hier auch ohne jegliches Vorwissen darüber reden lässt. Man kann betrachten, was dargestellt ist, die subjektive Wirkung der Farben ansehen, die Wirkung der Malweise analysieren, das Dargestellte beschreiben oder auch die Maltechnik nachvollziehen. Hier lässt sich sehr viel durch einfaches Hinschauen erreichen, wobei natürlich auch die Einbeziehung des historischen und kulturellen Hintergrunds eine noch größere Tiefe bringt. Weiters lassen sich die Bilder dann auch vergleichen und alleine durch die Betrachtung Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeiten.

Bei historischen Gegenständen ist so eine Betrachtung oft nicht so leicht und auch nicht so ergiebig. Der zeitliche Hintergrund ist oft wichtiger als bei Bildern, um die Bedeutung des Gegenstandes ermessen zu können und um zu verstehen, in welchem Zusammenhang er ausgestellt wird. Am besten für diesen Zugang eigneten sich die Plakate. In diesen wird mit kurzem Text und auch mit Bildern gearbeitet, sie sind groß genug, dass die ganze Gruppe sie sieht und sie lassen sich einfacher nach ihren Absichten, und in ihrer Rhetorik analysieren.

Auch Texte können natürlich an sich sehr gut anhand der Rhetorik untersucht werden. Man kann mit den Schülern herausarbeiten, worum es in dem Text eigentlich geht, welche Interessen zum Ausdruck kommen, wie die Formulierungen auf sie wirken etc. Aber das gestaltet sich bei Texten in der Regel schwieriger als bei Bildern. Die intensive Auseinandersetzung mit Texten nimmt allein schon mehr Zeit in Anspruch, da sie gelesen werden müssen und sie nicht so einfach und schnell fassbar sind wie Bilder.

Gemälde haben auch den Vorteil, dass sie einen viel stärker assoziativen Zugang zulassen. Es ist viel eher möglich, intuitive Antworten zu geben, sich von seiner Betrachtung leiten zu lassen, als bei historischen Dokumenten oder Gegenständen. Auch die Angst, etwas "Falsches", zu sagen, ist bei historischen Ausstellungsstücken sicherlich größer.

Ein weiteres Element, das von den Kunstvermittlungsprogrammen übernommen wurde, ist der Aktionsteil, in dem die Schüler aktiv und eigenständig etwas suchen oder zuordnen sollen. Diese Vorgehensweise eignet sich sehr gut in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken, gestaltet sich aber in historischen Ausstellungen als aufwändiger. Zum einen macht sich hier bemerkbar, dass - wie schon dargestellt - mit Bildern besser assoziativ und intuitiv umgegangen werden kann. Zum anderen ist die Ausstellung "Das neue Österreich" einfach auch weniger übersichtlich als die üblichen Kunstausstellungen. Es gibt eine Fülle von kleinen Ausstellungsgegenständen - Fotos, Dokumente etc. - und es dauert einfach länger, sich zwischen dieser großen Auswahl zu orientieren, vor allem da dabei auch verstärkt Text gelesen werden muss.

Dies ist sicherlich mit ein Grund, warum in den Vermittlungsprogrammen für "Das neue Österreich" im Bereich dieser Aktionsteile in der Praxis Abstriche gemacht wurden und sich die Tendenz zeigte, dass hier vom Vermittler stärker leitend eingegriffen wurde als in Kunstausstellungen.

Erfahrungen und Eindrücke bei der Vermittlung bei den Schulklassenprogrammen

Es hat sich im Vorfeld der Ausstellung die Frage gestellt, wie sinnvoll es ist, ein Vermittlungsprogramm für Volksschulklassen zu dieser Ausstellung anzubieten. Schon vor der Eröffnung wurde deutlich, dass gerade von Seiten der Volksschulen eine sehr große Nachfrage bestand. Dies lässt sich vermutlich auch darauf zurückführen, dass es im Belvedere generell ein gutes Angebot an Programmen speziell für Volksschulen gibt, welches rege in Anspruch genommen wird. Was die Ausstellung "Das neue Österreich" betrifft, war man jedoch durchaus skeptisch, ob sie sich für eine Vermittlung an 8- bis 10-Jährige schon eignet.

Überraschenderweise fand die Ausstellung gerade bei den Volksschulklassen ein besonders gutes Echo und das Programm "Maikäfer flieg ..." wurde mit Abstand am meisten gebucht. Durch den Bezug auf den Alltag, durch die Orientierungshilfe des Suchfalters und durch die Konzentration auf die Bereiche Krieg, Folgen des Kriegs und Staatsvertrag wurde die Thematik für die Kinder verständlich und griffig vermittelt.

