eForum zeitGeschichte 2/2001

Denk-Orte: ein Dorf reflektiert sein Gedächtnis1

Bernhard Ecker / Ernst Langthaler / Martin Neubauer

Gedächtnisforschung als reflexive Intervention

Die Grenzen zwischen 'dem Forscher' und 'dem Feld' sind in Bewegung geraten; die "ethnographische Repräsentation", die aus dieser Abgrenzung hervorgegangen ist, befindet sich in einer Krise (Berg & Fuchs 1993). Das Paradigma sozial- und kulturwissenschaftlicher Feldforschung Malinowskischer Prägung als vermeintlich objektive Beobachtung eines objektivierbaren Gegenstandes ist seit den siebziger Jahren von zwei Seiten her in Frage gestellt worden: aus der Sicht der BeobachterInnen und der Beobachteten. Nicht nur die im Feld lebenden Beforschten, sondern auch die FeldforscherInnen selbst erschienen deutlicher als zuvor als wahrnehmende, deutende und handelnde Subjekte, die mit ihrem jeweiligen Gegenüber in wechselseitige Beziehungen verstrickt sind. Das forschende Subjekt wurde darüber selbst zu einem beforschten Subjekt, das über Voraussetzungen und Konsequenzen des eigenen Wahrnehmens, Deutens und Handelns inner- und außerhalb des Feldes zu reflektieren begann. Eine so verstandene reflexive Feldforschung, eine 'Feldforschung der Feldforschung' sozusagen, interessierte sich nicht mehr ausschließlich für die ethnographierten Subjekte, sondern in besonderem Maß für das ethnographierende Subjekt und dessen Produkt, den ethnographischen Text. Kurz, 'der Forscher' wurde umfassender als zuvor als Mitspieler 'des Feldes' wahrgenommen (Bourdieu & Wacquant 1996).

Zwischen Affirmation und Kritik

In dem Maß, in dem die Grenzen zwischen ForscherInnen und Beforschten unschärfer wurden, trat auch das politische Potenzial des wissenschaftlichen Umgangs mit Popularkultur deutlicher hervor. Danach lässt sich wissenschaftliches Handeln ebenso wenig wie die Alltagspraxis von gesellschaftlichen Machtverhältnissen abtrennen, von den Hierarchien zwischen Geschlechtern, Klassen, Generationen, Ethnien, Regionen und so fort. Einen Schauplatz dieser Debatte um das Politische in der Erforschung der Popularkultur boten die Cultural Studies. Gegen den Vorwurf eines cultural populism, der Affirmation popularkultureller Äußerungen, formulierte Stuart Hall ein kritisches Verständnis von Cultural Studies. Er versteht Popularkultur als Bündel von Relationen zwischen dominierten und dominanten Kulturen, zwischen people und power bloc. Dieses Machtverhältnis wird nicht nur 'von oben', sondern vor allem 'von unten' hergestellt, durch die alltägliche Anerkennung der dominanten Kultur von Seiten der Dominierten. Popularkultur ist demzufolge als Kräftefeld denkbar, in dem gegebene Machtverhältnisse über Kämpfe um Anerkennung nicht nur reproduziert, sondern auch transformiert werden können. Cultural Studies, so Stuart Hall, können und sollen in dieses Kräftefeld intervenieren, indem sie die dominierten, progressiven Repräsentationen einer Kultur zum Ausdruck bringen; über ein solches "offenes Projekt" werden Alternativen zu Hierarchien von class, gender und race denkbar (Hall 1999a). Gegen diese neo-gramscianische Sicht von cultural politics führt Tony Bennett eine neo-foucaultianische Sicht von cultural policy ins Treffen: Interventionen, die allein auf Prozesse der alltäglichen Meinungsbildung abheben, führten ins Leere; entscheidend sei die Intervention in professionalisierte Politikfelder (Bennett 1999). Trotz unterschiedlicher Ansatzpunkte verstehen beide Ansätze Cultural Studies als wissenschaftliche und emanzipatorische Praxis, als Rekonstruktion und Dekonstruktion von Machtverhältnissen (Nixon 2000).

Auch im Umgang mit Geschichtsbildern werden solche Machtbeziehungen sichtbar, wenn etwa die Frage gestellt wird: Wer spricht - wie, zu wem und über wen? Manche haben mehr Macht als andere, innerhalb einer lokalen, regionalen oder nationalen Gesellschaft Geschichtsbilder zu entwerfen, durchzusetzen und zu behaupten. Innerhalb dieses sozialen Kräftefeldes gewinnen Geschichtsbilder an Gewicht, werden stillschweigend anerkannt oder gewinnen Anerkennung in mehr oder weniger wortreichen Gefechten. Kurz, das Schweigen interveniert ebenso wie das Reden in die gegenwärtige Legitimation von Vergangenheits- und Zukunftsvorstellungen.2 Im wissenschaftlichen Umgang mit Lokal- und Regionalgeschichte können wir an den Enden eines breiten Spektrums affirmative und kritische Intervention unterscheiden. Affirmative Interventionen begegnen uns etwa in der konservativen "Heimatforschung", die häufig über harmonische, von Konflikten gereinigte Geschichtsbilder den Status quo legitimiert. Kritischen Interventionen fühlen sich Teile der "neuen Geschichtsbewegung" verpflichtet, die über ökologische, feministische, pazifistische, entwicklungspolitische oder antifaschistische Lesarten der Geschichte die Legitimität vorherrschender Geschichtsbilder in Zweifel ziehen.3 Bei allen Unterschieden tendieren beide Spielarten wissenschaftlicher Interventionen dazu, Geschichtsbilder an vorgegebenen Normen zu messen. Je nach Standpunkt werden Akteure als 'heimatverbunden' oder 'chauvinistisch', 'bodenständig' oder 'reaktionär', 'selbstbewusst' oder 'patriarchalisch' beurteilt. Über diese affirmative oder kritische Normierung der Beforschten laufen die ForscherInnen Gefahr, sich freiwillig oder unfreiwillig zu KomplizInnen normativer Diskurse zu machen.

Wie lässt sich eine wissenschaftliche Praxis denken, die ihr Kapital nicht in den Dienst machtvoller Diskurse stellt? Gegen die Tendenz, die Beforschten über deren Köpfe hinweg an vorgegebenen Normen zu messen, sollten ihnen die ForscherInnen Gelegenheiten zum Dialog über die Legitimation und Delegitimation von Normen eröffnen. Jürgen Habermas und Jean-François Lyotard, die beiden Hauptkontrahenten im philosophischen Glaubenskrieg des vergangenen Jahrzehnts, skizzieren unterschiedliche Wege zu einer dialogischen Wissenschaftspraxis - der eine durch die Rekonstruktion der Voraussetzungen legitimer Herrschaft, der andere durch die Dekonstruktion der sprachlichen Legitimationsversuche von Herrschaft. Nach Habermas sollen Normen in der herrschaftsfreien Kommunikation kompetenter Akteure begründet werden.4 Dagegen fordert Lyotard, der jeglichen Diskurs von Machtverhältnissen durchdrungen sieht, den ständigen Widerstreit über normative Setzungen.5 Diese antagonistischen Entwürfe können auch als komplementäre Plädoyers für eine dialogische Wissenschaftspraxis gelesen werden, die sich in der Gleichzeitigkeit von Legitimations- und Delegitimationsversuchen äußert - im Aushandeln kollektiv geteilter Normen, aber auch im Infragestellen geltender Normen und damit jeglicher Form von Herrschaft (Bohnacker 1998).

Dieses Bemühen um Dialog kennzeichnet eine Wissenschaftspraxis, die wir als reflexive Intervention bezeichnen. Wir wollen mit den DorfbewohnerInnen in einen Dialog über die Geltung von Geschichtsbildern treten, der die Positionen aller Beteiligten, der ForscherInnen wie der Beforschten, einbezieht. Im Verlauf dieses Kommunikationsprozesses treten einmal legitimierende, ein andermal delegitimierende Momente hervor. Eine reflexive Intervention entwickelt insofern ein affirmatives Potenzial, als sie mächtige Geschichtsbilder nicht vorschnell beurteilt, sondern in der Kommunikation mit den Beforschten Schritt für Schritt nachzeichnet. Sie ist insofern offen für ein kritisches Potenzial, als sie diese häufig unreflektierten Geschichtsbilder aus ihren privaten und halböffentlichen Entstehungskontexten herauslöst, in der Öffentlichkeit zur Sprache bringt und darüber Reflexionen der Beforschten ermöglicht. Eine so verstandene Intervention vermeidet es, statische Geschichtsbilder zu affirmieren oder zu kritisieren; vielmehr erzeugt sie ein affirmatives und kritisches Potenzial, das die Beforschten im Dialog mit den ForscherInnen in die Lage versetzt, diese statischen Geschichtsbilder zu dynamisieren, gemäß dem Marxschen Diktum: "Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen bringen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt." (Böhme et al. 2000: 101).

Gedenken oder Erinnern?

Anknüpfungspunkte für eine reflexive Intervention in die Gedächtnispraktiken der beforschten Gesellschaft bieten die antiken Konzepte der Mäeutik und der Rhetorik. Während das rhetorische Gedenken auf die Reproduktion von Gedächtnissen mit Hilfe materieller, im Raum lokalisierbarer Stützpunkte abzielt, strebt das mäeutische Erinnern nach der Transformation des Gedächtnisses in der Zeit. Die Mäeutik propagiert einen methodischen Dreischritt: Die gewohnheitsmäßige, passive Erinnerung (Doxa) wird in Frage gestellt, um das Alltagsbewusstsein zu irritieren (Aporie), was letztlich die kreative, aktive Erinnerung (Anamnesis) hervorruft (Böhme et al. 2000: 155 ff.). Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann fasst diese unterschiedlichen Strategien in die Begriffe von ars ("Kunst") und vis ("Kraft"). Das Gedächtnis als ars, wie es in der rhetorischen Gedächtniskunst seit der Antike geübt wurde, bezieht sich auf Verfahren des reproduzierenden Gedenkens nach räumlichem Vorbild. Dagegen wendet sich seit der Aufklärung immer deutlicher das Gedächtnis als vis, die Kraft der transformierenden Erinnerung in der Zeit. Daraus leitet sie die Unterscheidung von Funktions- und Speichergedächtnis ab. Das "bewohnte Funktionsgedächtnis" umfasst jene lebendigen Erinnerungen, die in der jeweiligen Gegenwart Sinn generieren. Das "unbewohnte Speichergedächtnis" hingegen versammelt tote, sinnentleerte Fakten. Zwischen mäeutischem Funktions- und rhetorischem Speichergedächtnis bestehe keine Trennung, sondern eine Übergangszone für den "Binnenverkehr zwischen aktualisierten und nichtaktualisierten Elementen", der die Dynamik des Gedächtnisses ermögliche (Assmann 1999: 130 ff.).

Die Spannung von Rhetorik und Mäeutik durchzieht auch das Werk des Historikers Pierre Nora. In seinem enzyklopädischen Projekt Les lieux de mémoire zieht er eine klare Trennung zwischen Gedächtnis und Geschichte: Während ersteres sakralisierend, gruppenbezogen und punktuell ausgerichtet sei, arbeite letztere entzaubernd, verallgemeinernd und kontinuierlich. Kurz",das Gedächtnis ist ein Absolutes, die Geschichte kennt nur das Relative". Nora sieht diese Trennung als spezifischen Zug der Moderne und deutet diesen, versetzt mit einem Schuss Kulturpessimismus, als Herrschaft der Geschichte über das Gedächtnis - als "Entlegitimierung der gelebten Vergangenheit". Dort, wo sich die Geschichte der milieux de mémoire, der gelebten Gedächtnisse, bemächtigt, sieht Nora die lieux de mémoire, die Gedächtnisorte, im Entstehen. Die Gedächtnisorte liegen zwischen Gedächtnis und Geschichte - dem Gedächtnis nicht mehr, der Geschichte noch nicht zugehörig. Die Gedächtnisorte, die als Museen, Archive, Denkmäler, Feste, Wallfahrtsstätten etc. fassbar werden, schützen das Gedächtnis vor dem Verfall; demzufolge befestigen sie die rhetorische Logik des Gedächtnisses gegen die mäeutische Logik der Geschichte: "Das Gedächtnis klammert sich an Orte wie die Geschichte an Ereignisse." (Nora 1998: 32 ff.)

