eForum zeitGeschichte 1/2002
Führer dank eines imaginierten "Volkes"
Beitrag zu Karl Luegers Habitus
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von Zoltán Péter

Einleitung

Der Sinn der vorliegenden Studie liegt, über die Absicht zum Entwurf eines sozialwissenschaftlichen Untersuchungsmodells hinaus, darin, dass der herangezogene Akteur seinerzeit eine Wissens- bzw. Praxisform durchsetzen konnte, die ihn berühmt machte; und vor allem darin, dass seine Berühmtheit bis in unsere Tage hinein wirkt, dem "Raum des Möglichen"2, dem, was nach Lueger in der österreichischen Politik sagbar und machbar wurde und zum Teil noch ist, angehört.

Bis auf den dem Untersuchungsmodell sonst angehörenden, hier aber kaum eingesetzten textanalytischen Teil3 wird die ganze Studie von der Theorie des Feldes getragen. Erst in der Rekonstruktion und dem In-Beziehung-Setzen des "Habitus"4 und seines unmittelbaren gesellschaftlichen (Um-)Feldes lassen sich im Sinne dieser von Pierre Bourdieu vertretenen Gesellschaftstheorie die Handlungen eines Akteurs oder einer Gruppe erfassen. Einerseits muss man die gesellschaftlichen Bedingungen der Produktion eines sozialen Gegenstandes reproduzieren, um Bedeutung und Sinn dieses Gegenstandes zu verstehen. Zum anderen geht eine solche Analyse von einer gewissen Aufspaltung oder Zersplitterung der Gesellschaft aus. Von diesem Standpunkt betrachtet, weist jedes typische Feld (literarisch, wissenschaftlich, politisch usw.) spezifische Strukturmerkmale und Funktionsweisen auf, die nicht auf ein anderes Feld übertragbar sind, schon gar nicht auf eine so genannte gesamtgesellschaftliche Struktur. So steht zum Beispiel hinter einer Textstruktur immer schon ein von einem bestimmten Feld auf bestimmte Weise strukturiertes Subjekt. Die "Kräfteverhältnisse" im Feld zwischen den oberen ("orthodoxen") und den unteren ("häretischen") Positionen "bilden den Entstehungshorizont für die Strategien der Produzenten, die Kunstform, die sie vertreten, die Bündnisse, die sie schließen, die Schulen, die sie begründen, und zwar mittels der von ihm bestimmten spezifischen Interessen".5

Andererseits weisen alle gesellschaftlichen Felder auch Gemeinsamkeiten",Homologien" (Bourdieu) auf, da sie von einem sie umfangenden sozialen Raum, genauer vom "Feld der Macht"6 umgeben und schließlich beherrscht sind, in dem - ähnlich wie im Feld - ein "Wettlauf" um die höheren Positionen, eine Konkurrenz um die Durchsetzung und Gewinnung begehrter Kapitalien stattfindet. Stark vereinfacht bedeutet dies, dass man im Feld der Macht mit zwei entgegengesetzten Interessen konfrontiert ist: mit dem Interesse jener Akteure, bei denen entweder ihr ökonomisches oder ihr kulturelles Kapital das jeweils andere deutlich übersteigt. Ein Akteur des ersten Typus zeigt großes Interesse dafür, dass das, wovon er viel besitzt und viel hält, nämlich GELD, zum anerkannten und begehrten Kapital der Gesellschaft wird. Dem steht das Interesse der Intellektuellen gegenüber. Sie treten dafür ein, der KUNST das Ansehen eines gesellschaftlich anerkannten und geschätzten Kapitals zu verschaffen.7

An die Feldtheorie anknüpfend, gehe ich zunächst davon aus, dass in jeder mit Erfolg gekrönten Karriere mindestens zwei Grundphasen, eine "häretische" und eine "orthodoxe", unterscheidbar sind. Zwei Phasen einer Karriere, die jeweils eine bestimmte Position und damit eine bestimmte Praxisform, ein Programm oder einen Stil implizieren. Die Bedeutung einer zum Beispiel in einem Text bezogenen Stellungnahme hängt der Feldtheorie zufolge mit der Position des Autors zusammen, die er im "Feld"8 seiner Praxis einnimmt. Kennen wir den "Raum des Werkes" (Stil, Gattung usw.), die Struktur des Feldes sowie Position und Positionierungen des Autors, öffnet sich die Möglichkeit zur (Re-)Konstruktion des "Habitus" - zunächst als ein "generatives und vereinheitlichendes Prinzip" zu verstehen, das die unterschiedlichsten Handlungen einer Person miteinander verbindet.9

Die Arbeit mit diesem Begriff ist als Beitrag zur Überwindung des "intrinistischen" und "externistischen" (Bourdieu) Ansatzes zu verstehen. Das heißt als Versuch, die Spaltung zwischen dem, was eine so genannte werkimmanente Methode über ein gesellschaftliches Phänomen, (zum Beispiel ein politisches Programm oder einen Roman) hervorbringt, und dem, was die andere, ihr entgegengesetzte Methode, die die Aussagen des Werks eins zu eins mit bestimmten Eigenschaften des Autors verbindet und einem allgemeinen gesellschaftlichen Kontext unterordnet, zu überwinden.

In der Karriere einer Person (oder einer Gruppe von Menschen), die es, sei es auf dem wissenschaftlichen, künstlerischen oder politischen Feld, sozusagen von Null bis zu einer Spitzenposition bringt, lassen sich vier Hauptperioden isolieren: In der ersten Periode werden je nach Herkunft der Person und Stand des Bildungsangebots im sozialen Raum Kapitalien (kulturelles, ökonomisches, politisches usw. Kapital) akkumuliert. Diese Phase endet mit dem Eintreten in eines der vorherrschenden gesellschaftlichen Felder. Die Struktur (ob eher ökonomisch oder eher kulturell) dieser Periode entscheidet wesentlich darüber, welchen Beruf man wählt, welches Kapital man bevorzugt und an welches der gesellschaftlichen Felder man sich anschließen will.10 Die hier gesammelten Kapitalien entscheiden darüber, ob man dem ökonomischen oder dem kulturellen Kapital Vorrang einräumt, ob man etwa, wie bei Lueger, Politiker oder Jurist werden will.11 Hat man sich für eine Richtung entschieden, so durchläuft die mit Erfolg gekrönte Karriere erst eine "angleichende", eine "häretische" und schließlich eine "orthodoxe" Phase. Je mehr der zu erreichende Beruf mit Macht oder Prestige, somit mit klaren Hierarchien verbunden ist, umso klarer lassen sich die letzten drei Perioden voneinander isolieren.
 

Auf der Suche nach dem adäquaten Beruf

Karl Lueger (1844-1910) betritt 1872 die Bühne der Politik, als Sohn eines Saaldieners, ausgerüstet mit geringem ökonomischen, mit einem bescheidenen kulturellen12 sowie mit einem spezifischen, dem im Studium und in der Praxis angeeigneten juristischen Kapital - in einer Zeit, in der die Spielregeln in der österreichischen Politik von den Liberalen bestimmt werden. In der Summe ergeben diese Startkapitalien ein durchaus entsprechendes Reservoir für eine politische oder juristische Karriere. Ein Reservoir, das zu seiner Zeit durch alles andere als durch antidemokratische Merkmale Aufmerksamkeit erregte: Die Aussage des jungen, politisch engagierten Studenten im Jahre 1870 - "Die nationale Idee ist zerstörerisch und ein Hindernis für den Fortschritt der Menschheit" - wäre ein erstes Beispiel dafür.13

In der Zeit etwa zwischen 1861-1897 waren es die Liberalen, die im Wiener Rathaus und im Reichsrat die höchsten politischen Positionen innehatten. Von 1897 bis 1910 nahm Lueger die Position des Wiener Bürgermeisters und als Führer der Christlichsozialen die führende Position im Parlament ein.