Der modulartige Aufbau nach Themen, die ihre eigene kausale/zeitliche Folge haben, erwies sich für diese Altersgruppe als überaus sinnvoll, da zeitliche Dimensionen für die Kinder noch nicht fassbar sind. Es störte daher auch überhaupt nicht, dass nicht in allen Gruppen chronologisch vorgegangen werden konnte.

Dabei liegt der Erfolg sicher auch zu einem guten Teil daran, dass die meisten Volksschulklassen sehr gut vorbereitet in die Ausstellung kamen. Manche Klassen hatten sich schon im Unterricht intensiv mit der Nachkriegszeit auseinander gesetzt und sogar Projekte durchgeführt, in denen sie die (Ur-)Großeltern der Kinder eingeladen hatten. Die Vorbereitung und das Vorwissen reichten vom Aufzählen der vier alliierten Mächte bis hin zu Erzählungen von Zeitzeugen.

Dadurch wurde der Besuch in der Ausstellung für viele der Kinder noch einmal eine Bestätigung und eine Wiederholung des Gehörten. Die Objekte, wie "Die Vier im Jeep" oder die Lebensmittelkarten wurden dann von ihnen wieder erkannt. Am deutlichsten zeigte sich diese "Freude" über das Wiedererkennen beim Marmorsaal und dem Balkon.

Gerade mit dem Marmorsaal und dem Balkon wird deutlich, dass die Ausstellung vor allem auch die Aufgabe erfüllte, das Wissen und die Erzählungen mit einem bestimmten Ort zu verknüpfen und so zu verfestigen. Die Kinder wollten den Vertrag sehen, den Ort an dem das Ereignis stattgefunden hat. Leopold Figl nimmt hier in der Erzähllogik eines Märchens ganz deutlich die Rolle des Helden ein, der Österreich befreit hat, und der Staatsvertrag wird zu seinem Attribut, zu einer Trophäe. Dies zeigt sich sehr deutlich darin, dass bei der praktischen Arbeit ein Großteil der Kinder den Staatsvertrag mit den Unterschriften oder die Balkonszene mit dem Spruch "Österreich ist frei" gezeichnet hat. Er stellt für die Kinder ganz klar den Höhepunkt in einer Erzählung dar, welcher in seinen Details (den Siegeln und Unterschriften, dem Tisch und dem Balkon) seine Faszination ausübt.

Weitere Themen, die gezeichnet wurden, waren vor allem die "Vier im Jeep", bzw. die Fahnen der vier Alliierten oder auch die österreichische Fahne. Die österreichische Fahne prägt sich dabei vor allem durch die Fahnenspur ein, die von den Kindern meist sehr bestaunt wurde. Zum Teil zeichneten die Kinder auch zerbombte Häuser bzw. den Stephansdom oder gelegentlich kämpfende Soldaten. Auch das Fallbeil aus dem NS-Raum wurde des Öfteren verewigt, wobei sich hier deutlich die Begeisterung für die grausige Attraktion widerspiegelt und die Bedeutung großteils nicht wirklich realisiert wird, auch wenn sie mit den Kindern ernsthaft vor dem Objekt besprochen wurde. Zum Teil findet sich auch eine große Faszination für Hitler, der im Sinne der Erzähllogik von Märchen die Rolle des Bösen einnimmt. Manche Kinder erklärten aber auch deutlich, dass "sie es blöd finden, dass Hitler alle anderen Leute hat umbringen lassen".

Gerade in der Arbeit mit den Volksschulen eignete sich die Ausstellung gut, um Grundzüge herauszuarbeiten, die sich schön illustrieren ließen. Außerdem wartete sie auch mit genug "Sensationen" (Fahnenspur, Balkon, Jeep etc) auf, um die Kinder zu begeistern. Dabei erfüllt die Ausstellung in der Arbeit mit den Volksschulen durchaus die Funktion, das Staatsvertragsjubiläum zu feiern bzw. das Ereignis zu verankern statt an den Ort der Erinnerung zu binden.

Eine kritische Auseinandersetzung der politischen Hintergründe des Staatsvertrages kann für diese Altersgruppe natürlich noch nicht erfolgen und stellt auch gar nicht das Ziel des Schulklassenprogramms dar. Es kann aber durchaus in Ansätzen z.B. darauf eingegangen werden, worum es sich bei einem Vertrag überhaupt handelt und dass darin, wichtige Regeln für Österreich festgehalten werden, die es einhalten muss und nicht nur neun schöne Unterschriften zu bestaunen sind.