Assmanns Komplementaritätsmodell und Noras Konfrontationsmodell liegen, genauer besehen, nicht so weit auseinander, wie es zunächst scheint. Beide gründen ihre Theorien auf der Spannung von mäeutischen, mit der Innenwelt verknüpften Strategien und rhetorischen, mit der Außenwelt verknüpften Strategien, zwischen Funktions- und Speichergedächtnis (Assmann) oder zwischen Gedächtnis und Geschichte (Nora). Diese Spannung zwischen Innen und Außen lässt sich durch die Schriften unterschiedlicher TheoretikerInnen des Gedächtnisses verfolgen, die den Schwerpunkt einmal auf das psychische System, ein andermal auf das soziale System legen. Diese Spurensuche führt uns über Kommunikationstheorien der britischen Cultural Studies (Hall 1999b; Johnson 1996) zum Modell einer 'Gedächtnisspirale', der ständigen Abfolge von Entäußerung (encoding), materieller Repräsentation in der Außenwelt (text), Verinnerlichung (decoding) und mentaler Repräsentation in der Innenwelt (lived culture). Über diese spiralförmigen Bewegungen erlangen mentale und materielle Repräsentationen zeitliche Dauerhaftigkeit und räumliche Verbreitung, werden zu kulturellen Repräsentationen (Langthaler 1999). Wir verstehen dieses theoretische Modell als Werkzeug zur Bearbeitung empirischer Gedächtnisprozesse, die einmal mehr dem rhetorischen, ein andermal mehr dem mäeutischen Muster folgen.

Das Wechselspiel von Entäußerung und Verinnerlichung versteht der Kulturanthropologe Dan Sperber genauer als epidemiology of representations, als Ausbreitung von mentalen und materiellen Repräsentationen in Zeit und Raum. Die Frage, warum sich manche dieser Repräsentationen in zeitlichen und räumlichen Kontexten ausbreiten und manche nicht, führt ihn zum attraction model: Das Wechselspiel von Entäußerung und Verinnerlichung nimmt keinen beliebigen Verlauf, sondern bewegt sich innerhalb des Raumes möglicher Positionen in Richtung bestimmter Positionen, sogenannter "Attraktoren" (attractors). Nimmt diese Bewegung ihren Ausgang in größerer Entfernung eines Attraktors, dann überwiegt das transformative Moment (siehe Linie A in der Abbildung); Bewegungen in nächster Nähe eines Attraktors betonen hingegen das reproduktive Moment (siehe Linie B in der Abbildung). Transformation und Reproduktion treten zwar in unterschiedlicher Gewichtung, aber jeweils gemeinsam auf. Selbst die mittelalterlichen Mönche, die Buchmanuskripte kopierten, verstanden, was sie lasen, und korrigierten vermeintliche Ungereimtheiten entsprechend ihrem Vorverständnis. Sperber sieht in solchen Attraktoren kulturelle Repräsentationen: einen gemeinsamen Kernbestand innerhalb des Gesamtbestandes an mentalen und materiellen Repräsentationen einer Gesellschaft. Attraktoren markieren demnach jene Positionen, auf die sich das Gedächtnis stützt. Sie sind jedoch nicht die Ursachen dieser Stützen; diese liegen in "psychologischen" und "ökologischen" Faktoren, wie Sperber sagt, in den Strukturen von mentaler Innen- und materieller Außenwelt, die über die Praktiken von Entäußerung und Verinnerlichung reproduziert oder transformiert werden (Sperber 1998: 106 ff.).



Attraktoren-Modell nach Dan Sperber (1998: 112)









Zur Topographie des Gedächtnisraumes

Um dieses theoretische Modell für die empirische Forschung handhabbar zu machen, knüpfen wir an Noras Konzept der Gedächtnisorte an, ohne jedoch die Dichotomie von "lebendigem Gedächtnis" und "toter Geschichte" zu übernehmen. Wir verstehen Noras Gedächtnisorte als Spielarten von Denk-Orten. Wie Gedächtnisorte im Besonderen vereinen Denk-Orte im Allgemeinen drei Aspekte in unterschiedlichem Maß: einen materiellen, einen sozialen und einen symbolischen (Nora 1998: 32). Nehmen wir den symbolischen Ort der Gemütlichkeit: Er steht in Verbindung mit sozialen Orten - dem gemeinsamen Tanzen, Singen und Trinken - und materiellen Orten - Stube, Festplatz, Wirtshaus; oder den sozialen Ort des Bauern: Er korrespondiert mit symbolischen Orten - "Bodenständigkeit"",Heimattreue"",Traditionsbewusstsein" - und materiellen Orten - Stall, Feld, Wald; oder den materiellen Ort des Kriegerdenkmals: Er wird assoziiert mit symbolischen Orten - "Heldentum"",Opfer"",Abwehr" - und sozialen Orten - dem männerbündischen Veteranenverein. Denk-Orte nehmen gleichzeitig auf drei Räume Bezug: den materiellen Raum der Dinge, den sozialen Raum der Akteure und den symbolischen Raum der Deutungen. Keiner dieser Räume lässt sich aus einem anderen schlichtweg ableiten; gleichwohl stehen alle Räume zueinander in Beziehung.

Unser Augenmerk gilt dem symbolischen Raum oder, wie wir auch sagen können, der Gedächtnislandschaft. Wir verstehen darunter eine relationale Anordnung von Plätzen und Subjekten, die sich zwischen diesen Plätzen bewegen.6 Plätze sind mögliche Positionen, die Subjekte einnehmen können, sollen und müssen; sie werden durch populäre oder elitäre Diskurse hergestellt und wirken über Zug- und Schubkräfte von außen auf die Individuen ein (Foucault 1991). Wenn ein Subjekt eine mögliche Position in praxi einnimmt, dann generiert es individuelle Identität (Woodward 1997). Die Identifizierung formt den Platz in einen 'bewohnten' Ort um; dies bewirkt gleichzeitig Differenzen zu 'unbewohnten' Orten, zu Nicht-Orten (Augé 1994). Die Wahl eines Ortes wird von den verinnerlichten Zug- und Schubkräften des Habitus geregelt, ohne dass das Subjekt bewusst Regeln befolgen muss (Bourdieu 1993). Mithin erscheinen Diskurse und Habitus als Strukturen dieses Kräftefeldes, in dem die Subjekte bewegt werden und sich bewegen. Über die Platzierungen der Subjekte werden diese Gedächtnisstrukturen wiederum hergestellt - reproduziert, indem Individuen (gemäß der rhetorischen Logik) bestimmte Orte besetzt halten, oder transformiert, indem sie (gemäß der mäeutischen Logik) zwischen unterschiedlichen Orten oszillieren.

Platzieren sich mehrere Subjekte um ein und denselben Ort, generieren sie kollektive Identität (Woodward 1997). Wir nehmen damit Bezug auf das Werk des Soziologen Maurice Halbwachs, einem der Begründer der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung. In seinem 1925 erstmals erschienenen Hauptwerk Les cadres sociaux de la mémoire behauptet er, dass sich das Gedächtnis nicht nur in, sondern vor allem zwischen Individuen formiert. Obwohl jedes Individuum über ein je eigenes Gedächtnis verfüge, entstehe dieses jedoch nur innerhalb der jeder Gesellschaft je eigenen Wahrnehmungsrahmen (cadres sociaux): "Man kann ebensogut sagen, dass das Individuum sich erinnert, indem es sich auf den Standpunkt der Gruppe stellt, und dass das Gedächtnis der Gruppe sich verwirklicht und offenbart in den individuellen Gedächtnissen." (Halbwachs 1985: 23) Halbwachs behauptet demnach nicht, wie viele seiner Kritiker unterstellten, dass das Kollektiv analog zum Individuum über ein Gedächtnis verfüge. Es sind Individuen, die im vorstrukturierten Raum des Gedächtnisses den Standpunkt eines Kollektivs einnehmen; gleichwohl gewinnt in solchen Situationen das Kollektiv als imaginierte Gemeinschaft (imagined community) Kontur (Anderson 1993).

Reflexive Gedächtnisforschung in der Praxis

Dieser theoretische Werkzeugkasten bietet uns eine Handhabe, um Assmanns Komplementaritätsmodell und Noras Konfrontationsmodell der Empirie auszusetzen. Wir haben in unserem Projekt zunächst Denk-Orte ('erster Ordnung') mittels narrativ-biographischer Interviews mit DorfbewohnerInnen rekonstruiert.7 Sodann haben wir eine Audio-CD mit kommentierten Ausschnitten aus diesen Interviews, einen Denk-Ort 'zweiter Ordnung', in der Dorföffentlichkeit vorgestellt.8 Schließlich haben wir eine Gruppendiskussion über das Projekt arrangiert, welche die Positionierungen einzelner Frauen und Männer in Bezug auf die CD, Denk-Orte 'dritter Ordnung' sozusagen, Schritt für Schritt fassbar macht.9 Noras Konfrontationsmodell zufolge liefe dieses Unterfangen unweigerlich auf die Delegitimation der Individual- und Kollektivgedächtnisse durch die Geschichte hinaus. Der Gedächtnisdiskurs, den wir als Forscher über die CD in die Gedächtnislandschaft einbringen, würde in Verbindung mit anderen machtvollen Diskursen die Individuen und Kollektive von den gewohnten Denk-Orten entwurzeln; als Rettung bliebe ihnen nichts weiter, als sich an Gedächtnisorten festzukrallen. Assmanns Komplementaritätsmodell rückt dagegen auch die neuerliche Legitimation des Gedächtnisses durch die Geschichte in den Bereich des Möglichen. Individuen und Kollektive würden sich vor dem jeweiligen lebensweltlichen Horizont bestimmte Plätze innerhalb der Gedächtnisdiskurse als Denk-Orte aneignen, andere jedoch abwehren. Die Gruppendiskussion lieferte uns Ansatzpunkte, um das Verhältnis der beiden Gedächtnismodelle genauer zu bestimmen.

1. Etappe: Tastende Schritte

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde haben die TeilnehmerInnen ihre Ausgangspositionen bezogen. Mit der Aufforderung, das erste Hörerlebnis mit der CD zu schildern, lädt sie der Diskussionsleiter ein, den Raum des Gedächtnisses zu betreten. Sophie10 hört die CD erstmals in ihrer Küche, während des Geschirrabwaschens. Sie fühlt sich in besonderer Weise vom Kommentar der Sprecherin angesprochen, weniger von den Erzählungen der Älteren: "Jo, und dadurch hots a vü mehr Aussage. San net nur Gschichtl aneinandergreiht." Nicht das Gesagte selbst, sondern dessen Überschuss an "Aussage" erweckt ihre Aufmerksamkeit. Es scheint, als betrachte die Sozialarbeiterin auch jenseits ihrer 'Fälle' menschliche Äußerungen unter einem analytischen Blickwinkel. Vor diesem Hintergrund nähert sie sich dem veröffentlichten Dorfgedächtnis zwar mit Neugier, wahrt jedoch eine gewisse Distanz zu den erzählten Geschichten. Vorsichtige Neugier lässt auch der Bauer Georg11 erkennen, der wie Sophie die CD zum ersten Mal in der Küche hört, vermutlich gemeinsam mit seiner Ehefrau. Zwei Exemplare hat er für seine Familie und für seine Mutter als Weihnachtsgeschenk gekauft - "afoch aus Interesse", wie er sagt, ohne das veröffentlichte Dorfgedächtnis näher zu bewerten.

Margarete,12 Gattin eines pensionierten Eisenbahners, besucht eine Nachbarin, um die CD - Geräusche von den Ohren ihres Ehemannes fernzuhalten; und das aus gutem Grund, wie sie meint. Irritiert zeigt sie sich durch jene Passage auf der CD, in der sie die erste Begegnung mit ihrem späteren Ehemann im Gastzimmer eines Wirtshauses schildert. Allerdings erweisen sich die "glänzenden Augen" des Burschen, die den Blick des Mädchens fesseln, am Ende als sichtbarer Ausdruck einer durchzechten Nacht. Entgegen der Intention der Interviewpartnerin gelangte die Passage durch ein Missverständnis auf die CD. Daran knüpft sie die Forderung, zwischen dem, was in der Privatsphäre erzählt werden kann, und dem, was für die Öffentlichkeit des Dorfes bestimmt ist, zu unterscheiden: Die Geschichte von den "glänzenden Augen" des betrunkenen Ehemannes, sagt sie, sei zwar nichts "Unwahres", aber auch nichts "Interessantes"; dies umso mehr, als ihr Sohn, wie im Dorf fast jeder zu erzählen weiß, vor Jahren mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte. Die CD verletzt aus ihrer Sicht ein ungeschriebenes Gesetz des Sprechens im Dorf: Man kann, ja soll sich durch die Verbreitung belastender Informationen belasten, allerdings stets hinter dem Rücken der Betroffenen. Was diese Passage betrifft, steht Margarete dem veröffentlichten Dorfgedächtnis reserviert gegenüber.