Der Eintritt eines Akteurs in eines der gesellschaftlichen Felder kann überhaupt erst zustande kommen, indem er nicht nur gewollt, sondern mit jenen Merkmalen "ausgerüstet" ist, die gerade dieses Feld konstituieren. Jeder "Neuling" hat mit der gerade im Feld herrschenden Ordnung zu rechnen",mit der dem Spiel immanenten Spielregel, deren Erkennen und Anerkennen (illusio) all denen stillschweigend aufgenötigt wird, die Zugang zum Spiel gewinnen".14 Darin liegt einer der Gründe, warum Herkunft und andere Anfangsdispositionen nicht als so genannte unabhängige Merkmale eines Akteurs betrachtet werden sollten.
 

Anschluss am politischen Feld: zwischen der angleichenden und der häretischen Phase

Die erste",angleichende" Phase der Karriere beginnt 1872 und endet etwa 1889. 1872 tritt Lueger dem liberalen "Landstraßer Bürgerklub" bei und führt die Kampagne gegen den linken Flügel der Liberalen. "Aber wer damals", schreibt der erste Luegerbiograph Franz Stauracz",in Wien überhaupt praktischer Politiker werden wollte, mußte diesen Weg einschlagen; denn die liberale Richtung, obwohl unterschiedlich schattiert, war alleinherrschend und die Stadtregierung lag in den Händen einiger Geschäftspolitiker, deren Ring damals selbst für einen Lueger undurchdringlich schien."15

1875 wird Lueger als "Liberaler" in den Gemeinderat gewählt. Bald wechselt er zu den (linken) "Demokraten", und mit deren (jüdischem) Hauptmann J. Mandl fing er an, gegen die unter den Liberalen herrschende Korruption zu kämpfen. Sie traten auch für die Ausdehnung des Wahlrechts auf die "Fünfguldenmänner" ein. Es war eine Forderung, die nicht im Sinne der Liberalen (der "Orthodoxie") war und die diese daher undemokratisch und Lueger demokratisch erscheinen ließ.16

Mit dem Schritt für Schritt erkämpften Image eines Demokraten fing Lueger etwa ab dem Ende der 80er Jahre an, gegen das internationale Großkapital vorzugehen. Seine Verbündeten waren diesmal jedoch nicht aus der Reihe der Liberalen oder "Demokraten", sondern der deutschnationale Schönerer und der klerikale Intellektuelle Vogelsang, der als theoretischer Gegner des "Laisser faire" und als theoretischer Gründer der Christlichsozialen Partei galt.17

Zwischen 1882 und 1887 bemühte sich Lueger um eine Vermittlerrolle zwischen den "Demokraten" und "Antisemiten", ohne sich beim Standpunkt der einen oder der anderen selbst länger aufzuhalten.18 (Da die Bekämpfung der Liberalen im Mittelpunkt der Interessen der Opposition stand, kamen die verschiedensten Vereine aus diesem Zweck zusammen: Luegers "Antiliberale Liga", der antisemitische "Reform-Verein", der "Christlichsoziale Verein" usw.)19 Für Lueger selbst dürfte diese Periode eine Art bewussten oder unbewussten Lavierens zwischen den Positionen gewesen sein, ein Bemühen um die Herstellung jener Differenz, ohne die kein Erfolg im politischen Feld erzielbar ist. Denn besonders hier, im politischen Feld, ist das "Sein" des Spitzenpolitikers gleich der konstruierten Differenz zu den anderen; diese entstammt aber nicht dem Nichts, sondern ist in der Struktur des Feldes und im "Raum des Möglichen" (Bourdieu) potenziell schon vorhanden; sie entsteht im Verhältnis zu den in diesem Feld existierenden aktuellen politischen Richtungen (und ihren historischen Dimensionen). Das politische Feld ist weit davon entfernt, vom Feld der Macht (ökonomisches, intellektuelles Feld) unabhängig zu sein; im Gegenteil, es ist von den im Feld der Macht existierenden Themen",Spielarten" geprägt.

Nachdem unser Akteur aufgrund seiner für das Politische durchaus günstigen Dispositionen (juristische Bildung, demokratischer und sozialer Sinn, schon als Kind "kampfwillig"20) auf diesem Feld Fuß gefasst, seine Stärke demonstriert, also die Struktur des Feldes erfasst oder erspürt hatte, fing er mit dem Ausbau seines eigenen Standpunktes an, begann, sich zu positionieren, Politik zu machen.

1883 verband sich Lueger mit Georg Ritter von Schönerer, um gemeinsam den Einfluss des Großkapitals auf die österreichischen Märkte zu blockieren. 1884 war er an der Erstellung eines Programms zur Gleichstellung der Konfessionen beteiligt. Als Kandidat der Österreichischen Demokraten wurde er 1885 mit der Unterstützung des antisemitischen "Reform-Vereins"21 und "dank der ,Fünfguldenmänner' [...] als Abgeordneter des Bezirks Margareten in das Parlament am Franzensring gewählt."22 Als Abgeordneter der Österreichischen Demokraten in einer schon relativ hohen Position innerhalb der Partei, äußert er sich zum Parteivorsitzenden F. Kronawetter in folgender Weise: "Wir wollen sehen, welche Bewegung die stärkere wird, die demokratische oder die antisemitische, und man wird sich dementsprechend einrichten."23 Zwei Jahre später, als Lueger immer mehr antisemitische Töne von sich gab und sich mit Schönerer für die Einwanderungsstopp jüdischer Bürger aussprach, kam es zwischen ihm und den Demokraten zum endgültigen Bruch. Es dauerte nicht mehr lange, bis sich eine deutliche Differenz auch zu den oppositionellen Parteien in der Gründung der eigenen Partei im Jahr 1889 manifestierte. 

Lueger in der Position des Häretikers in der Zeit zwischen 1889-1897

Die Stellung der Partei im Feld der Macht

Die Entstehung der Christlichsozialen Partei ist - über die Positionierungen innerhalb des politischen Feldes und das erweiterte Wahlrecht auf die "Fünfguldenmänner" (1885) hinaus - als Resultat des im österreichischen Machtfeld dominant gewordenen Antiliberalismus und Antisemitismus zu verstehen. Ohne Vogelsangs klerikalen, intellektualistischen Einfluss auf das politischen Feld, ohne die Existenz des antisemitischen Christlichsozialen Vereins hätte Lueger wahrscheinlich keine hohen Gewinne erzielen können.

