eForum zeitGeschichte 1/2002
Der Versuch, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen!
Einblicke in die Werkstatt der Dissertation "Zeitgeschichte und Internet"
von Wolfram Dornik

 

Wie kann man (nur) über das Internet seine Dissertation schreiben? Diese Frage stellen mir nicht nur KollegInnen, sondern auch ich mir selbst. Mittlerweile habe ich Zugänge gefunden, Fragestellungen formuliert und ein wenig Ordnung in mein Chaos - im Computer, der Link- und Literaturliste sowie im Kopf - gebracht. Der Arbeitstitel lautet lapidar "Zeitgeschichte und Internet" und ist Ausdruck dafür, dass sehr viele Zugänge möglich wären. Nachdem der zugegeben noch unausgereifte Fachdiskurs, die nur bedingt anwendbaren bestehenden Methoden und Thesen, die große Menge an fachfremder Literatur und der nahezu unüberblickbare Fundus an Quellen durchgesehen wurden, kann eines gesagt werden: Es gibt unzählige Fragen in Bezug auf das Internet, die aus der Sicht der Zeitgeschichte formuliert werden müssen. Ob sie auch beantwortet werden können, steht noch in den unendlichen Weiten des virtuellen Raums.

Grundsätzlich bietet das Internet viele Chancen, auf die wir als ZeithistorikerInnen nicht verzichten sollten: neue Publikationsformen (vor allem für junge WissenschafterInnen), nahezu unbegrenzte Recherchemöglichkeiten, schnellere und einfachere Kommunikation mit KollegInnen, multimediale Präsentation, mit der nicht nur das Fachpublikum, sondern auch eine interessierte Öffentlichkeit erreicht werden kann. Aber das Internet stellt uns vor beträchtliche Probleme: Wie sieht die Frage des Urheberrechts aus? Wie können Hypertexte mittel- und langfristig gespeichert werden? Kann das Internet überhaupt als Quelle im herkömmlichen Sinn von "Tradition" und "Überrest", wie wir es alle noch in unserem Grundstudium gelernt haben1, gelten? Welche Medienkompetenzen müssen wir HistorikerInnen erlernen, um mit dem Internet umgehen zu können? Reicht eine technische Einführung in die Hard- und Software, oder müssen andere Fähigkeiten erworben werden? Welche sind das? Wie können Universitäten und andere Bildungseinrichtungen das Internet so nutzen, dass es für sie von Vorteil ist und zu einer Entlastung beiträgt? Oder ist gar all die Aufregung um das Internet nur eine Hyperwirkung?

All diese Fragestellungen und Möglichkeiten werden nun erst diskutiert. Nach anfänglicher Euphorie einiger weniger HistorikerInnen, treten die ersten Ernüchterungserscheinungen auf. Zu allem Überdruss gibt es kaum Fachgebiete, die hier nützliche Lösungen für HistorikerInnen bereitstellen würden. Die technischen Wissenschaften beschäftigen sich naturgemäß überwiegend mit der Entwicklung von Hard- und Softwarelösungen, die Medienwissenschaften und die Soziologie analysieren die Auswirkungen auf die Gesellschaft2, die Literatur- und Sprachwissenschaften beobachten Diskurse3. Brauchbare Arbeiten zu den Veränderungen im historischen Wissenschaftsbetrieb sind rar.4 Gerade deshalb müssen wir uns nun mit dem Internet beschäftigen, denn davor verschließen wird sich die zeithistorische Community nicht können!
 