Ähnlich skeptisch äußert sich die Pensionistin Theresia13 über die CD, die sie zu Hause beim Stricken zum ersten Mal hört. Trotz aller Übereinstimmungen zieht sie eine Grenze zwischen ihren privaten Erinnerungen und den veröffentlichten Erinnerungen: "Is aa fast so ähnlich hergwesn, oba Verschiedenes hätt i wieder anders gsogt, anders erzählt." Als Kind aus bescheidenen Verhältnissen, das in einem abgelegenen Seitental aufgewachsen ist, findet Theresia die verinnerlichte Subalternität im veröffentlichten, aus ihrer Sicht offiziellen Dorfgedächtnis nur teilweise wieder. Ihre Skepsis gegenüber dem Inhalt der CD geht einher mit der Skepsis gegenüber der Form: Sie befürchtet, das Medium sei nicht geeignet, die Erinnerungen "für später fest[zu]halten"; es könnte sich durch mehrmaliges Abspielen abnutzen. Darüber platziert sie sich zwar im Nahebereich, jedoch fernab des Zentrums des offiziellen Dorfgedächtnisses.

Anders dagegen der Bundesbahnpensionist Friedrich,14 einer der Erzähler auf der CD. Er spielt die CD einigen Familien vor, die er zu seinen Bekannten zählt. Obwohl er die "angenehme Stimme" der Sprecherin lobt, fühlt er sich in besonderem Maß von den Erzählungen der älteren OrtsbewohnerInnen angesprochen. Er stellt sich gleichsam als Sprecher des veröffentlichten Dorfgedächtnisses dar, der die Geschichten in seinem eigenen Gedächtnis aufbewahrt: "Oiso für mich is jo des net neu, sondern des is eigentlich mehr die Bestätigung von diesen Vorkommnissen, wos do so gwesn san." Für Friedrich repräsentiert seine Präsenz auf der CD nach Jahrzehnten der berufsbedingten Abwesenheit wohl nicht nur die Verbindung mit seinem Geburtsort, sondern auch das dörfliche Prestige, das einer, der in der Ferne Karriere gemacht hat, beansprucht: "Und mi gfreit's eigentlich, dass i do eingladen wordn bin." Das CD-Projekt erscheint für seine dörfliche Ehre von bleibendem Wert, ist "fast unbezahlbar", wie er sagt.

Zwei Diskussionsteilnehmer folgen Friedrich im Bestreben, die veröffentlichte Erinnerung durch die private Erinnerung zu belegen. Rudolf,15 pensionierter Eisenbahner und Nebenerwerbsbauer, hört die CD gemeinsam mit seinen erwachsenen Kindern, die auf Besuch gekommen sind. Als die Besucher die Glaubwürdigkeit der Schilderung einer Bauerntochter, die in der Schlafkammer von Ratten heimgesucht wird, in Zweifel ziehen, macht sich Rudolf als Vater, vielleicht auch als Obmann des Heimat- und Trachtenvereines, zum Verteidiger des veröffentlichten Gedächtnisses. Er begegnet dem Unverständnis der Jüngeren mit einer selbsterlebten Geschichte über die alltägliche Präsenz der Ratten, die das Verständnis für die Erinnerungen der Älteren wecken möchte. Auch der pensionierte Installateurmeister Karl16 kann die meisten Erzählungen der Interviewpartner aus eigenem Erleben bestätigen, etwa die mühselige Arbeit des Wäschewaschens am Bach. Er hört die CD, die ihm die Gemeinde anlässlich einer Ehrung als Geschenk überreicht hat, allein im Wohnzimmer. "Vom Inhalt mäßig is ma aa des meiste bekaunnt gwesn, bis auf Details natürlich, net, owa, die Zeit do hob i jo mehr oda weniga aa derlebt, bin aa scho über Sechzg." Rudolfs und Karls Schilderungen zu den Themen "Ratten" und "Wäschewaschen" erweitern sich durch Einwürfe von Theresia, Friedrich und Margarete zu gemeinsamen Erörterungen um den Topos: Wie anstrengend und entbehrungsreich unser Leben damals war und wieviel besser es heute ist.

Die Jüngste der Runde, die Bauerntochter Irene,17 die vor kurzem das Studium der Landschaftsplanung beendet hat, hört die CD während eines Besuchs bei den Eltern allein im Zimmer. Trotz ihres jugendlichen Alters sind ihr die Geschichten der InterviewpartnerInnen aus Alltagsgesprächen im Familienkreis vertraut: "Also i hob hiatztn nix erlebt von dera Zeit natürlich, owa i kenn so die Gschichtn auf die Art von dahoam her." Wir vermuten, dass Irene, die berufsbedingt einen Gutteil ihres Lebens in der Stadt verbringt, die CD als hörbaren Ausdruck ihrer Bezüge zur ländlichen "Heimat" wahrnimmt. Die Nähe zum veröffentlichten Dorfgedächtnis erscheint zusammen mit personalen Bindungen, den Kontakten zu Familie, Verwandtschaft und Gleichaltrigen in der Landjugend, als Stütze ihrer städtisch-ländlichen Doppelexistenz.

Nach der ersten Diskussionsrunde haben die SprecherInnen Positionen im Raum des Gedächtnisses bezogen, die in größerer oder geringerer Distanz zur Region des veröffentlichten Dorfgedächtnisses liegen: Friedrich im Zentrum, Rudolf und Karl im Kernbereich, Sophie, Georg und Irene im Nahbereich sowie Margarete und Theresia im Randbereich. Zusätzlich gewinnt eine weitere Gedächtnisregion Kontur, die sich zwar weitgehend mit der Region des veröffentlichten Dorfgedächtnisses deckt, jedoch darüber hinausragt: der Topos des fleißigen und genügsamen Dorfbewohners, um den sich die älteren DiskussionsteilnehmerInnen scharen. Über diese Platzierungen handeln die SprecherInnen eine räumliche Anordnung aus, die von geschlechter-, klassen- und generationenspezifischen Machtverhältnissen durchzogen scheint: Den Kernbereich des veröffentlichten Dorfgedächtnisses besetzen ältere Männer, die als Besitzer eines Gewerbebetriebes, Beamter im gehobenen Dienst und Inhaber öffentlicher Ämter symbolisches Kapital akkumuliert haben, das sie wiederum in die Ordnung des symbolischen Raumes investieren. Über den Topos Fleiß und Genügsamkeit ordnen sich auch die weiblichen Sprecherinnen der älteren Generation dieser Gedächtnisregion zu. Die jüngeren TeilnehmerInnen sind darauf verwiesen, die von den Älteren geschaffene Raumordnung mit mehr oder weniger Empathie zur Kenntnis zu nehmen. Auf diese Weise wird die Bereitschaft des Einzelnen, das veröffentlichte Kollektivgedächtnis aus dem individuellen Gedächtnis heraus zu bekräftigen, zur Eintrittskarte in die bereits in Umrissen erkennbare Dorfgemeinschaft.

2. Etappe: Eigenes und fremdes Terrain

Anstöße für die nun folgenden Bewegungen in der Gedächtnislandschaft vermittelt einerseits der Hinweis Karls auf eine weithin bekannte Attraktion, die Ballbesuchern in den fünfziger und sechziger Jahren einiges Vergnügen bereitete: eine Rutsche, die vom ersten Stock eines Gasthauses in das Erdgeschoß führte. Andererseits fordert die Frage des Diskussionsleiters nach dem "Typischen" der dörflichen Vergangenheit die SprecherInnen auf, sich gegenüber dem auswärtigen Forscher deutlicher zu positionieren. Die beiden Impulse eröffnen eine Schneise zum Topos der Frankenfelser Gemütlichkeit, der seit Jahrzehnten ein zentrales Element der Identitätspolitik dörflicher Eliten darstellt. Die Rede von der Gemütlichkeit richtet sich gleichzeitig nach innen wie nach außen. Im Inneren klammert sie Konfliktlinien zwischen verwandtschaftlichen Clans, sozialmoralischen Milieus und anderen Fraktionen der Dorfgesellschaft aus. Nach außen hin propagiert sie das Bild einer harmonischen Dorfgemeinschaft, in dem sich die Erwartungen zahlungskräftiger Touristen widerspiegeln. Wie auf der Rutsche, die noch vor Jahrzehnten den einzigen Weg vom Tanzsaal zur "Hölle" genannten Schnapsbar eröffnete, gleitet nun ein Sprecher nach dem anderen zum Topos der Frankenfelser Gemütlichkeit; dort gruppieren sich die älteren SprecherInnen Karl, Margarete, Rudolf, gefolgt von der jungen Irene, zu einer Erinnerungsgemeinschaft, die das Vergangene unter nostalgischen Vorzeichen vergegenwärtigt. "Des woan nu lustige Bälle, samma uns ehrlich. Geh, heit auf an Ball, i findat ma nix", verdeutlicht Margarete die vorherrschende Gefühlslage. Sie ist es auch, die das Frankenfelser Selbstbild scharf vom Fremdbild umliegender Gemeinden scheidet. "Herinnen", im Gebirge, regiere die "Gemütlichkeit", während "draußen", talauswärts, die "Gespreiztheit" vorherrsche. Rudolf, der als Obmann des Heimat- und Trachtenvereines für die dörfliche "Traditionspflege" verantwortlich ist, folgt ihr in dieser Grenzziehung; er erzählt, dass früher ausschließlich die Frankenfelser Musikkapelle bei Veranstaltungen aufspielte, was Massen von Besuchern aus umliegenden Gemeinden anzog.

Auf diese Weise gewinnt rund um den Topos der Frankenfelser Gemütlichkeit eine Vorstellung von Dorfgemeinschaft Kontur, die im Wesen von Land und Leuten wurzelt. Dass dieser Gemeinschaftsentwurf gendered ist, bringt Karl durch seine Beschreibung der Rutsche zum Ausdruck: "Do haums so a klaane Kokosmattn ghobt zum Unterlegn und bist untn gsessn und die Dame host hoit zuwagnumma, weu waunn die gstraft san mitn Ellbogen, die haum sie vabrennt (...) Fjjjjt! Do is gaunz schee flott dahigaunga. Die host hoit schee zuwagnumma, und horuck, und unten hot die oana gfaungt und daunn hot's a Schnapsl gebn, des woa recht lustig." Umsichtige und kräftige Männer bewahren durch ihr Geschick die schutzbedürftigen Frauen vor Verletzungen. Eine auf der CD veröffentlichte Erzählung Margaretes zeigt jedoch, dass sich die Frauen mit List den Vereinnahmungsversuchen der Männer in der "Hölle" zu entziehen wussten. Dennoch: In der Gruppendiskussion erscheinen die Männer als die Aktiven, die Frauen als die Passiven. Niemand, auch nicht die weiblichen Sprecherinnen, zieht diese Konstruktion grundsätzlich in Zweifel. Leise Versuche, diesen Denk-Ort zu hinterfragen, lassen allerdings Karl und Sophie anklingen. Karl relativiert die Reichweite der Frankenfelser Gemütlichkeit nach außen hin, indem er sie räumlich auf einige Nachbargemeinden und zeitlich auf eine Ballveranstaltung einschränkt. Sophie scheint zunächst über den Topos der Bodenständigkeit die naturwüchsige Grenze des Dörflichen zu bestätigen: "Na, für mi is scho sehr, sehr bodenständig. Die Geschichtn passn do her." Sie macht jedoch deutlich, dass sie den Geltungsbereich des Gedächtnisses über die Dorfgrenzen hinaus auf das "Gebirge" erweitert: "Na, i hob gestern die CD an Scheibbser anhörn lassen, und der hat sich das genauso vorstellen können, aa für Scheibbs, net, zum Beispü. Oiso do, und darum glaub i, dass an der Struktur liegt, dass des do her passt." Auf diese Weise richtet Sophie ihr Augenmerk auf die Konstruktionsprinzipien des Kollektivgedächtnisses; darin äußert sich einmal mehr ihr analytischer Blick auf das Soziale. Obwohl sich Karl und Sophie innerhalb der behaupteten Gedächtnisregion platzieren, wägen sie genauer als Margarete und Rudolf ab, welche Landschaftselemente dazu gehören und welche nicht.