Es sind selbstverständlich auch persönliche Dispositionen daran beteiligt, die jemanden dazu veranlassen, gerade den Bereich des Politischen und des Religiösen ins Zentrum seiner Interessen zu stellen. Nicht immer jedoch handelt es sich dabei um ein harmonisches Zusammentreffen dieser zwei Bereiche. Es kann sich durchaus auch um einen Widerspruch oder Konflikt zwischen dem Habitus und dem eingeschlagenen Weg handeln. Dabei besteht Bourdieu zufolge die Funktionsweise des Habitus darin, Widersprüche zu beseitigen, aus der Not eine Tugend zu machen (was unter Umständen dazu führen kann, dass die Realisierung eines ursprünglichen Ziels - zum Beispiel politischer Führer einer bestimmten Partei oder Jurist zu werden - durch den Habitus gefährdet wird. Gerade diese Widersprüche beseitigende Funktionsweise des Habitus berechtigt zu der Annahme, dass Lueger (auch) aus diesem Grund bei den Liberalen und bei den Links-Demokraten nicht Fuß fassen konnte, dass Lueger schon aufgrund seiner Herkunft und wegen der damit einhergehenden Sprach- und Denkweise nie ein Liberaler in Spitzenposition hätte werden können.

Selbst die beste Aneignung, gleich einer schauspielerischen Leistung, hätte ihm jene Authentizität nicht verleihen können, die er als Führer der Christlichsozialen Partei tatsächlich gehabt haben soll. Seine Sprachweise ist im Grunde die seiner "Klasse" geblieben: "Und er sprach eine im öffentlichen Leben ganz ungewöhnliche Sprache, Wienerisch, bürgerlich, gutmütig und derb, sogar hausmeisterisch. Die liberalen Redner hatten klassische Zitate gebracht, nie war ein Scherzwort über ihre Lippen gekommen."24 Dies aber weniger deshalb, weil die Herkunft eine Änderung der Sprachweise allgemein nicht zulässt, sondern vielmehr durch die sich aus der Positionierung ergebende (und als solche erkannte und womöglich noch gepflegte) Differenz zu der Sprachweise der Liberalen. Weil Sprachweise und Stil schlussendlich auch eine bewusste oder unbewusste Identifizierung mit ihrem Urheber bedeuten, mag Lueger doch noch etwas anderes als populistische Positionierung oder Kalkül mit dem "Volk" verbunden haben. Und zwar der Glaube, dieses aufgrund gemeinsamer Herkunft zu verstehen, es zu kennen. Also der Glaube, wonach es ein verarmtes und unterdrücktes Volk mit seinen Problemen gäbe, das als solches (einheitlich) bloß auf die von den Christlichsozialen formulierten Lösungen für die Probleme seines sozialen Daseins wartet.

Sequenz 1: "Auf der Kraft des Volkes ruht die Zukunft des Volkes. Wir Antisemiten haben Vertrauen zum Volke, wir wurzeln in der Kraft des Volkes: Man kann uns vor Gericht ziehen, man kann uns in den Kerker sperren, aus dem Herzen des Volkes wird uns niemand verdrängen."25
Hier tritt mit aller Deutlichkeit der heute wohl bekannte (weil durchgesetzte) Hang zum Populismus auf: die Anrufung des "Volkes" als (höchsten) "Anwalts" aller politischen Handlungen, und bildet somit einen Großteil des christlichsozialen Programms.

Die erste Hälfte des Parteinamens zielt (in ihrer positiven Richtung) auf die katholische Kirche ab; negativ, d.h. ausgrenzend jedoch auf das Judentum und auf die protestantische Kirche, denn auch letztere genoss in der Tat keine Sympathie bei den Christlichsozialen. Er stellte beide, Juden und Protestanten, als Feinde der katholischen Weltordnung, somit der Habsburger Monarchie dar.26 Speziell der Wunsch "Groß-Wien darf nicht Groß-Jerusalem werden" gehörte zu seinen Anliegen.27

Gesellschaftliche Felder sind allgemein Orte von "Konkurrenz" oder "Kampf" zwischen Akteuren oder Institutionen, zwischen Gruppen, deren Interesse es ist, sobald auf der obersten Positionen der Macht angelangt, diese vor der "Häresie" zu schützen; vor einer Gruppe, die zunächst am Abriss (und nicht am Erhalt) der bestehenden Struktur oder Ordnung "interessiert"28 ist. Insbesondere ist die Politik - von bestimmten "Homologien" (nach Bourdieu zu verstehen: Ähnlichkeit im Unterschied) zwischen den Feldern abgesehen - der Ort "symbolischen Wirkens: jenes Handelns, das mittels Zeichen sich vollzieht, die soziale Dinge und zumal Gruppen zu erzeugen vermögen".29 Deshalb geht es zunächst in der Politik stets um die Durchsetzung von Kategorien, mittels derer die Akteure sich selbst und die (soziale) Welt einordnen und verstehen: Es geht um einen "untrennbar theoretisch und praktisch geführten Kampf um die Macht zum Erhalt oder zur Veränderung der herrschenden sozialen Welt durch Erhalt oder Veränderung der herrschenden Kategorien zur Wahrnehmung dieser Welt".30 In der häretischen Phase der Lueger'schen Politik geht es um die Veränderung der von den Liberalen durchgesetzten Sichtweise sozialer Ordnung.

Je nachdem, ob das Prinzip der Autonomie oder das der Heteronomie verfolgt wird, sind bis zu einem gewissen Grad alle gesellschaftlichen Felder auf die äußere Anerkennung ihres Tuns angewiesen, auf Anerkennung also, die zum Beispiel nicht vom politischen, sondern vom Machtfeld stammt. Im vorliegenden Fall handelt es sich in erste Linie um Anerkennung bzw. Sanktionen seitens der Kirche, des Kaisers, der Intellektuellen und des Großkapitals, aber auch jene der Presse, also um Felder mit jeweils einem oder einigen Mächtigen an der Spitze, mit Akteuren, die mit hohem ökonomischen und intellektuellen Kapital ausgestattet sind.

Die Autonomie eines Feldes lässt sich durch den Faktor seiner Unabhängigkeit von dem Macht-Feld angeben, d.h. dadurch, inwieweit das politische Feld in der Gestaltung seines Programms zum Beispiel von der Macht der Kirche oder der Wirtschaft abhängt oder abweicht, ihren Bedürfnissen folgt. "Das Ausmaß an Autonomie, über das ein Feld verfügt, ist am Übersetzungs- oder Brechungseffekt zu messen, den seine spezifische Logik externen Einflüssen oder Anforderungen zufügt, und an der Umformung, um nicht zu sagen: Verklärung, der es religiöse oder politische Vorstellungen und den Druck der weltlichen Kräfte unterzieht [...]."31

In der Zeit der liberalen Regierungen von der Wende nach Königgrätz bis in die späten neunziger Jahre hatte die katholische Kirche, von deren Seite sich die Christlichsozialen einen Teil ihrer externen Anerkennung einzuholen gedachten, in Österreich viel an politischer Macht eingebüßt. Dass jetzt der Staat bis dahin der Kirche vorbehaltene politisch bedeutsame Positionen, wie zum Beispiel das Unterrichtswesen, wahrnahm, verursachte sowohl im hohen Klerus als auch in breiten Laienkreisen Frustration. "Der Sieg der Liberalen in Österreich reduzierte den Einfluss der Kirche, aber es kann keine Rede davon sein, dass er ihn besiegt hätte. Die Kirche war schon allein durch ihren Grundbesitz eine wirtschaftliche Macht von Rang. Millionen Gläubige waren ihr in unbegrenztem Vertrauen ergeben."32 Beide Faktoren, sowohl das Bestreben, die Kirche zu unterstützen, als auch von ihrer Seite Unterstützung für die Partei zu gewinnen, sind zu bedeutend, als dass man hier von der Absicht auf Autonomie der neuen Partei von der Kirche (und umgekehrt) reden könnte.