Ein paar Daten zum und viele Projekte im Internet

Außerhalb des Wissenschaftsbetriebes stellt die Media-Analyse 1999 für Österreich bereits eine Internet-Nutzung von etwas mehr als einem Fünftel fest. Die beliebtesten Dienste 1999 waren E-Mail (15,7 Prozent), gezieltes Suchen im Netz (15 Prozent) und allgemeines Surfen (11,1 Prozent).5 Bereits zwei Jahre später ist die Internetnutzung gesamt auf 38,6 Prozent angestiegen. Mit Abstand die beliebteste Dienstleistung ist auch 2001 E-Mail (31,2 Prozent), gefolgt von "anderem gezielten Surfen" (29,1 Prozent), dem Zugriff auf Zeitungs- und Zeitschrifteninhalte (15,9 Prozent)",ungezieltem Surfen" (14,1 Prozent) sowie Herunterladen von Software, Hören oder Herunterladen von Musik, Internet-Banking und Chatten/Newsgroups/Foren (je rund 11 Prozent).6 Bereits beim Vergleich der beiden Statistiken von 1999 und 2001 wird deutlich, dass sich die Internet-Nutzung der ÖsterreicherInnen sehr stark ausdifferenziert hat.

Auch die Zahl der wissenschaftlichen Homepages ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, möchte ich den riskanten Versuch wagen, einige Beispiele von österreichischen ZeithistorikerInnen zu nennen: Reinhold Wagnleitner von der Universität Salzburg mit einer Reihe von einschlägigen Lehrveranstaltungen, Projekten und Publikationen.7 Ingrid Böhler von der Universität Innsbruck mit dem von ihr betreuten "Zeitgeschichte-Informations-System" (ZIS).8 Die Grazer Historiker Manfred Lechner mit seiner Homepage und CD-ROM als Publikation zum Österreichischen Zeitgeschichtetag 19999 und Gerald Lamprecht sowie Roman Urbaner mit ihrer Internetzeitschrift "eForum zeitGeschichte".10 Einer der ersten Historiker im Netz mit eigener, laufend aktualisierter Homepage war Robert Holzbauer,11 aber auch andere sind ihm bereits gefolgt.12 Das Projekt "HistoryShow" der Universität Wien hat wichtige methodische Zugänge für die Geschichte im Internet beziehungsweise in den neuen Medien präsentiert.13 Auch andere Projekte von KollegInnen wären noch zu nennen, aber dazu fehlt hier der Platz, und das ist auch nicht der Sinn dieses Artikels. Dazu möchte ich auf meine Homepage verweisen, auf der eine umfangreiche (deshalb unkommentierte!) Linkliste zu finden ist.14
 

Aufbau und Konzeption

Lange überlegte ich, meine Dissertation als Projekt im Internet aufzuziehen: Mit einer eigenen Homepage, mit Diskussionsforen, der Möglichkeit zur Präsentation von wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema und anderen Rubriken. Einen virtuellen Raum zu schaffen, auf dem sich FachkollegInnen treffen, diskutieren und austauschen können. Dieses Projekt hätte dann am Ende in Form einer CD-ROM eingereicht werden können. Es wäre vielleicht einfacher gewesen, den Hypertext aktiv im Hypertext zu besprechen und dann auf einem digitalen Speichermedium zu fixieren - sieht man von den nur zum Teil vorhandenen technischen Fertigkeiten und den noch nicht gelösten universitätsorganisatorischen Problemen (Stichwort: Richtlinien für Dissertationen) ab. Nach reiflicher Überlegung kam ich jedoch zum Schluss, den Hypertext für die Dissertation nur passiv zu nutzen und diesen dann in einer traditionellen, analogen Publikationsform zu präsentieren. Bereits diese Fragestellung zwingt jedoch dazu, sich näher mit der langfristigen Speicherung und dem Problem der Quelle "Internetprodukt" zu beschäftigen. Die "langsame" Medienform Buch ermöglicht andere Zugänge als ein weiteres von bereits unzähligen Projekten im Internet. Mit der analogen Lösung tauchen andere Probleme auf, denn wie soll eine Homepage rezensiert werden, wenn sie in einem Buch nur schwer dem Leser veranschaulicht (!) werden kann? Ganz abgesehen von dem inneren Widerspruch, Hypertext nicht aktiv als Hypertext zu bearbeiten, sondern "nur" passiv rezipierend.

