1/2 2003

Dezember 2003

Editorial


 

Die Aufgaben der steirischen Amtsärzte im Rahmen der antiindividualistisch-rassenhygienisch orientierten Gesundheitspolitik im Nationalsozialismus

Birgit Poier

Beitrag

Ziel des Beitrages ist es, die Aufgaben der Amtsärzte in der nationalsozialistischen Erb- und Rassenpflege darzustellen. Dabei soll einerseits gezeigt werden, dass und weshalb gerade diese Berufsgruppe im Nationalsozialismus einen ungeahnten Aufschwung erfahren hat. Andererseits soll ausgehend von den einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen versucht werden, die regionale Situation in der Steiermark zu veranschaulichen.

 

Die "Kultur des Krieges"
Zur Struktur, Ausprägung und Wirkung der nationalsozialistischen "Organisationskultur"

Michael von Prollius

Beitrag

Diese Überlegungen verstehen sich als eine Annäherung an eine kulturelle und institutionelle Erklärung des Nationalsozialismus. Dazu wird zunächst ein soziologisch fundiertes Analysekonzept vorgestellt; von der Definition der Organisationskultur ausgehend werden Kulturelemente des Nationalsozialismus systematisiert und schließlich Bedeutung und Wirkung dieser "Kultur des Krieges" für die Funktionsweise des NS-Systems skizziert.

 

Anmerkungen zum grenzüberschreitenden Kleinhandel beim Zerfall von Industrieländern

Henrik Egbert

Beitrag

Grenzüberschreitende Kleinhandelsaktivitäten stellen eine individuelle Handlungsstrategie in ökonomischen Krisen dar, die durch territorialen Staatszerfall von Industrieländern ausgelöst wurden. Anhand zweier Beispiele der europäischen Geschichte werden grenzüberschreitende Kleinhandelsaktivitäten als eine unmittelbare Reaktion von Menschen auf zusammengebrochene Wirtschafts- und Sozialsysteme beschrieben. Bezug genommen wird auf die territorialen Zerfallsprozesse in Osteuropa in der ersten Hälfte der 1990er Jahre und die Teilung des Deutschen Reiches nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Aus diesen Beobachtungen wird die Folgerung abgeleitet, dass ähnlich Aktivitäten auch in Zukunft zu erwarten sind, sollte es zu territorialen Zerfallsprozessen heutiger Schwellen- oder Industrieländer kommen.

 

"Aura des Authentischen" - Erinnerung und Traumata im Dokumentarfilm

Podiumsdiskussion im Rahmen des Filmfestivals "Diagonale 2003"

Paulus Hochgatterer, Michael Loebenstein,
Heidemarie Uhl

Beitrag

Anhand der Diskussion einiger Referenzfilme wird der Frage der Authentizität in Dokumantarfilmen nachgegangen. Zeitzeugenporträts bzw. Dokumentarfilme über die NS-Vergangenheit zählen seit der geschichtspolitischen Zäsur der "Waldheim"-Debatte 1986 zu den zentralen "Genres" des österreichischen Films. Mit einer Reihe (semi-)dokumentarischer Arbeiten scheint sich nun erstmals auch in der filmischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine Generationenwende abzuzeichnen. Diese Filme zeugen vom Bemühen der (tatsächlichen) Enkelgeneration, sich die NS-Geschichte, die ihrem Erfahrung- und Lebensbereich durch die wachsende zeitliche Distanz allmählich fremd zu werden droht, auf sehr persönliche Weise, über die Biografien ihrer Großväter, neu "anzueignen".

 

"Historisches Bewusstsein im jüdischen Kontext" (Tagungsbericht)

Roman Urbaner

Beitrag

"Gedächtnis" und "Erinnerung" sind zwei Begriffe, die in den letzten Jahren in den Kulturwissenschaften große Aufmerksamkeit erfahren haben. Auch im Rahmen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte der Juden haben sie zentrale Bedeutung erlangt, nicht nur in Zusammenhang mit der Erforschung des Holocausts. Das Centrum für Jüdische Studien an der Karl-Franzens-Universität Graz veranstaltete im Herbst 2002 eine Konferenz zum Thema "Historisches Bewusstsein im jüdischen Kontext". Neben "Gedächtnis" und "Erinnerung" spielten vor allem Traditionen in der Historiographie, Spannungsverläufe zwischen historisch-säkularem und religiösem Bewusstsein, der Umgang mit deutsch-jüdischer Beziehungsgeschichte und jüdischer Geschichte durch Juden und Nichtjuden, durch Maskilim und Vertreter der "Wissenschaft des Judentums" sowie jüdische Museen eine zentrale Rolle.