Gegenüber der Macht der Großfinanz hatte diese Partei zunächst eine ablehnende Haltung. Von dieser Seite hatte man anerkennende Stimmen für das christlichsoziale Programm sicher nicht erwartet, umso mehr Zustimmung jedoch erhoffte man von der anderen, beherrschten Seite: von den Handwerkern und Gewerbetreibenden,33 die aus der Not ihrer schlechten Lage und Unorganisiertheit heraus auf der Suche nach einem Bevollmächtigten waren.
 

Im Feld der Politik zwischen 1889-1897

Lueger führt mit seiner "jungen", oppositionellen Partei einen politischen Kampf gegen seinen "Hauptfeind", der sich weniger aus ideologischen Gründen, sondern schon deshalb als solcher entpuppt, weil er die höchste Position in der Struktur des Feldes innehat, also jene Position, die alle Häretiker34 stets selbst begehren. Wären etwa die Deutschnationalen oder Sozialdemokraten anstelle der Liberalen auf dieser höchsten Position, so müssten Luegers Politik bzw. sein Habitus anders ausfallen, als sie es in Wirklichkeit taten. Niemals kommen einem Habitus bestimmte Eigenschaften von "Natur" aus zu - sie entstehen vielmehr sukzessiv in der jeweiligen Feldstruktur. So kann zum Beispiel ein Akteur mit einer mäßig konservativen Einstellung in einem extrem liberal beherrschten Feld sich zum extremen Nationalisten entwickeln.

Um der Orthodoxie die Macht zu entziehen, müssen die Häretiker - die sich ihrerseits auch in Konkurrenz untereinander befinden - ein Programm entwickeln, das, zumindest in der Anfangsphase, von dem der Orthodoxie gut unterscheidbar ist, sowohl nach innen als auch nach außen, d.h. sowohl unter den Politikern, mit denen man sich in direkter Konkurrenz um die Eroberung der hohen Position befindet, als auch unter der Wählerschaft.

Der Christlichsozialen Partei ist es in der Tat ab dem Zeitpunkt ihrer Entstehung bis 1896 gelungen, die Mehrheit des Machtfeldes und des politischen Subfeldes (d.h. der oppositionellen Parteien) gegen die Liberalen zu vereinen. Der Antisemitismus und die Ablehnung der Welt der Großfinanz bildeten das Bindeglied, die deutschnationale Besinnung dagegen die Trennlinie zwischen den Schönerianern und Karl Lueger. Das politische Spiel mit dieser ambivalenten Beziehung und damit ständig wechselnden Distanz Luegers zu den Deutschnationalen schwächte die Liberalen, stärkte dagegen die Christlichsozialen.35

Sequenz 2: "Wenn einmal die Juden, die zu ihrem Vorteil Zwietracht unter die Völker säen, besiegt sein werden, dann werden auch die nationalen Streitigkeiten aufhören."36
Trotz derartiger Aussagen konnte Lueger sowohl bei den Aristokraten als auch bei den Handwerkern, aber auch bei den Geistlichen punkten. Doch er wendete, so legt es zumindest Schorske aus, das "rassistische Gift nur auf die Bekämpfung des liberalen und sozialdemokratischen Gegners".37
 

Das Veto des Kaisers

Das kaiserliche Machtfeld von Franz Joseph war alles andere als ein Unterstützter dieses "neuen" politischen Stils á la Karl Lueger.38 Das vom Kaiser verhängte Veto (1895), der Versuch, Lueger von dem Bürgermeisterposten fernzuhalten, ist als Ausdruck einer über den einzelnen Feldern stehenden Autorität (des Machtfeldes) zu verstehen, die die Integrität und den Status der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die "Staatsidee" durch diese Person gefährdet sah. (Die kaiserliche Entscheidung wurde vor allem von den Liberalen, dem "hohen" Klerus und von den älteren konservativen Kreisen unterstützt.)39 Nach der These von James Shedel stellte diese Staatsidee einen allgemein akzeptierten oder durchgesetzten Wert in der österreichischen Politik, aber auch in der Kunst dar. Zugleich mit dem Aufkommen der Christlichsozialen begann die Krise des Reichsrates, der immer weniger effektiv arbeitete (der Streit um Badenis Sprachregelungsgesetz konnte nicht gelöst werden, Verzögerung bei der Wahlrechtsreform usw.). So nahm der Kaiser eine immer wichtigere Rolle in der Staatsführung ein: "Unter diesen Umständen war die einzige Autorität, die zu regieren in der Lage war, der Kaiser und seine kaiserlichen Beamten. Nach 1897 wurde die zentrale Stellung der kaiserlichen Regierung durch die Unfähigkeit des Reichsrats, konstruktiv zu handeln, schmerzlich klar."40

Das Veto von Franz Joseph erinnert, trotz der seither vergangenen hundert Jahre und der damit einhergehenden Unterschiede, an die über die ÖVP-FPÖ-Regierung im Januar 2000 verhängten "Sanktionen" der EU-Staaten. Man war in Brüssel (übernationales politisches Feld) besorgt, dass die europäische Staatengemeinschaft durch den "Geist" einer rechts-populistischen Partei in Gefahr geraten könnte.

Die durch die Person des Kaisers repräsentierte Besorgnis, Lueger könnte eine Gefahr für die "Staatsidee" bedeuten, war, wie sich das heute darstellt, durchaus begründet. Mit Lueger wurde eine rechts-populistische und antisemitische Sprachweise ins Feld der österreichischen Politik geholt, die bis in unsere Zeit hinein wirkt und einen bestimmten Teil des Raumes des Möglichen absteckt.

Bei aller Vorsicht, Parallelen zwischen damals und heute zu ziehen, ist jedoch anzumerken, dass sehr wohl Ähnlichkeiten zwischen Karl Lueger und Jörg Haider existieren.41 Beiden gemeinsam ist vor allem die starke Betonung des Volkswillens, dessen Verwirklichung als Maßstab allen Politischen dargestellt wird - von der damit einhergehenden Anmaßung gar nicht zu reden, die vorgibt, den Willen des ganzen "Volkes" zu kennen. Schließlich sind auch Ähnlichkeiten im Sprachstil, z.B. im Hang zur bildhaften Rede, zu entdecken:

Sequenz 3: "Wir Österreicher stehen am Rande des Abgrundes, es läßt sich nicht leugnen, dass der Zerfall des Vaterlandes fast eine Notwendigkeit geworden zu sein scheint."42
  1. "Gestern standen wir vor dem Abgrund, heute sind wir schon einen Schritt weiter." (S. 42)
  2. "Die fürsorgliche Umarmung des Leviathan nimmt einem nur allzu leicht die Luft zum Atmen." (S. 191)
  3. "Was durch Ritter von Schönerer mit seinem unreflektierten Antisemitismus zerstört wurde und letztlich auch Viktor Adler seiner weltanschaulichen Heimat entfremdet hatte, haben wir wieder zusammengefügt." (S. 93)43

Freiheit und Qual der politischen Orthodoxie (1897-1910)

Die gewiss nicht detaillierte Interpretation der hier zur Verfügung stehenden, sicherlich nicht vollständigen Stellungnahmen Luegers scheint die vielfach anzutreffende Annahme, dass der Ton der in der häretischen Phase abgegebenen Stellungnahmen radikaler ausfiel als jener in der orthodoxen Phase, zu bestätigen. Auf jeden Fall zeigen seine berühmt gewordenen - und als solche nur auf der orthodoxen Position möglichen - Aussagen wie "Wer a Jud' ist, bestimm' i'" oder "laßt's mir meine Böhm' in Ruh'" in diese Richtung.44

Eine radikale Veränderung in der Struktur eines Feldes bewirkt, so die an die Feldtheorie angeknüpfte Annahme, eine Änderung der Stellungnahmen und langfristig eine Änderung in der Struktur des Habitus bei all jenen Gruppen (oder Personen), deren Position in der Feldhierarchie sich radikal geändert hat.