Nachdem ich mich nun für die "traditionelle" Vorgehensweise in Buchform entschieden habe, war der nächste Schritt, den Aufbau und Inhalt zu definieren. Das Ziel ist auf keinen Fall, einen kommentierten Linkkatalog zu präsentieren, der bereits wenige Monate nach Abschluss der Recherchen wieder veraltet sein würde. Genauso ist eine technische Abhandlung über Hard- und Software zum Gebrauch in der Zeitgeschichte nicht das gewünschte Ziel, ich schreibe meine Dissertation nicht an einer Technischen Universität. Ich schreibe meine Dissertation als noch relativ traditionell ausgebildeter (Zeit)Historiker, der versucht, eine kritische Bestandsaufnahme der österreichischen Zeitgeschichte im Internet zu machen. Welche Tendenzen, Möglichkeiten, Gefahren und Chancen sind erkennbar? Welche Fragen und Antworten zum Internet bieten zum Beispiel die Werke von Michel Foucault an? Wieweit ist es möglich, mit unserem bisherigen methodischen Handwerk im Internet zu arbeiten? Müssen neue Methoden entwickelt werden oder reichen die bisherigen und müssen nur ein wenig umformuliert werden?

Die Dissertation selbst wird in drei Schritten aufgebaut werden: Die Einführung beinhaltet Begriffsdefinitionen, Fragestellungen, Eingrenzungen, bietet eine kurze Geschichte des Internets und nimmt eine statistische Bestandsaufnahme des Internets seit 1995 vor. Seit diesem Jahr beginnt sich das Internet in der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zu etablieren.15 Eine der ersten und wichtigsten Eingrenzungen wird bereits beim Begriff "österreichische Zeitgeschichte" im Internet vorgenommen werden müssen. Es ist nicht möglich, den gesamten Content von österreichischer Zeitgeschichte im Internet - sowohl thematischer wie auch räumlicher Bezug - zu erfassen: von privaten Institutionen bis universitären Einrichtungen, von Schulprojekten bis zu Online-Publikationen und -Projekten einzelner HistorikerInnen. Ganz zu schweigen von den österreichischen, aber auch weltweit unzähligen Archiven und Online-Datenbanken, die für die österreichische Zeitgeschichteforschung relevant sind. Denn bei einer breiten Auslegung ist jedes Online-Zeitungsarchiv der Welt Teil der Definition.

So wird beabsichtigt, den Begriff "österreichische Zeitgeschichte" in der Arbeit nur auf Projekte auszudehnen, die einen wissenschaftlichen Anspruch erheben wollen, denn nur solche Arbeiten berühren Forschung und (universitäre) Lehre. Ob dieser wissenschaftliche Anspruch letzten Endes erreicht wird, ist auch eine Frage die in der Analyse thematisiert werden soll. Die unzähligen Homepages von Privatpersonen, von Schulen und diversen Vereinen, die (zeit)historische Aspekte darzustellen versuchen, werden nicht behandelt werden. Es ist zwar äußerst interessant, wie im Netz Geschichte von der Öffentlichkeit erinnert wird, welche Themen wie dargestellt werden. All diese Aspekte würden jedoch eine eigene Dissertation füllen. Ganz abgesehen von den unzähligen neonazistischen, revisionistischen, rechtsextremen und antisemitischen Sites, die nicht diskutiert werden und ein Fall für die Meldestelle des Innenministeriums für Rechtsextremismus im Internet sind.16

Dass dies eine zweifelsohne problematische Eingrenzung darstellt, ist klar. Wo können die Grenzen gezogen werden? Sind Kunstprojekte, die sich mit zeithistorischen Problemen beschäftigen, Teil dieser Definition?17 Klar ist bisher nur, dass die Eingrenzung aufgrund des unglaublichen Quellenumfangs dringend notwendig ist, denn meine Linkliste explodiert. Aktueller Stand sind etwas mehr als 500 Links, rund die Hälfte davon sind Ressourcen zur österreichischen Zeitgeschichte, der Rest zu internationalen Sites.
 