Das im Volksschulprogramm vermittelte Wissen und Geschichtsbild können dann eine Basis für eine spätere kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und der Präsentation von Geschichte bilden. Eine Basis, welche, wie sich gezeigt hat, gerade in den Mittelstufen oft fehlte. Viele der Volksschulgruppen waren besser vorbereitet als die meisten Mittelstufen, die zum Großteil im Geschichtsunterricht das 20. Jahrhundert noch nicht durchgenommen haben. Erschwerend kommt hier hinzu, dass bei den Mittelstufenprogrammen keine Beschränkung auf den kleinen, überschaubaren Zeitrahmen Zweiten Weltkrieg bis zum Staatsvertrag vorgenommen werden konnte, sondern eben meist eine größere Zeitspanne behandelt wurde, da auch andere Räume einbezogen werden mussten. Dabei stellte oft schon die Aufzählung der vier Alliierten ein Problem dar und mehr als einmal kam die Aussage, dass mit dem Staatsvertrag Hitler aus Österreich gewichen war.

Für das Programm "Mission Kukuruz" ergab sich damit das Problem, dass zum Teil auch einiges zum Hintergrund erklärt werden musste. Dadurch wurde die selbständige Beschäftigung mit dem Gegenstand meistens zu einem gemeinsamen Erarbeiten, bei dem der Vermittler auch viele Informationen liefern und den Schülern oft stark unter die Arme greifen musste. Dabei hat es sich auch als problematisch erwiesen, dass der Kalte Krieg ursprünglich als ein Hauptraum für dieses Programm geplant gewesen war. (Hier bietet sich nämlich ein guter Anknüpfungspunkt zu der Geheimagententhematik, und auch der Titel bezieht sich auf die Kukuruz-Wette des Leopold Figls). Für viele der Klassen war jedoch der Kalte Krieg noch überhaupt kein Begriff und dadurch entstand die Notwendigkeit, erst Vieles zu erklären.

Allerdings eignete sich das Programm sehr gut dazu, die Neugier der Schüler über die Gegenstände zu wecken. Man konnte sie dabei durchaus ein wenig vor den Kopf stoßen, indem man anzweifelte, was denn die zum Teil sehr banalen und seltsamen Dinge in der Ausstellung verloren hätten. So wurde es interessanter herauszuarbeiten, welche Bedeutungen mit den Objekten verknüpft werden und was sie in der Ausstellung aussagen sollten.

Mit "Typisch Österreich?" wurden von den Vermittlern sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die Begriffe, mit denen gearbeitet wurde, empfanden manche als zu komplex und wenig griffig für diese Altersstufe. (Ursprünglich wurde statt "Opfer/Täter" der Begriff "Propaganda" benutzt, der dann aber ausgetauscht wurde.) Andere kamen mit der Vermittlung dieser Begriffe hingegen gut zurecht und banden ihre Erklärung mit in das Programm ein.

Es kamen auch Unstimmigkeiten darüber auf, wie das Thema am besten behandelt werden sollte und wie eine Gegenüberstellung von Klischee und Wirklichkeit in der österreichischen Identität auszusehen hat. Auch die Behandlung des NS-Raumes im Zuge diese Programms stellte für manche eine Schwierigkeit dar. Dies verdeutlicht wohl, dass gerade "Typisch Österreich?" das Potential für Diskussionen und unterschiedliche Meinungen bot. Im Rahmen dieses Programms ließen sich auch die Ausstellung und der Anlass der Ausstellung, das Jubiläum, am besten kritisch betrachten.

So konnte man darüber diskutieren, wie Identität konstruiert und vermittelt wird (Schule, Ausstellungen, Propaganda, Kunst etc.) und auch welche Bedeutung nationale Identität hat. Dabei konnten die positiven (Zusammenhalt, Gemeinschaft, Österreichgefühl im Wiederaufbau) und negativen Seiten (Rassenwahn im Nationalsozialismus) beleuchtet werden. Und damit ließ sich gerade der NS-Raum als ein sehr wichtiger Punkt in dieses Programm einbinden. Gleichzeitig ließ sich sehr leicht eine Brücke zu aktuellen Themen schlagen, die auch die Erfahrungswelt der Schüler betreffen, wie z. B. in der Ausländerproblematik.