3. Etappe: Vermintes Gelände

Die Frage des Diskussionsleiters, ob auf der CD etwas für das Dorf Typisches fehle, bewirkt eine unvermutete Richtungsänderung in der Begehung des Gedächtnisraumes. Wurden bisher konfliktträchtige Topoi bewusst oder unbewusst umgangen, wird nunmehr eines dieser symbolischen Kampffelder betreten: das Politische. Es sind die VertreterInnen der mittleren Generation, die in den vierziger und fünfziger Jahren Geborenen (Karl, Sophie und Georg), die das unausgesprochene Schweigegebot der älteren SprecherInnen brechen, die sich im Kernbereich des Dorfgedächtnisses eingefunden haben (Friedrich, Theresia, Margarete und Rudolf). Wie zu erwarten ist, bringt Sophie, die bereits in den vorangegangenen Passagen immer wieder analytische Blicke auf das Dorfgedächtnis geworfen hat, das Feld des Politischen erstmals zur Sprache: "Mi hätt zum Beispü interessiert, wie domois die politische ... oiso wos der Buagamasta für a Rolln ghobt hot und, des hätt mi a bissl interessiert, des hot ma total gföt, zum Beispü." Generationen- und berufsspezifische Erfahrungen, ihre Sozialisation im gesellschaftspolitischen Liberalismus der siebziger Jahre und der analytische Umgang mit sozialen Problemfällen, bilden vermutlich den lebensgeschichtlichen Hintergrund, vor dem Sophie das Sprechen über das Politische einfordern kann und will. Bei allem Konfliktpotenzial, das diese Forderung in sich birgt, enthält sie auch ein versöhnliches Angebot: Politik wird auf die Aktivitäten weniger Mächtiger reduziert; das politische Handeln der Vielen bleibt vorerst ausgespart. Vor allem die Zeit des Nationalsozialismus bleibt zunächst ein Tabu, obwohl: Sie "schaut immer a bissl vor im Hintergrund", wie Georg scharfsichtig bemerkt. Darüber öffnet sich für die Älteren eine Schneise, die es ihnen erleichtert, den Fuß auf das Feld des Politischen zu setzen und dieses verminte Gelände unbeschadet zu überqueren.

Einige der älteren SprecherInnen, Rudolf, Theresia und Margarete, greifen das Angebot der Jüngeren auf. Sie beziehen sich weniger auf die Bürgermeister der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre, die als Vollzugsorgane der Entscheidungen mächtiger Gemeindesekretäre erscheinen. Vielmehr kreisen ihre Erzählungen um Namen, in denen das Politische personalisiert werden kann: um den Oberlehrer Weber, der 1938 auf Grund seiner Funktion in der Vaterländischen Front zwangspensioniert und 1945 wiederum in den Dienst gestellt wurde, und um dessen Kontrahenten, den Lehrer Friewald, der 1935 auf Grund seines Engagements für die verbotene NSDAP aus dem Schuldienst entlassen wurde und 1938 kurzzeitig zum Bürgermeister avancierte, bevor er aus der Gemeinde wegzog.18 Jeder der beiden Exponenten tritt in Situationen in Erscheinung, in denen die Macht über die 'kleinen Leute' im Wortsinn spürbar wird: in den schmerzhaften Schlägen, die Weber mit dem "Rohrstaberl" austeilt, und in der flammenden Rede, die Friewald nach dem "Anschluss" auf dem Dorfplatz hält. Dennoch lässt sich über die beiden nicht in derselben Weise sprechen. Kritik am politischen Handeln Friewalds wird offen geäußert, wie etwa Theresia an der Absetzung Webers 1938 deutlich macht: "Des woa eam wurscht, ob der a Brot ghobt hot." Die Kritik an Weber knüpft sich nicht an politische Schachzüge, etwa die Absetzung Friewalds 1935, sondern, wie Rudolf verdeutlicht, an dessen autoritäres Regiment im Klassenzimmer: "Do samma gstaundn noch da Treppn, Händ vire, boi a umegaunga is, hot a uns mitn Rohrstaberl üwad Finger ghaut und bein Zruckgeh hint üwad Wadl owa." Während der eine samt Verwandtschaft aus dem Dorf weggezogen ist, hat der andere bis zu seinem Tod hier gelebt und Kinder, Enkel und Urenkel hinterlassen; ein Urenkel sitzt in der Person des Projektleiters sogar mit den DiskussionsteilnehmerInnen am selben Tisch. Offene Kritik am politischen Handeln Webers in der Gegenwart eines Nachkommen würde wohl die Regeln dörflicher Kommunikation verletzen.

Doch nicht immer lässt sich die politische Verstrickung der Vielen so geschickt aussparen: "Mia haum gsunga, des Lied gleant, Deutschland, Deutschland über alles. Hot a [der Lehrer] zu uns gsogt, ihr könnts ruhig singen: Heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt. Des hob i aa net vergessen, na. Und do kaunnst da vorstellen, wos die für an, jetzt, wo man zruckdenkt, dass des ja verheerend woa, waunn uns des in da Schui scho so eingeimpft wird, und dass ma a Kind leicht, wia san ja hoamkemma von da Schui, und hoam geschrian Heil Hitler, und die Mutter hot gsogt, jo seids es verruckt, wia wean eigspiat, seids stü. Die haum des üwahaupt goa net gwusst, dass scho da Hitler eimarschiert is, am Vortag aufd Nacht. Radio haumma koan ghobt und nix, na, des, des kaumma jo goa net sogn, wia ma Kinda begeistern kaunn." Theresia begibt sich mit dieser Erzählung auf ein gefährliches Terrain: Das aufmüpfige "Heil Hitler"-Schreien vor den Ohren der Eltern am ersten Schultag nach dem "Anschluss" wird vor allem gegenüber den jüngeren ZuhörerInnen erklärungsbedürftig; Externalisierung und Infantilisierung bieten sich als zwei Auswege an: Den Kindern wird das Politische von mächtigen Erwachsenen "eingeimpft", wie sie sagt. Einen dritten Ausweg aus diesem unsicheren Gelände weist Rudolf: die Relativierung des Nationalsozialismus über den Hinweis auf vergleichbare Unterwerfungsrituale im kirchlichen Bereich - das "Handbussen", den obligatorischen Kuss auf die Hand des Pfarrers. Das "Heil Hitler"-Schreien wie das "Handbussen" zeigen einmal mehr: Dorfpolitik manifestiert sich in der sinnlich wahrnehmbaren Unterordnung der Vielen unter die wenigen Mächtigen.

Die Nachgeborenen zeigen wenig Bereitschaft, den Älteren auf diesen Auswegen zu folgen, und bieten einen alternativen Weg an: die gemeinsame, von Empathie getragene Rekonstruktion der persönlichen Verstrickungen in das Politische. Diese Strategie fragt zuallererst nach möglichen Ursachen für die mangelnde "Bearbeitung", um ein Wort Georgs aufzugreifen. Sophie formuliert eine psychoanalytisch inspirierte Deutung, die an der Lebensgeschichte der Älteren ansetzt: "Vielleicht is a Form von Verdrängung dabei, dass des Thema net kemma is." Daran kann Karl anknüpfen: "Weu waunns aa a schlechts Gwissn duat oda do wo ghobt haum, oda dass vielleicht denkt haum, sie haum si net richtig verhalten, nochhea betrachtet, na. Dazöt ma goa nix." Während Sophie und Karl die Ursache für das Schweigen über den Nationalsozialismus im Verhalten der damaligen Akteure suchen, meint Georg in der political correctness der Gegenwart ein Sprachhemmnis zu erkennen: "Aus heutiger Sicht muaßt ebn imma gengan Hitler gwesn sein, waunn's zum Dazön wird." Dagegen propagiert er ein Einfühlen in die Perspektiven der damaligen Akteure: "Waunn wir duatn glebt hättn, daunn waa ma wahrscheinlich aa duat oda do gwesn."

Über das Fehlen der politischen Dimension des Dorfgedächtnisses auf der CD geraten nun auch die Forscher unter Druck, die Auswahl der Interviewpassagen zu rechtfertigen. Indem sie das Aussparen des Politischen von Seiten der InterviewpartnerInnen als Manko bewerten, platzieren sie sich auf der Seite der kritischen Fragesteller. Schaffen es die Älteren, vom gefährlichen Terrain des Politischen wiederum in die sichere Region des Dorfgedächtnisses zu flüchten, oder gelingt es den Nachgeborenen, dieses Feld weiterhin zu beackern? Und wo werden sich jene platzieren, die noch abseits dieses unsicheren Geländes stehen - Irene, die mangels einer familiären Erzähltradition kaum Bezüge zum Politischen herstellen kann, und Friedrich, der sich nach einem kurzen Wink auf das, was "im Hinterkopf schlummert", völlig aus der Diskussion zurückgezogen hat?

4. Etappe: Einfallsschneisen und Fluchtwege

Die dunklen Flecken sind ausgemacht; die Diskussionsteilnehmer bewegen sich gemeinsam darauf zu. Noch ist aber nicht entschieden, ob die konfliktiven Topoi nur von der Ferne, in sicherem Abstand, besprochen werden, oder ob sich jemand an deren genaue Vermessung wagt. Die Involvierten (und von der jüngeren Generation Befragten) greifen erst einmal auf 'große Erzählungen' zurück, um sich das Gespräch 'vom Leib' zu halten, um es vom konkreten Ort auf ein abstraktes Niveau zu heben: Theresia wehrt sich gegen eine angebliche Behauptung des "Nazijägers" Simon Wiesenthal, die Mehrheit der Bevölkerung habe vom nationalsozialistischen Genozid an den Juden gewusst; Margarete bekräftigt diese Wissens-Unschuld. Der aus den Massenmedien bekannte "Nazijäger" wird somit - ohne dass ihn davor jemand ins Spiel gebracht hätte - zum Bezugspunkt von Identität und Differenz: 'Er', der Jude Wiesenthal, und mit ihm auch 'sie', die Überlebenden der Shoah, behaupten eine kollektive Mitwisserschaft der Älteren; 'ich', Theresia, und 'wir', die Angehörigen der älteren Generation, weisen diesen Vorwurf von uns. Darüber begibt sich Theresia auch in eine Verteidigungsstellung gegen die jüngeren DiskussionsteilnehmerInnen: Sie rechtfertigt sich und ihre Generation gegen potenzielle, aber noch nicht formulierte Vorwürfe der Jüngeren. Die mögliche Frage nach der eigenen Verstrickung in das Politische wird nicht nur ausgespart, sondern auch präventiv abgewehrt; schließlich, meint sie, sei es die Aufgabe der Generäle gewesen, Hitler zu stürzen. Die Platzierung im überdörflichen Opfer-Täter-Diskurs eröffnet einen Fluchtweg aus dem gefährlichen Terrain der Dorfpolitik. Über die Verlagerung der Schuldfrage in die ferne Sphäre der wenigen Mächtigen werden die Vielen vor Ort entschuldet.19

Eine Spielart dieses Opfer-Täter-Diskurses erlaubt es Karl freilich, eine Einfallsschneise zurück ins Dorf zu finden. Er bezieht sich auf den Verdacht der Verstrickung von deutschen Soldaten in NS-Verbrechen, der in der Berichterstattung über die sogenannte "Wehrmachtsausstellung" des Hamburger Instituts für Sozialforschung zur Sprache kam.20 Sein Stiefvater, sagt Karl, habe als Soldat in Polen Gräueltaten der SS an Frauen und Kindern beobachtet. Wenn einfache Soldaten davon wussten, so die unausgesprochene Folgerung, musste dies wohl auch den Angehörigen zu Hause zu Gehör gekommen sein. Karl holt das Thema der Mitwisserschaft zurück ins Dorf; er positioniert sich entschieden als kritischer Gedächtnisarbeiter: "Ändern hot er's net kennan, owa gwisst, gwisst haums as. Gwisst haums as." Ohne seine Diskussionspartner explizit anzusprechen, ist der implizite Subtext evident: Auch ihr habt davon gewusst.