Recherche und Hypothese

Nun stellt sich die Frage, wie ich bei der Recherche nach Ressourcen und bei der Auswahl für die Linkliste vorgehe. Die Antwort darauf zeigt sehr schön, welche Informationen im Netz stehen. Dazu möchte ich ein Beispiel ausführlicher beschreiben: Als bevorzugte Suchmaschine verwende ich www.google.com, da dieselbe zu jenen gehört, die auf die meisten Webseiten zugreifen kann.18 Bei einer Recherche nach den Begriffen "Ständestaat"",Austrofaschismus" konnte eine nicht unwesentliche Anzahl von Ergebnissen - dreistellige Zahl! - erzielt werden. Bereits bei ungenauem Durchsehen stellte sich Ernüchterung ein, denn es schien viel "Datenmüll" dabei zu sein. Durch die Beifügung ".at" in der Suchzeile wurde die Suche auf österreichische Ressourcen eingeschränkt, womit auch jene Seiten wegfallen, die sich auf den mittelalterlichen Ständestaat beziehen und somit nichts mit dem "christlichen Ständestaat" der österreichischen Zwischenkriegszeit zu tun haben. Im Gegensatz dazu werden Seiten, die zum Beispiel eine .com-Endung haben, ausgeschlossen. Weiters muss beachtet werden, dass in der Ergebnisliste ein und dieselbe Seite oft mehrmals angezeigt wird. Der nächste Schritt ist es, eben diese Mehrfachreferenzen herauszufiltern. Ist auch dieser Schritt durchgeführt, bleiben rund 20 Links. Diese setzen sich zusammen aus: Hinweisen auf Aufsätze in wissenschaftlichen Zeitschriften; Hinweisen auf Berichte oder Artikel in Zeitungen oder Radios, die eine Online-Ausgabe führen; Schülerprojekte; Archivnachweise zum Thema von diversen Institutionen; eingescannten Quellen (z.B. vom ZIS); Seiten von politischen (Vorfeld)Organisationen; und zu guter Letzt wissenschaftlichen Seiten. Dies zeigt sehr deutlich, dass trotz umfangreicher Suchergebnisse nach der Filterung nur mehr relativ wenig übrig bleibt.

Würde jedoch eine andere Suchmaschine verwendet, zu einem anderen Zeitpunkt recherchiert oder andere Stichwörter ausgewählt werden, änderten sich auch Umfang und Qualität der Ergebnisse. Deshalb ist es sinnvoll, eine Stichwortliste zur österreichischen Zeitgeschichte anzulegen, nach der bei der Suche vorgegangen werden kann. Diese Liste sollte permanent ergänzt werden und soll Namen, Jahreszahlen, (Fach)Begriffe und so weiter enthalten. Der quantitative und qualitative Output ändert sich natürlich bei der Anwendung verschiedener Suchmaschinen und -strategien. Eine weitere Strategie, Links zu sammeln, ist, die Linklisten der schon aufgenommenen Homepages nach noch Unbekanntem zu durchforsten. Nicht zu vergessen sind die Hinweise von den diversen Mailinglisten oder Newslettern auf Neues im Netz. Die gezielte Recherche nach bestimmten Inhalten bleibt trotzdem nur zu oft die viel zitierte Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Das zweiten Kapitel der Dissertation wird von zwei Arbeitshypothesen eingeleitet: Zum einen ist das eine sozialwissenschaftliche uses-and-gratification-Studie, die sich mit Substitutions- und Komplementäreffekten des Internets mit herkömmlichen Medien beschäftigt.19 In der Theoriewelt gibt es nämlich unterschiedliche Ansichten, ob das Internet "alte Medien" verdrängen wird oder sich die einzelnen Medien, je nach Vor- und Nachteilen, gegenseitig befruchten.20 Die Arbeitshypothese geht davon aus, dass Letzteres der Fall sein wird. So ist es höchst wahrscheinlich, dass Lexika, Registerkarteien, Datenbanken und Ähnliches digitalisiert und mit Hilfe einer Homepage der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Tod des Mediums Buch, gedruckter Publikationen oder von real existierenden Bibliotheken und Archiven ist auf jeden Fall nicht absehbar.