 

10. Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager (Tagungsbericht)

Christine Wolters

Beitrag

In Herbst 2003 fand in Ebensee der 10. Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager statt. Die jährlich durchgeführte interdisziplinäre Tagung richtet sich vor allem an junge Wissenschaftler, die noch nicht im Forschungsbetrieb etabliert sind und zumeist an ihrer Dissertation arbeiten bzw. sich mit dem Thema "Geschichte der Konzentrationslager" im weiteren Sinne beschäftigen. Als solche wird sie von einer wechselnden Gruppe aus dem Kreis der teilnehmenden DoktorandInnen organisiert. Die thematischen Schwerpunkte der 12 aus unterschiedlichsten Disziplinen kommenden ReferentInnen lagen in Ebensee bei: "Das KZ als Ort des Gedenkens und der Auseinandersetzung", "Das Konzentrationslager als interdisziplinärer Forschungsgegenstand" und "Handlungsfelder im KZ".


 

"Geschichte und Internet"

(Zeit)HistorikerInnen im virtuellen Raum
Strukturen - Macht - Ästhetik

Panel 22 vom 6. österreichischen Zeitgeschichtetag 2003 (Salzburg, 28.9.- 1.10. 2003)

"kunst - kommunikation - macht"

 

"eForum zeitGeschichte" - neue Medien und Geschichtswissenschaft

Fragen des elektronischen Publizierens in der Zeitgeschichte anhand eines Erfahrungsberichtes

Gerald Lamprecht,
Roman Urbaner

Beitrag

In den letzen Jahren fand mit einiger Verspätung zu den Naturwissenschaften das Internet und in Ansätzen das Online-Publizieren auch in den Geisteswissenschaften Eingang. In diesem Beitrag werden grundsätzliche Fragen des elektronischen Publizierens anhand der Erfahrungen, die die Herausgeber mit der zeithistorischen Online-Zeitschrift "eForum zeitGeschichte" gemacht haben, behandelt. Die angesprochenen Problemfelder bewegen sich zwischen den Polen der Qualitätssicherung, Archivierung und Fragen der Möglichkeiten der vernetzten wissenschaftlichen Kommunikation. Den Ausgangspunkt der Überlegungen bildet eine Zusammenschau in erster Linie österreichischer Online-Publikations-Projekte. In einem weiteren Schritt wird die Grundkonzeption, die dem "eForum" zu Grunde liegt, erläutert.

 

Cyber-Ego

Persönliche Homepages von (Kultur-)WissenschaftlerInnen: Vorstellung - Darstellung - Schaustellung

Gudrun Hopf

Beitrag

Wie präsentieren sich WissenschaftlerInnen im Netz? Noch ist die Zahl der Kultur- und SozialwissenschaftlerInnen mit eigener Homepage gering, doch sie wächst zusehends. Das World Wide Web ist ein Ort der wissenschaftlichen Präsentation und Selbstpräsentation geworden. Das neue Medium verlangt nach neuen Formen. Bisherige Formen wissenschaftlicher Textproduktion werden damit in Frage gestellt. Die Selbstpräsentation im Internet ist eine Herausforderung, sowohl was sprachliche als auch formale Gestaltung betrifft. Einen Königsweg gibt es nicht; es gilt, individuell passende Formen zu finden. In diesem Beitrag wird versucht, aus der Beobachtung einzelner Web-Präsenzen von (Kultur-)WissenschaftlerInnen einige Schlussfolgerungen zu ziehen.

 

Hoax or History?

Verschwörungsszenarien im World Wide Web als Herausforderung klassischer Historiographie

Erwin Giedenbacher

Beitrag

Für den Fachhistoriker stellt sich das Internet als faszinierende Fundgrube von alternativen, d.h. von der offiziellen Diskussion und den gängigen wissenschaftlichen Diskursen abweichenden Sichtweisen geschichtlicher Vorgänge dar. Der Bogen dabei spannt sich von Genealogen über Reenactment-Fans bis zu den im Internet sehr stark vertretenen radikalen Gruppen wie z.B. Neonazis und Holocaust-Leugnern. Der Internet-Diskurs zu klassischen historischen Verschwörungsszenarien, wie z.B. den Illuminaten, den Kennedy-Morden, aber vor allem zu den Hintergründen der Anschläge des 11. September 2001 stellt eine Herausforderung für die Analyse-Methoden und Fragestellungen der "klassischen" Quellenkritik dar. Zentrale Bedeutung hat hierbei die Frage, inwieweit akademische Historiographie, die sich klar von "unseriösen" Geschichts- und Geschichtenschreibern abgrenzen zu können glaubt, im Zeitalter der (elektronischen) Manipulierbarkeit jeglichen Quellenmaterials den Anspruch höherer Plausibilität und Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten vermag.

 

Gedächtnisorte im Internet

Nichts Neues im "virtuellen" Raum!?

Wolfram Dornik

Beitrag

Erinnerungskulturen im Internet sind ein praktisch unerforschtes Feld. Der Beitrag versucht, sich diesem Thema am Beispiel von österreichischen Websites zu Holocaust und Nationalsozialismus anzunähern. Dabei werden einige Thesen zur Charakterisierung dieser Erinnerungskulturen - zwischen den Polen der bloßen Spiegelung bestehender Elemente im Cyberspace (Symmetrie-These) und der Entwicklung eigenständiger Formen im Internet (Autodeterminations-These) - entwickelt und deren wesentliche Elemente zusammengefasst.

 

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