Friedrich, der einzige ehemalige Wehrmachtssoldat in der Diskussionsrunde, gerät nun unter Druck, das Soldaten-Kollektiv zu verteidigen: "I muaß dazu sogn, i woa zwei Jahr Soldat. Mir haum do eigentlich nix gwusst, und wos i so im Nochhinein mir jetzt außenehmen kann und die gaunzn Kommentare, Filme und so weiter, wo jetzt doda die drei Serien, Holokaust, gesendet werden, des war derart straff organisiert, dass da wirklich, ich nehm an 90 Prozent der damaligen Soldaten wirklich nix gwusst haben davon." Erneut stützt sich ein Sprecher auf medial Vermitteltes, um den eigenen Standpunkt zu befestigen. Die Kraft der eigenen Erfahrung reicht paradoxerweise nicht aus, um die Plausibilität des Gesagten zu zementieren. Anstatt über Szenen der eigenen Soldatenzeit zu sprechen, zögert Friedrich, weitere Schritte auf dem gefährlichen Gelände zu setzen. Stattdessen begibt er sich zurück in die eigene Schulzeit und erzählt über die Faszination, die der Nationalsozialismus auf ihn und seine Altersgenossen ausgeübt hat. Die apolitische "Augenblickszeit" des wehrlosen, in materieller Armut aufwachsenden Buben führt in der Erzählung geradewegs in die politisch brisante "Augenblickszeit" des Wehrmachtssoldaten. Die Mangelgesellschaft der dreißiger Jahre, so die Argumentation, habe die Verführbarkeit durch die Nationalsozialisten erst ermöglicht. "Da war eine ganz neue Siebenjahreszeit" - Friedrich klopft mit den Fingerknöcheln auf den Tisch, als er die objektiv schuldbeladene NS-Zeit als eine Zeit der subjektiven Unschuld mit dem Vorher verbinden und zugleich davon abtrennen will.

Selbst diese scheinbar naive Begeisterung des Jugendlichen ist im Hier und Jetzt erklärungsbedürftig, vor allem für einen, der seine ehrenvolle Position im Dorf wahren will. Friedrichs Verteidigungsrede für sich und seine Altersgenossen, in der er gleichzeitig mit erzählerischer Kompetenz aufwarten will, zwingt ihn dazu, weitere Schritte rückwärts zu machen. Mit jedem vermeintlich souveränen Schritt merkt er jedoch, dass er sich schon mitten im verminten Gelände befindet; er sucht Halt bei väterlichen, scheinbar unverdächtigen Kronzeugen: "Owa in da Augenblickszeit, ich weiß jo gar net, wie weit zum Beispiel die Staatsmänner, ein Körner, ein Figl, ein Raab oder wie die daunn olle waren, oder unsere Eltern, die hot's, mei Vater hot's sicher aa net in dem Sinn verstanden, oda, --net?" Friedrich beginnt sich zu verheddern.

Noch einmal kommt ihm Karl entgegen. Die Verführungskraft des Nationalsozialismus, Friedrichs "Augenblicksperspektive", scheint auch für ihn nachvollziehbar; entscheidend sei jedoch die Distanzierung aus der Gegenwartsperspektive. Nachdem er noch einmal auf eine nationale Argumentationsebene eingeschwenkt ist - die Zweite Republik habe zu wenig für die "Wiedergutmachung" getan - lokalisiert er die Diskussion endgültig im Dorf. Er prangert diejenigen Stammtischbesucher an, die von der NS-Zeit nicht nur keinen Abstand genommen haben, sondern im Gegenteil die Jahre 1938 bis 1945 sogar noch verherrlichen: "Wos i do für grausliche Gschichtn amoi gheat hob beim Winter [ein Frankenfelser Wirtshaus] obn, a poa beinaund gsessn, i sog kane Namen net, oba ganz wos Furchtbars. De woan stolz darauf, dass se de so genannten Flintenweiber ogmurkst haum, de damals ois Partisanen, oba wia brutal (...)." Noch werden keine Namen genannt, aber unmissverständlich hat die imaginierte Dorfgemeinschaft Risse bekommen. Es leben auch Täter im Ort; es handelt sich um Männer, die russische Partisaninnen ermordet haben; diese Mörder glorifizieren ihre Taten heute noch.

Der Ton der DiskutantInnen ist harscher geworden, ein offener Konflikt liegt in der Luft. Die Platzierungen haben sich nicht nur verschoben, sondern auch verfestigt: Karl ist entschlossen, die Minenfelder genauer zu vermessen; Friedrich, Rudolf und Theresia meiden diese gefährliche Nähe. Mit einer Kette von Entlastungsfragen will Theresia das Gespräch weg vom dörflichen und hin zum nationalen Kollektiv lenken: Warum die Verbrechen an den Sudetendeutschen verschwiegen würden; warum das Dollfuß-Regime im Gegensatz zum Hitler-Regime keine Arbeit geschaffen habe; warum nun die dritte Generation für Verbrechen der ersten zur Kasse gebeten werde - Fragen, die für den Provokateur Karl als Gegenprovokationen erscheinen müssen.

5. Etappe: Grenzgänge

Der Diskussionsleiter setzt jedoch auf Abkühlung und fordert die bisher zur NS-Thematik schweigsame Irene auf, ihre Position in Bezug auf das gefährliche Terrain offenzulegen. Damit bleibt den Konfliktparteien Zeit, ihre Strategien zu überdenken, zu modifizieren, womöglich sogar auf Entspannung zu sinnen. Irene betritt das Terrain nicht, weil ihr - nach eigenen Angaben - die nötigen Werkzeuge fehlen: Die lange Abwesenheit von ihrem Heimatort durch das Studium, der mangelnde Erfahrungshintergrund, die die NS-Zeit aussparende Erzähltradition der Familie positionieren sie am Rand des zu vermessenden Geländes. Sie zeigt sich aber weiterhin als interessierte und aufmerksame Zuhörerin und spielt damit weiterhin eine aktive Rolle im gemeinsamen Gedächtnisraum: Ihr gegenüber, als Stellvertreterin der jungen Generation, müssen sich die Älteren rechtfertigen und zu einem offiziellen Geschichtsbild des Dorfes durchringen.

In einem reflexiven Einschub versucht der Projektleiter, die Resultate der CD mit der bisherigen Diskussion in Verbindung zu bringen: hier die helle Seite der dörflichen Gemütlichkeit, dort ein Ringen um das Thematisieren von dunklen Seiten der Dorfgeschichte. Auswärtigen gegenüber geizt man mit Konfliktivem; Unstimmigkeiten werden intern ausgetragen, suggeriert auch Rudolf. Für ihn ist diese Arbeitsteilung, in die sich die CD fügt, begrüßenswert. Dem gegenüber hält Sophie fest, dass die CD eben nur einen bestimmten Ausschnitt des Gewesenen wiedergibt - während es jenseits davon etwas anderes geben müsste: ein "anderes Lebensgefühl". Mit Verweis auf zwei CD-Abschnitte - Friedrichs Erzählung vom Ausgraben eines ermordeten KZ-Häftlings und einer Erzählung vom Verstecken vor den russischen Soldaten - assoziiert sie ein Gefühl der Angst, der Un-Gemütlichkeit. Die CD gibt diese Stimmung ihrer Meinung nach nur unzureichend wieder: "Es kaunn jo net nur so gwesn sei (...) I glaub, dass a aunders Lebensgfühl aa noch dogwesn sei muaß ois des, wos de CD vermittelt."

Mit dem Hinweis auf ein (möglicherweise intendiertes) Fehlen eines solchen Lebensgefühls auf der CD leiten Sophie und Karl ("Des wird ausklammert"",Des wird unterdruckt") die schärfste Konfliktphase der Diskussion ein. Was ausgeklammert wurde, muss jetzt hereingeholt werden; was unterdrückt wurde, muss nun zur Geltung kommen. Weil das Ausklammern und Unterdrücken bestimmter Konfliktfelder aber mitunter den Raum des Kollektivgedächtnisses abgrenzen, sind Grenzverletzungen nun unumgänglich geworden.

6. Etappe: Grabenkämpfe

Wie schon in der dritten Phase gelingt der Einstieg über den Lehrer Friewald; er verkörpert gewissermaßen den Nationalsozialismus vor Ort. Als Autoritäts- und Bezugsperson ist der Lehrer mit dem Innersten der Dorfgemeinschaft verbunden. Er wird zum Brennpunkt unterschiedlicher Bewertungen, gemäß der bisherigen Positionierung der Sprecher im Diskussionsverlauf: Zwar wird mühelos ein Konsens über Friewalds Kompetenz als Lehrer hergestellt; während Karl jedoch auch dessen NS-Begeisterung hervorhebt, sehen Rudolf und Margarete in Friewald eine charismatische Persönlichkeit. Inmitten dieses symbolischen Ringens stößt Karl nun weiter vor; er erzählt die Geschichte einer Denunziation, die seine eigene Familie in Bedrängnis brachte. Nach dem Selbstmord des Vaters sei seine Mutter von einer ortsansässigen Parteiführerin wegen des Verdachts der "Erbschädigung" ihrer Kinder angezeigt worden; er wertet dies als ein wahrscheinliches Todesurteil für ihn und seine Geschwister. Wenn nicht zur selben Zeit einige Nazi-Größen des Ortes für seine Mutter interveniert hätten, gibt Karl zu verstehen, säße er nicht mehr hier. Die Vorstellung einer harmonischen Dorfgemeinschaft ist einmal mehr brüchig geworden.

Karl macht klar, dass die Erzählung vermutlich nicht zum Repertoire des Dorfgedächtnisses zählt; er beginnt mit der Einleitung "I waaß netm obs de Gschicht kennts (...)". Nun hat er sich endgültig für das Vermessen eines nur unscharf eingezeichneten Fleckens in der Gedächtnislandkarte entschieden. Erstmals an diesem Diskussionsnachmittag werden dörfliche Herrschaftsträger während der NS-Zeit benannt - freilich nur die 'guten Nazis', die seiner Mutter geholfen haben; die 'böse Nazisse' bleibt zwangsläufig anonym. Da seine Mutter die Identität der Denunziantin nie gelüftet hat, steht neben der vergangenen auch die gegenwärtige Dorfgemeinschaft auf dem Spiel. Die Exklusion aus der Gemeinschaft ist zwar durch die Re-Inklusion rückgängig gemacht worden; die Erinnerung daran blieb jedoch aufrecht. Als einer, der sich zu Beginn der Diskussion im Kernbereich des veröffentlichten Dorfgedächtnisses platziert hat, verfügt Karl nun über jenes Maß an symbolischem Kapital, das ihn dazu ermächtigt, öffentliche Geschichtsbilder in Frage zu stellen. Die Stimme des Häretikers hat kraft seiner gefestigten, 'orthodoxen' Position im Dorf Gewicht.

Der Diskussionsleiter treibt die Vermessung voran. Die Frage, ob es in Frankenfels jemals Versuche zur Ausleuchtung der dunklen Flecken im Gedächtnisraum gegeben habe, richtet sich direkt an Karl; sie bietet ihm erneut eine Gelegenheit, um sich weiterhin als kompetenter -und alleiniger- Aufklärer zu profilieren: "Kaunn i mi net erinnern." Inmitten des gefährlichen Geländes kommt es nun von den bisherigen Positionen der Kombattanten aus zu einem minutenlangen Schlagabtausch. Theresia wirft die Frage ein, warum vor dem NS-Regime keine österreichische Regierung zu einer akzeptablen Familienpolitik fähig war. Karl kontert, ohne auf diese Frage einzugehen, mit einer zweiten Denunziationsgeschichte: Eine Bäuerin habe zu Kriegsende ausländische Zwangsarbeiter der SS ausgeliefert. Er führt die Erzählung bis zu dem Punkt, an dem die beiden geretteten Arbeiter mit den Sowjetsoldaten, denen sie von der SS im Rahmen eines Gefangenenaustauschs ausgehändigt worden sind, zum Hof der Denunziantin zurückkehren. Dann streut Friedrich ein, dass der Bauer an Stelle der Bäuerin, die gerade ein Kind in ihren Armen hielt, von den Rotarmisten erschossen worden sei. Rudolf setzt affirmativ nach: "Der woa komplett unschuldig." Mit der Schuldumkehr zu Lasten der Auswärtigen soll die Ehre der Einheimischen zumindest teilweise wiederhergestellt werden. Dass die Kinder der betreffenden Familie später aus dem Ort weggezogen seien, sei Sühne genug gewesen, meint Theresia; damit gibt sie zu verstehen: Wer Unrechtes getan hat, muss das Dorf verlassen. Karl ignoriert diesen Versuch einer Entschuldung und beharrt auf seinem Schuldvorwurf: "Die woan verhetzt bis zum Schluss."