Die zweite Hypothese ist eine medienwissenschaftliche. Da es sich beim Internet um ein ziemlich neues Medium handelt, bei dem sich die Funktionsweisen erst herausbilden, war es notwendig, ein möglichst breit angelegtes theoretisches Konzept zu finden: Dies wurde gefunden im "medientheoretischen Trivium" Ästhetik - Semiotik - Rhetorik. Wenn man sich die Kette "Wahrnehmen (und seine wissenschaftliche Disziplin Ästhetik) - Deuten/Verstehen (in der Semiotik) - Darstellen (in der Rhetorik)" vor Augen führt, wird die Bedeutung des Triviums für einen kommunikativen Prozess klar. Diese Arbeitshypothese ist ein sehr nützliches Hilfsmittel, um Medienprodukte jeglicher Art zu beschreiben und zu analysieren. Genau aus diesem Grund wird es in der Dissertation angewendet.

Das "medientheoretische Trivium" wurde von Prof. Bernhard Pelzl in seinen Lehrveranstaltungen am Institut für Anglistik der Universität Graz im Studienjahr 2001/02 als work-in-progress entwickelt. Dadurch soll ein Werkzeug geschaffen werden, um Medienprodukte (egal ob es sich um ein mittelalterliches Bild von Jan van Eyck, um eine ZIB 1-Sendung oder um eine Homepage handelt) zu analysieren. Diese Methodik wird angewendet, da bisherige medientheoretische Konzepte nicht oder nur bedingt anwendbar sind. Sie sind häufig entweder ausschließlich Beschreibungen von aktuellen Tendenzen oder schlichtweg veraltet, dazu gehören Arbeiten von Marshall McLuhan, Neil Postman, Florian Rötzer und anderen.

Bevor wir zu einer Analyse der typologisierten Homepages kommen, werde ich mich mit diversen Bewertungskatalogen und -kriterien beschäftigen, die bisher zur Beurteilung von (wissenschaftlichem) Netz-Content erstellt wurden. Diese sind überwiegend als erste Normierungsversuche einzustufen, die noch entrümpelt beziehungsweise ergänzt werden müssen. So vermischen fast alle diese Kataloge traditionelle Bewertungskriterien von Publikationen/Quellen (Titel, Autor, Erscheinungsjahr, ...) mit neuen technischen Anforderungen (Datum und Uhrzeit, Aktualisierung, Browser, Betriebssystem bis hin zu Fragen nach der Hardware). Dies führt oft zu sehr guten Ergebnissen, manchmal jedoch auch zur Überbewertung einzelner technischer oder rezeptionsbedingter Faktoren.21
 

Ordnung ins Chaos bringen!?

Der nächste Schritt ist die Erstellung einer Typologie von Websites zur österreichischen Zeitgeschichte. Die eingangs erwähnten Hypothesen werden dann dieser Typologie folgend angewandt:

Repräsentativseiten von Institutionen: Darin sind Universitäten, private Institutionen, Einzelpersonen, wissenschaftliche und/oder kulturelle Vereine, öffentliche Einrichtungen, Verlage und vieles mehr enthalten. Diesen Repräsentativseiten liegt natürlich eine nahezu unüberblickbare Zahl zugrunde!

Thematische Homepages: Darin sind Online-Ausstellungen und Projekte enthalten, die entweder ausschließlich im Internet erscheinen oder parallel im "realen" Raum präsentiert werden, wie zum Beispiel häufig bei Ausstellungen. In einem ersten Schritt wurden hier bereits erste thematische Unterteilungen vorgenommen: Allgemeine Zeitgeschichte (Regionalgeschichte, Kulturgeschichte ...); Autoritäre Regierungsdiktatur ("christlicher Ständestaat"",Austrofaschismus"); Erster Weltkrieg und Monarchie; Nationalsozialismus - Holocaust - Zweiter Weltkrieg; Zweite Republik. Diese werden nach weiteren Recherchen noch durch einzelne Unterkategorien erweitert werden, denn ab einem gewissen Ressourcen-Umfang - ab rund zehn Links zu einem Thema - wird eine neue Kategorie angelegt. Bisher ist die größte dieser Rubriken die zu Nationalsozialismus - Holocaust - Zweiter Weltkrieg, die kleinste zum Ersten Weltkrieg und der Monarchie.