Der Parteiführer der Christlichsozialen Partei war zwischen 1897-1910 Bürgermeister von Wien, mit seiner Partei nahm er in dieser Zeit auch die höchste Position innerhalb des politischen Feldes ein. Mit Luegers Tod verliert auch die Partei ihre hohe Stellung, wobei das auch mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes (1907) und den damit einhergehenden Möglichkeiten der Sozialdemokraten maßgeblich zusammenhängt.

Auf einer der hohen Feldpositionen anzukommen, bedeutet unter anderem die Fähigkeit zur Durchsetzung einer Denkweise oder eines Programms in der Struktur eines bestimmten Feldes. Der Christlichsozialen Partei ist es gelungen, sich von den anderen oppositionellen Parteien abzusetzen und schließlich mit ihrer gewollten oder ungewollten Hilfe die Liberalen von ihrer Machtstellung zurückzudrängen; es ist ihnen gelungen, sich so zu positionieren, dass sich am Ende eine deutlich wahrnehmbare Differenz herausstellte, eine Differenz, die von den Wählern erkannt und honoriert wurde. Im Grunde ist das nur möglich, wenn die Wähler über ein angemessenes Wissen verfügen, anhand dessen diese Differenz (das neue Programm) erkannt und auch geschätzt werden kann.

Woher aber dieser "Blick", der gerade das erkennt und das für richtiger hält, was ein Wortführer neuerdings sagt? Das rührt von der Abgestimmtheit der ,Köpfe' (zwischen Wortführer und Wählerschaft) her, also von den durch den Wortführer einer Gruppe im Sozialraum durchgesetzten bzw. angeeigneten Klassifizierungssystemen: "Wenn die Dinge und die Köpfe (oder das Bewusstsein) unmittelbar aufeinander abgestimmt sind, das heißt, wenn das Auge Produkt des Feldes ist, auf das es sich bezieht, erscheint ihm dieses Feld mit allen von ihm angebotenen Produkten als unmittelbar mit Sinn und Wert versehen."45

Die durch das liberale Einwanderungsgesetz (1867) mit bedingte Migration von Osteuropa nach Wien und auch die durch den großen ,Börsenkrach' verursachten wirtschaftlichen Schäden dürften wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Liberalen ohne breite Unterstützung geblieben sind.

Der junge Wiener, der seine politische Laufbahn als Liberaler anfing, hat sich seit dem Ende der 80er Jahre zum wirksamen Gegner des politischen Liberalismus und später der Sozialdemokratie gewandelt. Um die Jahrhundertwende steht nun ein Führer der Christlichsozialen und ein Bürgermeister da, der nunmehr wenig am wirtschaftlichen Liberalismus auszusetzen hat.46

Sind die Wahlergebnisse in den Jahren 1895-97, vom möglichen Abnützungseffekt der Liberalen und dem feldinternen Kampf, also den taktischen Manövern der Christlichsozialen gegen die Liberalen und die Opposition, abgesehen, als Ausdruck der feldäußeren Anerkennung zu verstehen, ist es aufschlussreich anzunehmen, dass die Anerkennenden ihrerseits von der Partei honoriert werden wollten und der Partei gegenüber bestimmte Erwartungen hegten. Um den überwiegend vom ökonomischen Feld - und nicht von dem unorganisierten, machtlosen Teil der Bevölkerung - kommenden Erwartungen zu entsprechen, ließ Lueger eine Reihe praktischer und nicht, wie die (unter dem Einfluss des intellektuellen Feldes entstandenen) Bauten der Liberalen auf der Ringstraße, bloß ornamentaler öffentlicher Einrichtungen bauen: das Gaswerk, das Wasserwerk usw. Alle diese Unternehmungen trugen durch ihren ökonomischen und symbolischen Wert zur Festigung der nun erreichten hohen Position Luegers bei.

Beim Ausbau der Infrastruktur des wirtschaftlichen Lebens wurde der Bürgermeister indes mit der Problematik der in Wien ansässigen Migranten und der andauernden Migrantenströme direkt konfrontiert. Diese bestanden vor allem aus Juden und tschechischen Handwerkern und Gewerbetreibenden. Ihre Anwesenheit, zunächst in der Wirtschaft, war maßgebend, und man konnte sie nicht ohne weiteres ,wegdenken'. Ein gewisser sich abzeichnender Kompromiss, nämlich diese Einwanderer nicht abzuschieben, sondern zu assimilieren, hat weniger irgendwelche humanistischen Gründe, sondern lässt sich vielmehr auf die vom ökonomischen Feld kommenden Anforderungen zurückführen.

Sequenz 4: "Ein so guter Deutscher ich bin, so wünsche ich doch eine Arbeit auf wirtschaftlichem Gebiete, bei welcher alle Nationen unseres Vaterlandes in ruhiger Übereinstimmung tätig sein können."47
Selbst wenn der Handlungsfreiheit des Politikers (in der orthodoxen Position ist die Abhängigkeit des Politikers vom Machtfeld größer als in der häretischen) vom Feld der Macht (Industrielle und Intellektuelle) her Grenzen gesetzt sind, blieb für Lueger noch genug Möglichkeit, seinen Habitus, dieses von der "Klasse" strukturierte und, weil mächtig genug, Struktur erzeugende Denksystem, walten zu lassen.48 Es stand zum Beispiel innerhalb seines Machtbereichs, die Funktionsweise der Schulen in Wien zu beeinflussen oder nur jenen Einwanderern eine Aufenthaltserlaubnis zu gewähren, die sich bereit erklärt haben, ihre ursprüngliche religiöse oder nationale Zugehörigkeit aufzugeben.49
Sequenz 5: "Wir sind Deutsche und wollen, daß die Deutschen in Österreich leben können, ohne Gefahr zu laufen, ihre Nationalität einzubüßen. Dabei sind wir nicht so töricht, daß wir in jedem anderen einen Minderwertigen sehen."50

Sequenz 6: "Wir sind zu jeder Zeit bereit, mit aller Entschiedenheit für den deutschen Charakter unserer Stadt einzutreten [...]."51

Sequenz 7: "Sie wissen alle, daß deutsche Kraft und deutscher Mut diese Stadt geschaffen haben und deutscher Geist in dieser Stadt auch bauen soll. Das schließt aber die Liebe zu allen, die gut österreichisch denken und fühlen, nicht aus. Gerade die Treue ist ja der Hauptcharakter des deutschen Volkes, und weil wir Deutsche treu sind, sollen wir fest zu unserem Vaterland halten."52

Sequenz 8: "Mögen unsere Gegner sagen, was sie wollen [...]. Wir freuen uns auch, daß die Männer, welche das getan haben, unserem Volke angehören, und daß nur Juden es sind, welche unsere Stadt klein machen, und uns verleumden wollen."53