Der Schlagabtausch erfolgt aus einzementierten Positionen heraus - und im Wissen um die aufmerksamen BeobachterInnen. Nicht nur um die Gültigkeit der jeweils eigenen Sichtweisen innerhalb der Generation der Älteren wird gerungen, sondern auch um die Anerkennung dieser Sichtweisen durch die Jüngeren. In dieser heißen Konfliktphase schlägt der bisher zurückhaltend agierende Friedrich einen originellen Ausweg vor, um die Verwerfungen des Dorfgedächtnisses zu glätten. Mit dem Hinweis auf das Fehlen einer "Zwischengeneration" - älter als er selbst, jünger als seine Eltern - versucht er die Diskussion über konkrete Personen auf ein abstrakteres Niveau zu lenken. Wenn jene, die die NS-Zeit im vollen politischen Bewusstsein erlebt haben, über das damalige Geschehen kein authentisches Zeugnis mehr abgeben können, weil sie bereits verstorben sind, dann ist eine Diskussion um Schuld und Sühne fehl am Platz. Jene, die damals zu jung waren, um die NS-Propaganda zu durchschauen, und jene, die nach 1945 geboren wurden, sind dazu nicht in der Lage, lautet sein salomonischer Vorschlag.

Mit dieser Äußerung signalisiert Friedrich sein Bestreben, die Diskussion mangels Kompetenz der SprecherInnen zu Ende zu bringen; der Zeitpunkt scheint aus seiner Sicht günstig: Noch sind die VertreterInnen der älteren Generation nicht auf Minen getreten; ihre Standpunkte in Bezug auf das NS-Regime sind nach wie vor unscharf. Auch Karls Denunziationsgeschichten lassen sich noch als Ausnahmen von der Regel vom Kern des Dorfgedächtnisses abtrennen. Wird die Diskussion bis an den schmerzlichen Punkt geführt, an dem die Älteren klar Position beziehen müssen? Oder werden ihnen die Jüngeren, die sich bisher außerordentlich empathisch gezeigt haben, zu Hilfe kommen?

7. Etappe: Umwege und Brücken

Die Forscher intervenieren ein zweites Mal: Der Projektleiter fasst die vorangegangene Phase der Diskussion als jenen Bereich der Frankenfelser Geschichte zusammen, der auf der CD fehlt. Die Frage an die jüngeren Gesprächsteilnehmer, ob sich dadurch ihr Bild von der Dorfgeschichte geändert habe, birgt die Chance einer neuerlichen Abkühlung. Irene schildert ihr Erstaunen - nicht über konkrete Taten von DorfbewohnerInnen, wie sie eben angedeutet wurden, sondern über die Tatsache, dass mit einem Mal das eigene Schulwissen über die NS-Zeit und das Alltagswissen der anderen zusammenrücken. Was sie eben gehört habe, sei eine willkommene Erweiterung ihres historischen Gedächtnisses: "Waunnst oba mitkriagst vo Leit, die du persönlich kennst, haum des ois nu miterlebt, daunn rückt des fia di scho irgendwie mehr in a greifbare Nähe, und, und i find aa die Rundn do heut total interessant, weil, weil i viel hör, was i noch nie ghört hab."

Mit "Schule" ist das Stichwort zu einem weiteren Metadiskurs gefallen, auf die institutionalisierte Vermittlung eines staatlich legitimierten Geschichtswissens. Karl, Rudolf und Georg, bisher auf unterschiedlichen Wegen bei der Begehung des Gedächtnisraums unterwegs, treffen einander in der Auffassung, dass in den Schulen nur mangelhaftes Wissen über den Nationalsozialismus vermittelt wurde und wird. Die Ursache dafür finden sie in der mangelnden Entnazifizierung der österreichischen Nachkriegsgesellschaft und dementsprechend unkritischen Lehrplänen.21 Auf dieser abstrakten Ebene ohne konkrete Namen, so scheint es, können die DiskutantInnen Einverständnis erzielen. Die Frage nach Schuld und Sühne wird über den Umweg des "Vergangenheitsbewältigungs"-Diskurses auf die wenigen Mächtigen abgewälzt, auf "de Bonzn von dazumals, de wos si do nochand nochm Wind draht haum", wie Rudolf sagt.

Einem Diskussionsimpuls des Projektleiters folgend, rückt die CD nun wiederum in den Mittelpunkt der Überlegungen. Ein Anknüpfen an die Schilderungen der Hörsituationen in der zweiten Phase ist leichthin möglich; die Fragestellung wird nun mit Blick auf eine (Wieder-)Herstellung der Dorfgemeinschaft erweitert: Ist das, was auf der CD zu hören ist, in Ordnung? Und richtet sich die CD nur an die Einheimischen oder auch an Auswärtige? Als Sozialarbeiterin überträgt Sophie ihre Kompetenz für die individuelle Psyche auf das Kollektiv. Die CD ist ihrer Ansicht nach wertvoll, weil sie kollektive Selbstbilder wie Gemütlichkeit, Bodenständigkeit oder Arbeitsfleiß - das 'Wir' - bestätigt. Dass das "andere Lebensgefühl" - all das, was in den vorangegangenen Phasen der Diskussion zur Sprache gekommen ist - auf der CD fehlt, scheint nicht weiter störend und hat gute Gründe, die es zu erforschen gilt. Dahinter steht wohl die Überzeugung, dass erst ein starkes Selbstbewusstsein eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Lokalgeschichte gewährleiste. Aus diesem Grund, folgert Sophie lachend, gehöre die CD in jeden Frankenfelser Haushalt",so wia in jeden katholischen Haushalt die Bibel".

Eine therapeutische Funktion der CD kommt Georg, der ebenso wie Sophie das "Eigentliche" jenseits des Erzählten vermutet, gar nicht in den Sinn. Er lässt das Zwischenprodukt der Forscherarbeit schlicht gelten als etwas, in dem dörfliches Erzählgut - "Gschichtln" - fixiert ist. Die Aufarbeitung des Politischen wäre "eine eigene Geschichte", der freilich höchste Priorität zukomme. Weil er der CD keine Funktion bei einer möglichen Aufarbeitung beimisst, ist sich Georg auch über die Zielgruppe unschlüssig. Für Rudolf hingegen, der als Obmann des Trachtenvereines die "Traditionspflege" im Auge hat, steht die touristische Verwertbarkeit der CD im Vordergrund. Darüber rechtfertigt sich auch die finanzielle Förderung des Projektes aus Gemeindegeldern. Die CD stellt einen musealisierten Denk-Ort des Gedächtnisses der GebirgsbewohnerInnen dar. Das, was darauf vom Eigenen zu hören ist, kann man bedenkenlos auch einem Fremden vorspielen. Das Politische soll hingegen innerhalb des Dorfes besprochen werden; weil die CD über die Dorfgrenzen hinauswirken soll, so können wir folgern, wäre eine Kontroverse über die NS-Vergangenheit völlig fehl am Platz. Die Studentin Irene erblickt in den CD-Erzählungen eine Fortsetzung der Erzählungen, die ihr aus der Familie vertraut sind. Weil dieses Familiengedächtnis, wie oben dargelegt, für sie untrennbar mit dem Frankenfelser Teil ihrer ländlich-städtischen Doppelexistenz verbunden ist, imaginiert sie Einheimische und deren Verwandte als primäre Zielgruppe.

Gemäß den Positionen der DiskutantInnen im materiellen, sozialen und symbolischen Raum hören wir also sehr unterschiedliche Einschätzungen über Sinn und Zweck der CD. Im Lichte des bisherigen Diskussionsverlaufs lässt dieses Gespräch dennoch einen gemeinsamen Standpunkt erkennen: Den Äußerungen der Einzelnen liegt ein gedachtes Kollektiv zugrunde; der Graben, der sich zwischen Älteren und Jüngeren aufgetan hat, scheint überbrückbar. Selbst Sophie und Friedrich, die sich im Lauf der Diskussion auf unterschiedlichen Seiten dieses Grabens platziert haben, zeigen sich als Brückenbauer. Gegen Sophies Behauptung, die CD stelle eine "zeitgemäße, neuzeitliche Form der Überlieferung" dar, gibt es keinen Einspruch; sowohl Form als auch Inhalt erscheinen in den Augen der DiskussionsteilnehmerInnen tradierungswürdig. Und auch Friedrich reiht sich ein, indem er fordert, die CD solle "unvergesslich gmocht werdn". Dennoch birgt gerade eine CD-Passage, in der Friedrich prominent zu Wort kommt, einiges an Konfliktstoff. Unversehens sind wir wieder mittendrin im unsicheren Gelände und diesmal haben die Projektmacher die Gruppe zurück an eine Stelle gelotst, die man schon als ausführlich genug beschrieben gewähnt hat.

8. Etappe: Vom Zusammenrücken

Im entsprechenden CD-Kommentar haben wir eine Erzählung Friedrichs, in der er vom Verbrennen der schmutzigen Kleider und von einem Bad im Bach nach seiner Heimkehr aus dem Krieg erzählt, als 'Reinwaschung' gedeutet - als rituellen Abschied vom Vergangenen und als Neubeginn. Wir fragen erst nach der Perzeption der Kommentartexte im Allgemeinen, worauf Friedrich Zustimmung signalisiert; sodann spezifizieren wir: Wurde der doppelsinnige Kommentar der 'Reinwaschung' auch so verstanden? Friedrich verneint die symbolische Funktion der Waschung und beruft sich auf deren materielle Funktion: Weil mein Körper schmutzig war, habe ich mich waschen müssen. Nachdem wir noch einmal unsere Lesart explizieren, die auch von Sophie und Karl als solche erkannt worden ist, beginnt sich Friedrich in die Defensive gedrängt zu fühlen. Er sieht sich mit einem Schuldvorwurf konfrontiert, der sich über Assoziationen mit zumindest zwei Metadiskursen herleitet: Einerseits ist die Debatte über Mitwisser- und Mittäterschaft von Wehrmachtssoldaten soeben ein Thema gewesen. Andererseits steht die katholische Denkfigur der Reinigung von Schuld und Sünde unausgesprochen im Raum. Er muss diesen Vorwurf umso entschiedener von sich weisen, als er die CD als Stütze seines dörflichen Prestiges deutet.

Vielleicht wischt er aus diesem Grund den Kommentar nicht einfach weg, sondern beginnt über ihn zu reflektieren. Darüber gerät er wie schon in früheren Passagen auf gefährliches Terrain: "Oiso is vielleicht des a bissl zu hart, dass i mi do net in dem Sinn reinwoschn will. Des haaßt, i hob net waaß i welche furchtbore grausliche Sochn angstellt im Krieg. I hob mi gwehrt, wer schneller woa, woa hoit - dann - da Überlebende. Auwa, waaß net, is des vielleicht schon a bissl - i weiß net, wie ma sogn sollt." Zum ersten und einzigen Mal blitzt das eigene Handeln als Soldat im Krieg auf: das Töten-Müssen, um nicht getötet zu werden. An diese Erfahrung knüpft sich, so scheint es, ein diffuses Schuldgefühl: Zwar habe er nach eigener Aussage keine außergewöhnlichen Grausamkeiten zu verantworten, wohl aber das 'normale Maß' an Grausamkeit, das von einem Soldaten im Kampfeinsatz verlangt wird.