Online-Datenbanken: Darin sind Datenbanken von Archiven, Bibliotheken, Museen, Sammlungen, Aufstellungen und anderen Institutionen enthalten, die über das Internet abgefragt werden können. Diese reichen von Dissertationsdatenbanken bis zu Bildarchiven oder thematischen Datenbanken.

eForen, eZeitschriften, eGuids: Diese drei Typen entwickeln sich immer mehr zu Kommunikationsplattformen im Rahmen der wissenschaftlichen Fachinformation im Internet. Wobei eine Abgrenzung untereinander sehr schwierig ist, da sie nur in den seltensten Fällen in Reinform vorkommen und sich bemühen, möglichst viele Aktionsmöglichkeiten anzubieten.

Auch meine Linkliste habe ich nach dieser Typologie aufgebaut. Nach den bisher erfolgten Recherchen spiegelt die Reihenfolge der Typologie auch den quantitativen Umfang wieder: Aufgrund der großen Menge an zeithistorisch relevanten Institutionen, zählen die Repräsentativseiten mit rund 90 Links zur größten Gruppe. Bereits etwas geringer ist der Umfang bei den thematischen Seiten mit ungefähr 80 Verweisen. Online-Datenbanken stehen mit 44 Links an dritter Stelle. Da sich erst eine historische Fachinformation mit den dazugehörenden Formen etabliert, sind erst relativ wenige eForen, eZeitschriften und eGuids zu finden, nämlich etwas weniger als 20. Parallel zu den österreichischen Zeitgeschichte-Sites führe ich auch eine Liste mit internationalen Links. Hier ist vor allem in Bezug auf die letzten beiden Typen zu verweisen, da eine Abgrenzung zur explizit österreichischen Zeitgeschichte in diesem Bereich von der individuellen Fragestellung abhängt.22

Bei der Analyse der einzelnen Typen wird nicht nur nach inhaltlichen und gestalterischen Kriterien gefragt. Auch die vermittelten Geschichtsbilder, die moralisch und/oder didaktischen Ambitionen und die Zielgruppen sollen analysiert werden. Wie wird versucht, die Aufmerksamkeit des Rezipienten zu halten? Leiden darunter die inhaltlichen und didaktischen Ansprüche? Trotz der oben erwähnten Eingrenzung des Materials ist es wegen der umfangreichen Analyse nicht möglich, zu jeder einzelnen Typologie alles, was dazu im Netz zu finden ist, auch zu behandeln. Anhand von einigen wenigen möglichst repräsentativen Beispielen soll eine umfangreiche Kritik vorgenommen werden, die einer Rezension oder einem Essay ähnlich ist. Dadurch sollen positive und/oder negative Tendenzen aufgezeigt werden.

Eine weitere wichtige Quelle werden Interviews sein. HistorikerInnen, die bereits mit verschiedenen Projekten im Internet Erfahrungen gemacht haben, werden hierbei befragt. Die "Gespräche" werden per E-Mail geführt, wobei sich der Fragebogen aus zwei allgemeinen Teilen und einem auf die einzelnen Befragten zugeschnittenen Abschnitt zusammensetzt. Dieser dritte Teil soll vor allem die Probleme, deren Lösungsstrategien und die (offenen) Fragen thematisieren, vor denen die Befragten bei ihren eigenen Projekten standen. Grundvoraussetzung dafür ist, dass sich die ProponentInnen damit einverstanden erklärten, dass die von ihnen gegebenen Antworten in der Dissertation zitiert werden dürfen. Erste Tendenzen können hier noch nicht angedeutet werden, da die Forschungen zu diesem Teil noch zu wenig fortgeschritten sind.
 