Dies klang zum Teil schon am Anfang beim Brainstorming zu "Typisch Österreich?" an. So wurden durchaus auch immer wieder negative Seiten aufgezählt, wie Ausländerfeindlichkeit, Adolf Hitler oder aber auch schlechter Fußball. Währenddessen kam interessanterweise eher selten die rot-weiß-rote Fahne zur Sprache, obwohl die Schüler beim Brainstorming meist direkt unter oder vor der Fahne saßen. Hier findet sich ein deutlicher Unterschied zu den Volksschulen, die - wie schon erwähnt - in der praktischen Arbeit gerade auch die österreichische Fahne sehr oft gezeichnet haben. Auch der Staatsvertrag wurde in "Typisch Österreich?" relativ selten genannt, wenn man den Anlass der besuchten Ausstellung vor Augen hat. Deutlich öfter kam in der Aufzählung auch die Neutralität vor. Am stärksten wurde das Brainstorming immer von den historischen Bauten (Stephansdom, Schönbrunn etc.), dem Essen (Wiener Schnitzel etc.), der Landschaft (Alpen, Donau etc.) und auch der Musik (Mozart, Strauß etc.) dominiert. Der Einfluss des Tourismus auf das Österreichbild kommt hier deutlich zum Ausdruck, was zum Teil sicherlich auch an der Fragestellung liegt, da ja als Vorstellungshilfe erklärt wurde, sie sollen sich überlegen, was sie Bekannten im Ausland über Österreich schreiben würden.

Die Oberstufenprogramme wurden eher selten gebucht, da gerade für die älteren Schüler oft auch dialogorientierte Führungen bevorzugt wurden. Beim Programm "Wer gegen wen und wie?" stellte sich das Problem, dass nur drei Stationen behandelt werden, die Besichtigung der Ausstellung also nur sehr punktuell erfolgt, wenn auch in diesen Punkten eine sehr intensive Auseinandersetzung gesucht wurde.

Das Durchspielen der Diskussion zwischen den einzelnen Parteien beim Staatsvertrag war darüber hinaus sehr stark vom Vorwissen der Klassen abhängig. Sehr oft mussten hier auch einige Anstöße und Anregungen gegeben werden, selbst wenn die Schüler über entsprechendes Vorwissen verfügten, da die Thematik doch relativ komplex ist. Vor allem fehlte in diesem Punkt, für den einiges an Zeit veranschlagt war, der Bezug zu den Ausstellungsobjekten. Der Schwerpunkt lag hier vor allem bei der Diskussion und weniger im Betrachten der Ausstellung. Es hat sich daher gerade in den Oberstufenprogrammen eine Vermischung mit dialogorientierten Führungen ergeben, indem einzelne Ansätze aus den Programmen aufgegriffen und als Leitfaden benutzt wurden, aber die Stationen auch mit einem ausführlicheren Rundgang und einem historischem Überblick ergänzt wurden. Auch "Typisch Österreich?" wurde sehr gerne als Leitfaden für Oberstufenführungen herangezogen.

Die Reaktionen der Schüler und Lehrpersonen auf die Ausstellung und ihre Vermittlung waren generell sehr positiv, trotz der oft lauten, gestressten und gedrängten Atmosphäre. Besonders das Volksschulprogramm wurde begeistert aufgenommen. Die Mittelstufe und Oberstufe sprachen auf eine engagierte und kritische Vermittlung gut an, bei den Programmen, aber noch mehr bei dialogorientierten Führungen.

Der große Bogen, der bei dialogorientierten Führungen gespannt werden konnte, die Verknüpfung der Geschichte von der Habsburgermonarchie, über die Zwischenkriegszeit, NS-Zeit, den Wiederaufbau bis hin zum Kalten Krieg war eine Stärke der Ausstellung. Die Zusammengehörigkeit der Geschichte dieses Zeitraums ließ sich sehr gut zeigen und auch, dass die Zweite Republik und der Staatsvertrag nicht ohne sie gesehen werden können. Anhand einiger Objekte konnte das sehr kompakt dargestellt werden. Gleichzeitig bestand aber auch durchaus die Möglichkeit, kontroverse Punkte aufzugreifen und diese aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten, um so die Komplexität der Geschichte trotz der gerafften Darstellung ins Bewusstsein zu rufen. Eine Auseinandersetzung wie mit jeder anderen Geschichte war hier gerade bei den Schulklassen ohne weiteres möglich.

Es hat sich in der Praxis bestätigt, dass die eingangs gestellten Fragen nach dem Ziel einer Vermittlungstätigkeit diese dem Alter angepasst werden mussten. Die unterschiedlichen Vermittlungsziele für diese Ausstellung schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich. Aber gerade mit Schulen sollte ein wichtiger Punkt dennoch das Hinführen zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Medium Ausstellung und der Darstellung von Geschichte sein und sein können. Eine Beleuchtung aus den unterschiedlichsten Richtungen und eine Diskussion sollten möglich sein, ohne dass sie als Angriff auf die Ausstellung oder als politische Positionierung missverstanden werden.