Sophie teilt zwar die Lesart der Forscher, die sie als "Überschwappen ins Andere" wahrnimmt; gleichzeitig eilt sie jedoch Friedrich mit einem empathischen Einwurf zu Hilfe: "(...) auwa da Friedrich erlebt's offensichtlich anders." Auch Margarete unterstützt Friedrich qua Verallgemeinerung der inkriminierten Handlung: Ihr eigener Bruder habe, ebenfalls aus rein hygienischen Gründen, exakt dasselbe getan, als er vom Krieg heimgekehrt sei. Und auch Karl hält sich trotz der Aufforderung, den Kommentar der Forscher anzuerkennen, im Vergleich zur heißen Konfliktphase auffallend zurück. Völlig unversehens - und nicht intendiert - hat sich mitten auf dem unsicheren Gelände das Tribunal der Projektmacher formiert, die Friedrich über sein Handeln im Krieg befragen. Die anderen DiskutantInnen breiten über ihn einen Schutzmantel oder vermeiden zumindest weitere Attacken. Die Bloßstellung eines Individuums aus der Mitte des gegenwärtigen Dorfkollektivs erscheint als ein Tabu - dies umso mehr, als die Person im Hier und Jetzt zugegen ist. Zum Schutz des einen rücken die anderen zusammen. Das Verhalten Friedrichs wird in das Verhalten seiner Altersgenossen eingebettet; darüber wird es möglicher Kritik, die sich nur gegen die gesamte Generation richten könnte, weitgehend entzogen. Keinesfalls kann es auf eine Stufe mit dem denunziatorischen Verhalten jener "Verhetzten" gestellt werden, von denen Karl erzählt hat.

9. Etappe: Angestammte Plätze

Weniger Widerspruch erregt der Kommentar zu jener CD-Passage, in der eine Interviewpartnerin von ihrer Doppelbelastung als Hausfrau und "Häuslbauerin" in der Nachkriegszeit erzählt. Wir stellen darin die bekannte These zur Diskussion, nach der die Arbeit der Frauen - entgegen deren unverzichtbaren Leistungen in der Subsistenz- und Marktproduktion - im Dorfdiskurs in geringerem Maß anerkannt wurde als jene der Männer (Sieder 1987: 36 f.). Im Gegensatz zur Debatte um die 'Reinwaschung' greifen die DiskutantInnen unsere These nicht auf; vielmehr evoziert der CD-Ausschnitt Erzählungen, die die kritisierte Geschlechterordnung erneut legitimieren. Rudolf gesteht den Frauen zwar zu, beim "Häuslbauen" hart gearbeitet zu haben, schildert die Anstrengungen der Männer jedoch noch drastischer. Unter den DiskutantInnen fügen sich nicht nur Männer, sondern auch Frauen weitgehend in diese Geschlechterordnung: "Mithelfen kann sie [die Frau], aber die schwerste Arbeit soll ein Mann machen", meint Theresia. Selbst die junge Irene klinkt sich in diese Debatte ein und weist den Frauen das Haus als genuines Tätigkeitsfeld zu; dort sollen sie "auf die Familie schaun, dass alle was zum Essen haum, und dann zufrieden san." Männliche wie weibliche Äußerungen befestigen die geschlechterspezifische Raumordnung: Die Männer arbeiten außer Haus, die Frauen im Haus. Die Figur der "Häuslbauerin" fügt sich fast bruchlos in diese Geschlechterordnung, legt sie doch am Haus Hand an. Nur in Ausnahmesituationen, hören wir, sollen Frauen Männerarbeit verrichten. Ein Thematisieren von geschlechterspezifischen Ungleichkeiten würde wohl die Vorstellung von einer egalitären Dorfgemeinschaft gefährden. Die Topoi von Fleiß und Genügsamkeit, die den vorherrschenden Arbeitsethos bezeichnen, und der Topos des bodenständigen Gebirgsbewohners erscheinen dermaßen zugkräftig, dass sich Frauen ebenso wie Männer um sie herum platzieren. Gelang es noch im privaten Setting der Einzelinterviews, Geschichten über eigensinniges Handeln von Frauen zu generieren, gewinnt im halböffentlichen Setting der Gruppendiskussion die patriarchalische Sicht der Vergangenheit die Oberhand. Dies bestätigt - entgegen den Intentionen der DiskutantInnen - einmal mehr unsere These von der Legitimation der Männerherrschaft durch die Delegitimation der Frauenarbeit im öffentlichen Diskurs. Die "Emanzipation", meint Margarete ironisch, habe noch nicht Einzug ins Dorf gehalten. Der Abbau von Geschlechterhierarchien erscheint als etwas Äußerliches, das die innere Ordnung potenziell gefährdet. Damit hat sie, vermutlich unbeabsichtigt, die Sache auf den Punkt gebracht.

Theresia eröffnet unerwartet einen Ausweg aus der Geschlechterdebatte: Sie erinnert sich an die Aussage eines im Dorf während des Zweiten Weltkrieges eingesetzten französischen Zwangsarbeiters, der die Meinung vertrat, dass die Frauen in seinem Herkunftsland nicht so hart arbeiten müssten wie die einheimischen Frauen. Über die Platzierung im aktuellen, über die Massenmedien geführten Diskurs über die Entschädigung der ehemaligen ZwangsarbeiterInnen formieren sich wie schon zuvor Theresia, Rudolf und Friedrich zu einer revisionistischen Fraktion: Bei den 'gemütlichen Frankenfelsern' sei das Leben vielfach angenehmer gewesen denn als einfacher Wehrmachtssoldat an der Front. Die unausgesprochene Botschaft lautet: Die Fremden hatten es bei uns besser als die Unseren in der Fremde. Damit lenken die Gedächtniswächter die Debatte wohl unbeabsichtigt wiederum auf ein Feld, das sie nur ungern betreten: das Politische. Der Diskussionsleiter hakt hier ein und zieht noch einmal mehrere Fäden der Diskussion zusammen. Wurde jemals überlegt, für die in Frankenfels ermordeten KZ-Häftlinge, von denen Friedrich auf der CD erzählt, einen Gedenkstein zu setzen? Damit kommt eine Debatte in Gang, in der jene, die sich daran beteiligen, ihre Positionen zu den NS-Verbrechen offenlegen müssen.

10. Etappe: Orte und Nicht-Orte

Bereits in den Eröffnungsstatements zur Frage eines Denkmals beziehen die DiskutantInnen klar Position. Karl verneint die Frage, ob jemals ein Gedenkstein zur Diskussion stand, mit einem apodiktischen "Nie" und hält dies auch in Hinkunft für unmöglich. Zum ersten Mal kommt nun die Rede auf die Machtverhältnisse, in die das öffentliche Gedenken eingebettet ist. Die im Kameradschaftsbund organisierten ehemaligen Wehrmachtssoldaten - darunter wohl auch jene, die nach wie vor am Wirtshaustisch ihre Kriegsverbrechen glorifizieren - dominieren das öffentliche Gedenken an die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Diesen Wächtern des Dorfgedächtnisses sieht sich Karl hilflos gegenüber: "Des bringst net durch, des bringst in 100 Johr net durch", meint er resignativ. Er, der sich bisher als Häretiker positioniert hat, anerkennt unwillkürlich die Deutungsmacht der Orthodoxie. Vermutlich speist sich sein aufklärerischer Impetus auch und gerade aus der Übermacht seiner Gegner. Folgerichtig schließt er eine Erzählung an, in der er aus eigener Beobachtung die Ermordung ungarischer Juden auf einem der vielen "Todesmärsche" in Frankenfels im April 1945 schildert.22

Friedrich und Theresia sehen anfangs keinen Handlungsbedarf: "Die sind eh eingraben worden", also nicht mehr sichtbar, oder: "Die san jo weggeholt worden", also nicht mehr anwesend. Erst später, als sich ein Konsens um das Thema abzeichnet, greift Friedrich die Idee eines Denkmals auf. Auf diese Weise kann er sein Image, das vor allem in den Augen der Jüngeren in manchen Passagen der Diskussion gelitten hat, wieder herstellen: Gegenüber der Diskussionsrunde kann er nun political correctness demonstrieren. Die Art und Weise, in der er den Nicht-Ort des Denkmals verortet, fügt sich jedoch wiederum in seine revisionistische Grundhaltung: Man solle eine Gedenktafel in das bestehende Kriegerdenkmal "einiflechtn", möglichst unauffällig integrieren. Das Gedenken an die 'vergessenen Opfer' wird in das Gedenken an die zu 'Opfern' gemachten Mit-Täter eingeordnet oder, genauer besehen, untergeordnet. Dass der Bibelspruch am Kriegerdenkmal: "Eine größere Liebe hat niemand als der, der sein Leben gibt für seine Freunde" als blanker Zynismus erschiene, ist den BefürworterInnen einer solchen Gedenktafel wohl nicht bewusst.

Rudolf unterbricht diese Überlegungen durch eine Erzählung über das liebevoll gepflegte Grab eines deutschen Piloten, der durch einen Flugzeugabsturz auf Frankenfelser Boden ums Leben gekommen ist. Die Würde wird auch diesem fremden Toten gegenüber bezeugt - somit sind die eben aufgeworfenen Fragen über den unzulänglichen Umgang mit den Opfern des "Todesmarsches" beiseite geschoben. Karl kontert sofort; er weiß vom Abschuss einer alliierten Maschine zu berichten. Der Umgang mit den fremden Toten stellt sich in Karls Darstellung völlig konträr dar, nämlich ganz und gar pietätlos. Die Fallschirmseide und sonstige Ausrüstungegegenstände der Piloten werden flugs von Einheimischen zu Kleidung verarbeitet: "De haums ogschirrt, sunst haums nix." Also keine mit Blumen geschmückten Gräber wie bei Rudolf, sondern Einheimische, die Tote ausschlachten. Die Frontstellung von früheren Diskussionsphasen ist wieder hergestellt.

Friedrich, der sich wohl nach seinen leidlichen Erfahrungen aus diesem Konfliktfeld heraushalten will, schlittert unweigerlich in vermintes Gelände. Als einer, der seine Sprechkompetenz in der Dorföffentlichkeit unter Beweis stellen will, räsoniert er über den Wortlaut der Gedenktafel für die Ermordeten. Ein Denkmal der namentlich nicht genannten Opfer müsste auch andere Gruppen einschließen, stellt er zur Diskussion: "KZ-Opfer, diese Erschießungen woan net nur KZ-Opfer, sondern des woan Wehrzersetzer, des woan Verräter." Dieses Abrutschen in die NS-Diktion - "Wehrkraftzersetzer" war eine Bezeichnung für Männer, die ihren vermeintlichen Pflichten in der Wehrmacht nicht nachkamen - provoziert eine weitere Kontroverse mit Karl, der ihn nun frontal angreift: "Des woa in deine Augn a Krimineller, net, scho, kimmt scho so vor." Damit stellt er Friedrich vor die Wahl: Sagst du ja, es waren Kriminelle, dann bist du ein Nazi. Sagst du nein, dann musst du alles bisher Gesagte zurücknehmen. Friedrich realisiert erst nach kurzen Augenblicken den Vorwurf: "Najo, do hot's, jo mei, heast do lass doch mi, olleweil i, i bin doch ka - i woaß net, du lasst mi oiwei net ausredn." Angesichts der Schärfe, mit der ihn Karl attackiert, belässt er es im ersten Moment aber bei "najo" und "jo mei". Erst danach zeigt er sich irritiert und wird sich der Tragweite des Vorwurfs bewusst. Er deutet an, dass es sich um ein Missverständnis handelt: "Lass doch mi [ausreden]". Dann zeigt er sich betroffen; es ist nicht das erste Mal, dass ihm Nähe zu NS-Gedankengut unterstellt wird: "Olleweil i". Der Vorwurf, der bei Karl mitschwingt, widerspricht der von ihm beanspruchten Position im Dorf: "I bin doch ka" - "Nazi" ist das Wort, das den ungeheuerlichen Verdacht auf den Punkt bringen würde; doch er bringt es nicht über die Lippen, sondern verstärkt den Eindruck des Missverständnisses. Vielleicht blitzt in diesem Moment die Diskrepanz zwischen seinem durch die NS-Diktion belasteten Ich und seinem politisch korrekten Über-Ich ("Ich bin kein Nazi") auf. Um diesem Dilemma zu entkommen, sucht er über Erzählungen über zivile Formen des Widerstands gegen das NS-Regime den Konsens mit Karl und der Runde. Auf dieser Ebene finden die Kontrahenten zueinander; die Eskalation wird vermieden. Dennoch: Friedrich wurde von Karl nun endgültig in die Defensive gedrängt; die Macht über die Gestaltung des Gedächtnisraumes ist ihm weitgehend entglitten.