Sequenz 9: "Die Lehrer haben kein Recht, die Schule zu einer wüsten Hetze gegen die Religion zu mißbrauchen. Der Vergleich, daß jeder Arbeiter seine Meinung frei äußern dürfe, trifft hier nicht zu. Wenn man sich irgendwo ein paar Stiefel machen läßt, so ist die politische Meinung des Schusters gleichgültig. Dem Lehrer aber geben wir keine Stiefel, sondern unsere Kinder, und darum haben wir das Recht, nach der politischen Überzeugung des Lehrers zu fragen."54

Sequenz 10: "[Die Kinder müssen lernen,] weil sie dann imstande sein werden, auch in ihrem zukünftigen Leben den Kampf, der ihnen bevorsteht, siegreich zu bestehen."55

Sequenz 11: "Ich kann nur erklären, dass ich mit den Erfolgen dieser sogenannten Konkordatschule sehr zufrieden war. Ich habe dort ordentlich Deutsch sprechen und schreiben gelernt."56

Dispositionen und Habitus

Selbst der kürzesten Interpretation kann die undifferenzierte Gegenstands-Orientierung der obigen Sequenzen nicht entgehen. Der Vergleich zwischen dem Schuster und dem Lehrer und zwischen dem Stiefel und den Kindern ist purer, unangemessener Substantialismus, ebenso die Bestimmung des "Deutschen" als ewig treues Wesen, das sich den historischen Umständen nie zu stellen braucht. Das Lernziel, zu lernen, im Kampf alle gegen alle nicht unterzugehen, ist wohl bekannter Sozialdarwinismus.

Die bloß textimmanente Abfrage der untersuchten Stellungnahmen von Lueger, worin er selbst seine Zentralaufgabe im Laufe seiner Karriere zu sehen vermochte, ergibt, paraphrasiert wiedergegeben, folgende Antwort: Er, so sagt Lueger, sei stolz, die von den Eltern, besonders von der Mutter und später von den Lehrern an ihn gehegten Erwartungen pflichtbewusst erfüllt zu haben.57

Nach dem Abschluss des Jusstudiums brach Lueger auf, um ein Anwalt der ungerecht behandelten Menschen zu sein. Doch das ganze humanistische Unternehmen zu erweitern, das Ziel, der Anwalt des "Volkes" zu werden, wird von dem Moment an, als er das Problem des Einzelnen zum Problem des "Volkes" erhebt (Übertragung), seit seinem Einstieg in die Politik an sich problematisch. Vermittels der genannten Übertragung gerät zunächst die gesamte politische Karriere zu einer einzigen Gehorsamsübung, wird zu einem Stets-die-Erfüllung-des-Volkes-Wollen.

Im Prinzip ist nichts gegen die Meinung, wonach Lueger ein gesinnungsloser Politiker gewesen sei, einzuwenden, wenn man sich vergegenwärtigt, dass er im Laufe seiner Karriere tatsächlich je nach Situation seine politischen Standpunkte gewechselt hat. Doch die Folgerung daraus, sein Antisemitismus sei daher nur "gestellt" und als solcher weniger gefährlich, bloß Mittel zum Zweck, wäre inkonsequent und ebenfalls substantialistisch. Es wird vielfach angenommen, dass der Populist, sobald sein Ziel, die oberste Position im politischen Feld einzunehmen, um dem "Volk" zu helfen, realisiert sei, zum Beispiel den Antisemitismus als Mittel zum Sieg nicht mehr nötig habe; nun könne er sein ursprüngliches Vorhaben umsetzen, sein wahres, demokratisches Gesicht endlich zeigen.

Solche Annahmen neigen allerdings dazu, bestimmte Anfangs-Dispositionen (Herkunft, Bildung, diverse Stellungnahmen usw.) eines Akteurs grundsätzlich unabhängig von den im Feld unternommenen Positionierungen bzw. unabhängig von der Struktur des Feldes (dem er in dieser Zeit beigetreten ist und das er mitgestaltet hat) zu betrachten. Wobei der Habitus sich gerade aus Herkunft und Bildung sowie aus der Art und Weise der in einem bestimmten sozialen Feld ausgeübten Tätigkeit zusammensetzt. Auf der obersten Position des Feldes angelangt, gestaltet sich der Habitus zwar am besten, doch er ist bereits das Produkt der bisherigen Praktiken.

Der Habitus, von Bourdieu auch zur Überwindung des Bewusstseins- beziehungsweise Unbewusstseinsbegriffes konzipiert, ist ein Prinzip, das die verschiedensten Handlungen eines Akteurs steuert. Es ist das "generative und vereinheitlichende Prinzip, das die intrinsischen und relationalen Merkmale einer Position in einen einheitlichen Lebensstil rückübersetzt, das heißt in das einheitliche Ensemble der von einem Akteur für sich ausgewählten Personen, Güter und Praktiken."58 Die Annahme der Habitus-These veranlasst uns dazu, die These, Lueger wäre eher gesinnungslos (als ein überzeugter Antisemit) oder eine Person gewesen, die - bis er sozusagen ans Ziel kam - nichts anders tat, als diverse äußere Erwartungen brav erfüllt zu haben, sprich ein Opportunist sondergleichen, als Habitus des Akteurs zu verwerfen und sie als nichts weiter als ein - wenn auch bedeutendes - Merkmal der Person zu akzeptieren.

Akteure solcher Felder - wie des politischen Feldes im Allgemeinen -, die eher den Grundsatz der Heteronomie als der Autonomie bevorzugen, legen sozusagen schneller ein undifferenziertes Klassifizierungssystem an den Tag, als dies die Akteure eines relativ autonomen Feldes tun (künstlerisches Feld, wissenschaftliches Feld usw.). Das hängt (über bestimmte individuelle Dispositionen) hinaus damit zusammen, dass die Akteure der autonomen Felder überwiegend untereinander konkurrieren, und die Anerkennung ihrer Arbeit eher von den Fachkundigen erhalten; Akteure heteronomer Felder sind hingegen für ihren Leistungsnachweis vor allem auf die von außen kommenden, feldäußeren, nicht fachkundigen Anerkennungen angewiesen, sie lassen sich auf undifferenzierte, so genannte leichtverständliche Klassifizierungssysteme schneller ein. (Akteure heteronomer Felder tun nichts anderes, als die von außen kommenden "Wünsche" zu rekonstruieren und zu erfüllen, wobei gleichzeitig dafür gesorgt wird, dass diese Wünsche von ihnen selbst vorbestimmt werden.)

Beide Prinzipen lassen sich aber auch auf die Akteure der einzelnen Felder, mithin auch auf die des politischen Feldes anwenden. So hat man es im politischen Feld (über die hier herrschende allgemeine Tendenz zur Heteronomie hinweg) mit Parteiführern zu tun, von denen die einen eher das Prinzip der Autonomie und der damit einhergehenden Klassifizierungssysteme verfolgen, wohingegen die anderen die Heteronomie und damit z.B. so genannte Wesensmerkmale oder Kategorien bevorzugen, die ihren Gegenstand des Sozialen schon von vornherein als ewige, von Natur aus gegebene "Wesen" auffassen. "Zu vergleichbaren Irrtümern führt die substantialistische Denkweise, die auch die des common sense - und des Rassismus - ist und mit der Neigung einhergeht, die Aktivitäten oder die Vorlieben, die für bestimmte Individuen oder Gruppen einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt kennzeichnend sind, als substantielle, ein- für alle Mal in irgendeinem biologischen oder - was auch nicht besser ist - kulturellen Wesen angelegte Merkmale zu behandeln, auch beim Vergleich nun nicht mehr zwischen verschiedenen Gesellschaften, sondern zwischen aufeinander folgenden Zeitabschnitten derselben Gesellschaft."59