Ausblick

Der Schluss der Arbeit ist ein überwiegend selbstreflexives Kapitel. Vor welchen Problemen bin ich selbst gestanden, wie konnten sie gelöst werden? Welche Fragestellungen bleiben unbeantwortet? Inwiefern konnten Vorschläge aus der Literatur zur Objektivierung von Online-Publikationen erfolgreich angewendet werden? Welche Vorschläge zum wissenschaftlichen Arbeiten mit dem Internet können weitergegeben werden?

Ist es bereits möglich, Ziele der Dissertation zu nennen? - Ja, eines der wichtigsten Ziele ist bereits in der Überschrift dieses Artikels vorweggenommen. Ich möchte versuchen, ein wenig Ordnung ins Chaos - nicht nur das Chaos in meinem Kopf, sondern auch im Internet - zu bringen. Meine Arbeit soll also einen Beitrag zur Herausbildung von Normen und einer historischen "Cyberkultur" darstellen. Auch wenn ich mit diesem Vorhaben scheitere,23 bleiben einige wichtige Erkenntnisse; sei es zum Umgang mit dem Internet für (die eigene zukünftige) wissenschaftliche Arbeit, oder seien es umfangreiche Kenntnisse zum Aussehen der österreichischen "virtuellen Zeitgeschichte".24 Außerdem haben die bisherigen Arbeiten unzählige Ideen und Eindrücke geweckt, was zum Thema Zeitgeschichte und Internet noch nicht erforscht ist: Erinnerung und Darstellung von Geschichte im Internet; Veränderung von Rezeptionsverhalten von (nicht nur) historischem Wissen; neue Möglichkeiten der Öffentlichkeit für Geschichte - das heißt Präsentation von Geschichte abseits von Schulen, Museen, Denkmälern.

Bis zur endgültigen Konzeption der Dissertation - die hoffentlich im Laufe des Jahres 2003 zum Abschluss gebracht werden kann - werden höchstwahrscheinlich noch einige Änderungen vorgenommen. So verstehe ich meine Arbeit als work in progress und nicht als sturen Monolithen. - Das würde ja auch gegen die Dynamik des Internets sprechen. 



 
 