Eine umfangreiche Untersuchung müsste vor allem (über die Struktur des politischen und des Machtfeldes hinaus) jenes Prinzip erarbeiten, dessen Produkt die radikal voneinander abweichenden Stellungnahmen, Positionierungen, die Bevorzugung des heteronomen Prinzips sind; jene grundsätzliche Denkweise oder jene "invarianten Merkmale" (Bourdieu), aus denen die Stellungnahmen und Praxisformen entstehen. "Die stilistische Affinität der Praxisformen, die jede Einzelpraxis zu einer `Metapher' einer beliebig anderen werden lässt, leitet sich daraus ab, dass sie alle aus Übertragungen derselben Handlungsschemata auf die verschiedenen Felder hervorgehen."60

Auf ein Minimum reduziert, kann Luegers zentrales Denk- und Handlungsschema in seinen zahlreichen substantialistischen Übertragungen oder Metaphern gesucht werden. Zum Beispiel in der Übertragung (9. Sequenz) der Implikationen des Schusterberufs auf den Lehrerberuf oder in der latenten und vermengten Übertragungsreihe: die Mutter und die Lehrer oder die Klienten des Rechtsanwalts und das Volk.

Mit einer in diesem Sinn angelegten umfangreichen Untersuchung, d.h. durch die mit einem detaillierten hermeneutischen Ansatz (Text- oder Diskursanalyse) zusammengeführte Feldtheorie, könnte ein neuer Zugang zum Beispiel zu den meist mit der biographischen Methode61 untersuchten Karrieren der Geschichte erarbeitet werden. 



 
 