1Vgl.: Egon BOSHOF, Kurt DÜWELL, Hans KLOFT, Grundlagen des Studiums der Geschichte. Eine Einführung, Köln, Weimar, Wien, 19975, S. 216-270; Volker SELLIN, Einführung in die Geschichtswissenschaft, Göttingen, 1995, S. 44-49.
2Vgl.: Sherry TURKLE, Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet, Hamburg, 1998; Patrick RÖSSLER (Hg.), Online-Kommunikation. Beiträge zu Nutzung und Wirkung, Wiesbaden, 1998; Florian RÖTZER, Digitale Weltentwürfe. Streifzüge durch die Netzkultur, München, Wien, 1998.
3Vgl.: Klaudia PROKOPCZUK, Arthur TIUTENKO, Text im Hypertext. Ein textlinguistischer Blick auf die Informationsgestaltung im Internet, aus: Georg BRAUNGART, Karl EIBL, Fotis JANNIDIS (Hg.), Jahrbuch für Computerphilologie 3, Paderborn, 2001, S. 107-128; siehe: <http://computerphilologie.uni-muenchen.de/jg01/tiutenko.html>.
4Zu diesen wertvollen Arbeiten gehört auf jeden Fall der Sammelband von: Stuart JENKS, Stephanie MARRA (Hg.), Internet-Handbuch Geschichte, Köln, Weimar, Wien, 2001.
5Vgl.: <http://www.media-analyse.at/frmdata1999.html>.
6Vgl.: <http://www.media-analyse.at/data/ma2001/int2001.html>.
7Vgl.: <http://www.sbg.ac.at/hai/heimat.htm>, aber auch der von Wagnleitner betreute Geschichte-Guide: <http://www.sbg.ac.at/ges/people/wagnleitner/gui04/home.htm>.
8Vgl.: <http://zis.uibk.ac.at>.
9Die Seite <http://www.zeitgeschichte.at> ist seit einiger Zeit nicht mehr online. Der Inhalt ist auf der CD-ROM zum Zeitgeschichtetag zu finden: Manfred LECHNER, Dietmar SEILER (Hg.), zeitgeschichte.at. 4. Österreichischer Zeitgeschichtetag 1999, Innsbruck, Wien, München, CD-ROM, Buch, 1999.
10Vgl.:<http://www.eforum-zeitgeschichte.at>.
11Vgl.: <http://members.aon.at/robert.holzbauer/index.htm> bzw. <http://www.holzbauer.net>.
12Zum Beispiel Walter Menzel: <http://members.aon.at/zeitgeschichte/>.
13Vgl.: <http://www.univie.ac.at/HistoryShow/historyshow.html>.
14<http://www.inig.at/users/dornik/>.
15Dies zeigt sich auch bei den Österreichischen Zeitgeschichtetagen 1997 in Wien und 1999 in Graz, als diese Überlegungen zu ersten Ergebnissen führen: Gertraud DIENDORFER, Gerhard JAGSCHITZ, Oliver RATHKOLB (Hg.), Zeitgeschichte im Wandel. 3. Österreichische Zeitgeschichtetage 1997, Innsbruck, Wien, 1998; Manfred LECHNER, Dietmar SEILER (Hg.), zeitgeschichte.at. 4. Österreichischer Zeitgeschichtetag 1999, Innsbruck, Wien, München, CD-ROM, Buch, 1999.
16Diesbezügliche Links können an folgende Adresse geschickt werden: staatspolizei@mail.bmi.gv.at
17Ein sehr schönes Beispiel für ein solches Projekt ist auf <http://www.yorku.ca/bodymissing/> zu finden. Dieses österreichisch-kanadische Kunstprojekt setzt sich mit Arisierung in Linz auseinander. Mit dem Thema Arisierung und Kunstraub in Salzburg befasst sich folgendes Projekt: <http://www.t0.or.at/rueckgabe/>.
18Hier noch einige andere (Meta)Suchmaschinen: <http://www.infospace.com/info.gopher/>, <http://www.yippy.de/>, <http://www.klammeraffe.at/>, <http://www.lycos.de/>, <http://meta.rrzn.uni-hannover.de/>, <http://dmoz.org/>, <http://www.pepesearch.co.uk/>, <http://www.speedfind.de/>, <http://de.yahoo.com/>.
19Stützt sich überwiegend auf die Arbeiten von: Lutz M. HAGEN, Online-Nutzung und Nutzung von Massenmedien. Eine Analyse von Substitutions- und Komplementärbeziehungen, aus: Patrick RÖSSLER, Online-Kommunikation, S. 105-122; Norbert GABRIEL, Kulturwissenschaften und Neue Medien. Wissensvermittlung im digitalen Zeitalter, Darmstadt, 1997.
20Sehr ausführlich dargestellt ist dies bei: HAGEN, Online-Nutzung, S. 105 f.
21Einige Beispiel aus der Literatur und dem Internet für solche Bewertungskataloge: Waltraud BUSCHBACHER, Elisabeth ERDMANN, Geschichtsdidaktik, aus: JENKS, MARRA, Internet-Handbuch Geschichte, S. 147-149; Stephanie MARRA, Online-Angebote zwischen Popularität und Wissenschaft, aus: JENKS, MARRA, Internet-Handbuch Geschichte, S. 261-264. Auch dazu ist noch einmal das Projekt "HistoryShow" zu erwähnen; siehe dazu genau: <http://www.univie.ac.at/HistoryShow/hs/medien/internet.html>.
22Für eine Auswahl von Links zur österreichischen Zeitgeschichte, möchte ich noch einmal auf meine Homepage verweisen: <http://www.inig.at/users/dornik/Links.htm>.
23"Failure is the great modern taboo.": Richard SENNETT, The Corrosion of Character. The personal consequences of work in New Capitalism, New York, London, 1998, S. 118.
24Hier ist nicht die "virtuelle" Geschichte gemeint, deren wichtigste Frage "Was wäre, wenn ..." ist; siehe: Niall FERGUSON (Hg.), Virtuelle Geschichte. Historische Alternativen im 20. Jahrhundert, Darmstadt, 1999.