1Es handelt sich um den zweiten, hier ergänzten Teil des von der Stadt Wien geförderten Projekts: "Habitus der Wiener Moderne: Karl Lueger und Hugo von Hofmannsthal - Modell einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung", Wien 2000.
2"Die Felder der kulturellen Produktion halten für alle, die sich in ihnen engagieren, einen Raum des Möglichen bereit, der ihrer Suche eine Orientierung gibt, indem er das Universum der Probleme, Bezüge, geistigen Fixpunkte (oft in Gestalt der Namen von richtungweisenden Persönlichkeiten), -ismen usw., kurz, das ganze Koordinatensystem absteckt, das man im Kopf - was nicht heißt im Bewusstsein- haben muss, um mithalten zu können." (Bourdieu: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, Frankfurt am Main 1998, S. 55).
3Mehr zur Methode des textanalytischen Ansatzes in: Zóltan Péter: Invarianten zur Person: Lächeln über eigene Stellungnahmen, Wien 2002 (im Druck, erscheint im Oktober 2002 im Passagen-Verlag).
4Der von Bourdieu unter anderem zur Überwindung des Bewusstseins beziehungsweise Unbewusstseinsbegriffes konzipierte "Habitus" erweist sich als ein Prinzip, das die verschiedensten Handlungen eines Akteurs in eine möglichst einheitliche Richtung zu steuern versucht. Er weist einerseits Strukturmerkmale der ihm zugehörigen sozialen "Klasse" auf (mit Bourdieu verstanden als theoretische Größe einer Gruppe von Menschen mit ähnlicher Kapitalstruktur innerhalb des sozialen Raumes), andererseits ist er aber selber als aktives, Struktur erzeugendes Prinzip zu verstehen.
5Bourdieu: Praktische Vernunft, 1998. S. 62.
6"Das Feld der Macht ist der Raum der Kräftebeziehungen zwischen Akteure oder Institutionen, deren gemeinsame Eigenschaft darin besteht, über das Kapital zu verfügen, das dazu erforderlich ist, dominierende Positionen in den unterschiedlichen Feldern (insbesondere dem ökonomischen und dem kulturellen) zu besitzen." (Bourdieu: Die Regel der Kunst, Frankfurt am Main 1999, S. 342).
7Bourdieu: Die Intellektuellen und die Macht, 1991, S. 116.
8Zur Überwindung des Oppositionspaars Gesellschaft/Individuum sowie Klasse/Individuum wird bei Bourdieu mit Hilfe des Habitus- und Feldbegriffs operiert. Beide sind historische Größen: Habitus im Sinne von "Leib gewordene Geschichte", Feld von "Ding gewordene Geschichte". Das Prinzip des "historischen Handelns" ist nicht in der Dialektik zwischen Individuum und Gesellschaft zu suchen. Denn dieses Handeln ist: "Weder Bewußtsein noch Sache, besteht es vielmehr in der Relation zweier Zustände des Sozialen, nämlich der in Sachen, in Gestalt von Institutionen objektivierten Geschichte auf der einen, der in Gestalt jenes Systems von dauerhaften Dispositionen, das ich Habitus nenne, lebhaft gewordenen Geschichte auf der anderen Seite." (Bourdieu, zitiert nach Joseph Jurt: Das literarische Feld, Darmstadt 1995, S. 76).
9Pierre Bourdieu: Sozialer Raum und "Klassen", Frankfurt am Main 1991, S. 21.
10"Die je besondere Kompetenz [...] hängt ab von den Chancen, welche die verschiedenen Märkte (der Familie, der Schule oder des Berufs) ihrer Akkumulation, Umsetzung und Verwertung zugleich einräumen, hängt mit anderen Worten davon ab, in welchem Ausmaß sie den Erwerb einer derartigen Kompetenz in der Weise begünstigen, dass sie Gewinne suggerieren oder garantieren und damit zu neuer Investierung bestärken oder überhaupt veranlassen." (Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede, Frankfurt am Main, S. 152).
11"Er schwankte angeblich längere Zeit zwischen der Laufbahn eines akademischen Lehrers für römisches Recht und eines freiberuflichen Rechtsanwaltes." (Günther Berger: Bürgermeister Dr. Karl Lueger und seine Beziehungen zur Kunst, Frankfurt am Main 1998, S. 14).
12Lueger verstand wenig von der Literatur und Malerei. "Von der Musik bevorzugte er Operette, Studentenlieder und Volkslieder." Doch er "war ein eifriger Besucher des k.k. Hofburgtheaters [...]". (Günther Berger: Bürgermeister Dr. Karl Lueger und seine Beziehungen zur Kunst, 1998, S. 133ff.).
13Carl E. Schorske: Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle, Frankfurt am Main 1982, S. 129.
14Pierre Bourdieu: Die Regel der Kunst, 1999, S. 427.
15Franz Stauracz: Dr. Karl Lueger, Wien 1907, S. 17.
16Schorske, 1982, S. 130
17Schorske, 1982, S. 130ff.
18Nach 1887 gab Lueger "den Versuch auf, die beiden immer stärker auseinanderstrebenden Strömungen, Demokratie und Antisemitismus, zusammenzuhalten." (Schorske, Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle, München 1994, S.131).
19Vgl. Stauracz, Dr. Karl Lueger, 1907, S. 130ff.
20"Das Raufen und Schneeballen werfen war meine Passion. Die Mutter war anderer Meinung. Sie brummte tüchtig, wenn ich zerzaust nach Hause kam, aber es bereitete ihr doch Freude, dass ich Mut im Kampfe bewiesen hatte."(Lueger zitiert nach Stauracz, 1907. S.10).
21Stauracz, 1907, S. 131.
22Berger: Bürgermeister Dr. Karl Lueger und seine Beziehungen zur Kunst. 1998, S. 30.
23Lueger, zitiert nach Schorske, 1982. S. 131.
24Albert Fuchs: Geistige Strömungen in Österreich. 1867-1918, Wien 1978, S. 59.
25Lueger (1894), zitiert nach Stauracz: Dr. Karl Lueger, 1907, S. 160.
26"Lueger hetzte nicht nur gegen die Juden: Er zeigte die ärgste Intoleranz gegen alle, deren politische Anschauungen mit den seinen nicht übereinstimmten."; "Das einige, mächtige Österreich, das Lueger vorschwebte, war ein imperialistisches Österreich. Die Einigkeit sollte die Monarchie befähigen, eine bessere Stellung unter den Großstaaten zu erobern, dem Deutschen Reich als gleichwertiger Partner gegenüberzutreten." (Fuchs, 1978. S. 60ff.).
27Lueger zitiert nach Hamanns Ausführung: "Auch im Reichsrat konzentrierte sich Lueger ganz auf die Wiener Probleme und auf sein Feinbild, die Juden, mit der zündenden Parole: ,Groß-Wien darf nicht Groß-Jerusalem werden'. 1890 hielt er eine berühmte und jahrzehntelang zitierte Rede gegen die Juden: ,Ja, in Wien gibt es doch Juden wie Sand am Meere, wohin man geht, nichts als Juden; geht man ins Theater, nichts als Juden, geht man auf die Ringstraße, nichts als Juden, geht man in den Stadtpark, nichts als Juden, geht man ins Concert, nichts als Juden, geht man auf den Ball, nichts als Juden, geht man auf die Universität, wieder nichts als Juden.'" (Brigitte Hamann: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München, 1996, S. 404).
28Interesse am Erhalt oder an der Änderung der bestehenden Struktur zu haben, ist nach Bourdieu nicht als ein gezieltes Streben zu verstehen, sondern als eine Art Hingabe, d.h. sich zu dem im Feld vorherrschenden Spiel zu bekennen.
29Bourdieu: Sozialer Raum und "Klassen", 1991, S. 39.
30Bourdieu, 1991, S. 18.
31Bourdieu, 1999, S. 349.
32Fuchs, 1978, S. 46.
33Vgl. Schorske, 1994, S. 134ff.
34In dieser Studie kann auf die im Subfeld, d.h. zwischen den oppositionellen Parteien, insbesondere zwischen den Sozialdemokraten und Christlichsozialen herrschende Konkurrenz nicht eingegangen werden.
35"Seinen kometenhaften Aufstieg verdankte Lueger nicht zuletzt dem Ausscheiden Schönerers aus der Politik im Jahre 1888. Er verstand es sehr geschickt, dem ,Märtyrer' Schönerer öffentlich zu huldigen und gleichzeitig dessen Anhänger auf seine Seite zu ziehen." (Hamann, 1996, S. 404).
36Lueger (1896), nach Stauracz, 1907, S. 41.
37Schorske, 1982, 138.
38Schorske, 1982, 132.
39Schorske, 1994, S. 136.
40James Shedel: Variationen zum Thema Ornament. Kunst und das Problem des Wandels im Österreich der Jahrhundertwende, in: Alfred Pfabigan (Hg.): Ornament und Askese im Zeitgeist des Wien der Jahrhundertwende, Wien 1985, S. 93-109, hier S. 103.
41Der Politologe Claus Leggewie war es, gibt Hubertus Czernin an, der das erste Mal (1995) zwischen Lueger und Haider Ähnlichkeiten herausgearbeitet und "Parallelen zwischen dem sogenannt legendären Wiener Bürgermeister Karl Lueger und Jörg Haider ausgelotet hat. Parallelen zwischen einem rabiaten Christlich-Sozialen, der, wie Leggewie schreibt, sich als Tribun der industrialisierungsgeschädigten Gewerbetreibenden und Geschäftsleute auf den Schild heben ließ, unterstützt von rassistischen Scharfmachern und Kolumnisten und angefeuert von einer blutgierigen Menge`, und einem Freiheitlichen, der hundert Jahre später - in postmodernem Kontext vom flachen (Alpen-)Lande und den Wiener Randbezirken her neuerlich zum Sturm aufs rote (und nunmehr ergrünte) Wien aufruft, bevor er 1998 (oder früher) zum Sprung ins Kanzleramt anhebt und die von ihm beschworene Dritte Republik ausruft'".(Hubertus Czernin: Haiders Urgroßvater, in: Standard, 26.02.2000, Album, S.4-5).
42Lueger (1906), zit. nach Schorske, 1982, S. 169.
431,2,3, in: Jörg Haider: Befreite Zukunft jenseits von links und rechts. Menschliche Alternativen für eine Brücke ins neue Jahrtausend, Wien 1997. Ausführliche Untersuchung dazu, in: Zoltán Péter: Invarianten zur Person (in Druck bei Passagen Verlag, 2002).
44A. Fuchs konstatiert in seiner Interpretation eine - mit der neuen "Respektabilität" der Christlichsozialen zusammengehende - "Abdämpfung" des Antisemitismus. (Fuchs, 1978, S. 65).
45Bourdieu, Die historische Genese einer reinen Ästhetik, in: Christoph Wulf u.a. (Hg.), Praxis und Ästhetik, Frankfurt am Main 1993, S. 14-33, hier S. 18.
46"Sein sozialreformerischer Elan starb aus. Die materiellen Ressourcen der Gemeinde, die manche Reform gestattet hätten, wurden im wesentlichen so verwendet, wie sie auch von einer tüchtigen liberalen Administration verwendet worden wären."(Fuchs, 1978, S. 65).
47Lueger (1899), in: Stauracz, 1907, S. 182.
48Vgl. Bourdieu, zum Beispiel in: Sozialer Sinn, Frankfurt a. Main 1993, S. 101ff.
49Vgl. Hamann, 1996, S. 455.
50Lueger (1901), Stauracz, 1907, S. 182.
51Lueger (1900), ibid., S. 195.
52Lueger (1900), ibid., S. 195.
53Lueger (1904), ibid., S. 162.
54Lueger (1897), ibid., S. 190.
55Lueger, 1898, ibid. S. 191.
56Lueger, 1904. ibid. S. 189.
57Vgl. Luegers Stellungnahmen, z.B. "Bei allem, was ich getan habe, ließ ich mich von der Erwägung leiten: Was frommt, was nützt es dem Volke?", in: Stauracz: Dr. Karl Lueger, 1907, S. 282.
58Bourdieu: Praktische Vernunft, 1998, S. 21.
59Bourdieu: Praktische Vernunft, 1998, S. 16.
60Bourdieu: Die feinen Unterschiede, 1994, S. 282.
61"Mithin kann man einen Verlauf (das heißt das soziale Altern, das obwohl mit dem biologischen Altern unvermeidlich einhergehend, doch unabhängig von ihm ist) nur dann verstehen, wenn man zuvor die Abfolge der Zustände des Feldes konstruiert hat, in dem er sich vollzogen hat, also die Gesamtheit der objektiven Relationen, die den betreffenden Akteur - zumindest in einer gewissen Anzahl relevanter Zustände des Feldes - mit der Gesamtheit der im selben Feld tätigen und mit demselben Raum des Möglichen konfrontierten anderen Akteuren verbindet." (Bourdieu: Die biographische Illusion, in: Bourdieu, Praktische Vernunft, 1998, S. 82).