Kristallisationspunkt der weiteren Diskussion über den möglichen Denk-Ort des Denkmals für die Opfer des "Todesmarsches" ist dessen Verortung: Befindet sich das Grab außerhalb des Friedhofes, wie Karl behauptet, oder innerhalb der Friedhofsmauern, wie Theresia entgegenhält? Sind die Toten angemessen begraben worden oder nur "eingebuddelt", wie Karl behauptet? Ist das Holzkreuz, das inmitten des Friedhofes steht, für sie gesetzt worden oder nur zufällig dort gestanden? Die Beantwortung dieser Fragen bleibt vage; die Grabstätte der Ermordeten besetzt im Dorfgedächtnis keinen fest umrissenen Ort, einen Nicht-Ort. Unausgesprochen lastet auf der Dorfgemeinschaft der Vorwurf, den Ermordeten die ihnen zustehende Würde zu verweigern. Darum wird der Vorschlag Irenes goutiert, man solle am Friedhof eine Tafel oder ein Kreuz anbringen, damit "die Leut, wos do vorbeikemman, aa wissen, dass do net nur ihre eigenen Verwandten liegen, die do aufm Frankenfelser Gemeindegebiet umbrocht worden san, dozumois." Die Jüngste in der Diskussionsrunde eröffnet damit einen Ausweg aus der erneut zu den NS-Verbrechen abgedrifteten Diskussion.

11. Etappe: Glückliche Heimkehr

Am Ende der Diskussion kann die Frankenfelser Dorfgemeinschaft in der Imagination wieder hergestellt werden. Mit dem Signal des Diskussionsleiters: "Jetzt schnauf i duach", flaut die Spannung ab und man reicht sich die Hände. So bleibt Friedrichs Vorschlag einer klaren Grenze zwischen dem, was der dörflichen Öffentlichkeit zugänglich sein soll (die nicht veröffentlichten Passagen der Einzelinterviews), und dem, was der Fokusgruppe und den Projektmachern vorbehalten bleiben soll (die Gruppendiskussion selbst), unwidersprochen. Das, was im Extrazimmer gesprochen wurde, soll auch in einer Art Extrazimmer des Dorfgedächtnisses eingeschlossen werden. Karl wiederholt zwar seine Kritik an der mangelnden Distanzierung von den NS-Verstrickungen, zielt aber nicht auf die Verstrickungen Einzelner selbst ab - eine Versöhnungsgeste, auf die Friedrich sofort reagiert: "Na, des is natürlich a mordstrum Blödsinn, waunn a so sechs, sieben Johr so danebengeht, und noch Ende dieser Niederlage behaupt i heute nu, des woa rechtens, nau des is a Dodl, glaub i." Zwar übernimmt Friedrich mit dem Wort von der "Niederlage" erneut die Perspektive der Mit-Täter; er stellt sich jedoch auf die Seite Karls, wenn es um die gegenwärtige Verurteilung des damaligen Geschehens geht. Auch Sophie kommt Friedrich in einer Art Gesamtevaluation entgegen. Am speziellen Fall ihres Schwiegervaters, der trotz eines hohen Bildungsniveaus der Faszination des Nationalsozialismus erlegen sei, beschreibt sie einen generalisierbaren Typus, den vom Gefühl des Macht-über-andere-Habens geprägten Jugendlichen: "Der kaunn si nimma lösen davon, der träumt jetzt nu von der Zeit, wo er so vü Mocht ghobt hot." Einmal mehr wird der 'kleine Mann' von der Last der Verantwortung befreit; mögliche Schuld wird auf 'die da oben' abgewälzt. Die unausgesprochene Botschaft öffnet Friedrich eine Tür: Du bist wohl auch diesen allmächtigen Mechanismen erlegen, aber du warst beileibe nicht der einzige. Schließlich eröffnet Irene einen Ausstieg aus der Debatte: "I glaub, dass ma des nu vü allgemeiner segn muaß." In der Zeit, in der man lebt, ist man gefangen; wer über nichterlebte Zeiten urteilt, macht es sich zu leicht. Assoziationen wie Atomkraftwerke, das Ozonloch und AIDS bekommen nun eine katastrophische Ebenbürtigkeit mit der NS-Zeit zugeschrieben. Mit der Rückkehr auf diesen sicheren Gemeinplatz findet der risikoreiche Gang durch die Gedächtnislandschaft ein vorläufiges, für alle Beteiligten glückliches Ende.

Evaluation: Tanz des Versteinerten?

Das Projekt Denk-Orte stellt einen Versuch dar, den GemeindebewohnerInnen gewissermaßen ihre eigene Melodie vorzusingen, um Versteinerungen im Dorfgedächtnis zum Tanzen zu bringen. Die Resultate dieses offenen Dialogs waren zu Beginn nicht abzusehen; unsere Strategie einer reflexiven Intervention war mit unvorhergesehenen Erfahrungen konfrontiert, die taktische Anpassungen erforderten. Aus der Rückschau betrachtet, haben wir anfangs das affirmative Potenzial der CD als 'veröffentlichtes Dorfgedächtnis' wohl unterschätzt. Zwar erschienen uns die Art der Interviewführung, die Auswahl der Erzählpassagen und die Kommentare als dissonante Eingriffe in die überwiegend harmonische Tonalität. Dennoch schlug die CD, wie auch die ersten Phasen der Gruppendiskussion zeigen, in den Ohren der HörerInnen vertraute Klänge an; das Verstörende wurde gewissermaßen herausgefiltert. Das Wir-über-uns war stärker als das Ihr-über-uns. Die CD als Denk-Ort 'zweiter Ordnung' fügt sich nahezu reibungslos in die Denk-Orte 'erster Ordnung' der dörflichen Gedächtnislandschaft; so lautete unser Zwischenergebnis nach der ersten Hälfte der Laufzeit des Projektes. Versteinerte Verhältnisse wurden durch die Produktion, Zirkulation und Konsumtion der CD allein allem Anschein nach kaum zum Tanzen gebracht.

Diese Enttäuschung unserer wissenschaftlichen Allmachtsphantasien wird rückblickend aus der Beziehungsdynamik zwischen Forschern und Beforschten ein Stück weit verständlich. Die Tatsache, dass zwei Forscher im Ort ansässig sind, erleichterte uns zweifellos den Einstieg ins Feld, in der Anbahnung der Interviews ebenso wie in deren Verlauf. Über die Positionen, die uns im Feld bewusst oder unbewusst zugeschrieben wurden, beeinflusste dies jedoch auch das Verhalten der Beforschten uns gegenüber. Aus diesem Grund waren neben der Position 'des Forschers' wohl auch andere Positionierungen im Spiel, die an klassen-, geschlechts-, alters-, verwandtschafts- und lokalspezifische Wahrnehmungen anknüpften - Positionierungen, auf die wir bewusst oder unbewusst mit Gegenpositionierungen reagierten.23 'Wir' wurden wohl in der Nähe von 'ihnen' lokalisiert; 'sie' standen wiederum 'uns' nahe. In dieser Dynamik von Positionierungen und Gegenpositionierungen spielte auch das Wissen um den Zweck des Projektes eine Rolle: Da sich unsere GesprächspartnerInnen bereits vor Beginn der Interviews über die mögliche Veröffentlichung im Klaren waren, konnten sie vermutlich Form und Inhalt der Erzählungen in mehr oder minder bewusster Weise steuern. Während der arbeitsaufwendigen Auswahl der Interviewpassagen für die CD bevorzugten wir, gemäß der Eigenlogik des akustischen Mediums, die Textsorte der Geschichte gegenüber Berichten, Beschreibungen, Argumentation und Evaluationen.24 Zudem erhielt im Zuge der CD-Produktion die Stimme der fremden Sprecherin weniger Zeit zur Verfügung als die vertrauten Stimmen der Interviewten.25 Schließlich erfolgte die öffentliche Präsentation der CD im Rahmen eines "Heimatabends", einer folkloristischen Veranstaltung in einem Frankenfelser Wirtshaus; dazu wählten wir jene CD-Passagen aus, von denen wir glaubten, dass sie beim Publikum gut 'ankommen' würden. Die Gemeindeverwaltung, die die Produktionskosten der CD finanziert hatte, trat nach außen hin als einer der Auftraggeber des Projektes in Erscheinung. All dies trug mit dazu bei, das affirmative Potenzial unseres Projektes voll zur Geltung zu bringen.

Der Gedanke, mit unserem Projekt die vorherrschenden Geschichtsbilder ausschließlich zu affirmieren, machte uns unsicher; das kritische Potenzial war doch angelegt - bloß, wurde es auch realisiert? Die inszenierte Gemütlichkeit des "Heimatabends" im Gastgarten bot wohl keinen geeigneten Rahmen, um dieser Frage nachzugehen. Aus diesem Grund wählten wir eine Methode, die im ursprünglichen Forschungsdesign nicht vorgesehen war: eine Gruppendiskussion mit einer möglichst heterogenen Fokusgruppe aus der Dorfbevölkerung. Der Ort der Diskussion, ein Extrazimmer in einem Wirtshaus, ist ein Gegenpol zum Gastgarten: ein geschlossener Raum, eine ausgewählte Runde, ein klares Ziel. Wir versprachen uns von diesem Setting genauere Aufschlüsse darüber, wie sich die DorfbewohnerInnen die CD zu Eigen machten; damit begründeten wir auch gegenüber den acht TeilnehmerInnen Sinn und Zweck der Diskussion.

Heute, einige Monate danach, lässt sich sagen: Die situativen Bedingungen der Diskussion haben die TeilnehmerInnen dazu veranlasst, nicht nur das affirmative Potenzial, sondern auch und vor allem das kritische Potenzial unseres Projektes zu realisieren. Die Debatte über die CD gab den Anstoß zu einer ausführlichen Reflexion über Erinnern und Vergessen, Veröffentlichen und Verbergen, Reden und Schweigen, Schuld und Unschuld, Macht und Ohnmacht. Als Kriterium für das Gelingen dieser reflexiven Intervention werten wir vor allem die Tatsache, dass das kritische Potenzial der CD nicht in erster Linie von den Diskussionsleitern, sondern überwiegend von den DiskutantInnen realisiert wurde. Nicht wir als Forscher setzten den ersten Schritt auf das neu zu vermessende Gelände, sondern die Beforschten selbst. Gleichwohl haben wir mit unseren Fragen diese Vermessungsarbeit ermöglicht, vielleicht sogar angestoßen. Wie die mittleren und letzten Passagen der Diskussion zeigen, übten SprecherInnen offen Kritik an herrschenden Geschichtsbildern und gerieten darüber mit anderen in Streit. Das Versteinerte begann zu seiner eigenen Melodie zu tanzen, wenn auch nur für einige Zeit.

Lassen wir den gemeinsamen Gang durch den symbolischen Raum nochmals in den Grundzügen Revue passieren. Die SprecherInnen gruppieren sich zunächst im Zentrum, im Nahbereich oder am Rand des in Form der CD veröffentlichten Dorfgedächtnisses. Dabei erscheinen die Topoi von Fleiß und Genügsamkeit, Gemütlichkeit und Bodenständigkeit, um die sich die Individuen scharen, als Gravitationszentren eines kollektiven Gedächtnisses. Vermutlich bezeichnen diese drei Denk-Orte das, was man das Ethos des Dorfes nennen könnte: die Neigung zu wie der Ausdruck von einer dörflichen Lebensform. Der Ethnologe Rolf Lindner hat das Ethos-Konzept für die Lokal- und Regionalforschung fruchtbar gemacht; er streicht drei Charakteristika heraus: den präreflexiven Wirkungsmodus, eine soziale Gruppe als Leitbild und das gemeinschaftsbildende Potenzial des Ethos (Lindner 1994: 211 ff.). Fleiß und Genügsamkeit, Gemütlichkeit und Bodenständigkeit erscheinen demnach als jene unhinterfragten Gewissheiten, in deren Gestalt kulturelle Repräsentationen von bäuerlich-handwerklichen Gruppen bestimmend für einen Großteil der Dorfgesellschaft geworden sind. Das dörfliche Ethos konturiert durch räumliche Differenzen nach außen hin eine Lokalidentität, die klassen-, geschlechter- und generationenspezifische Differenzen im Inneren verblassen lässt. Fleißig und genügsam, gemütlich und bodenständig - so sieht sich 'der typische Frankenfelser' und so möchte er von anderen gesehen werden.

Die weitere Diskussion nimmt einen ambivalenten Verlauf. Einerseits zeigt sich das Dorfgedächtnis über weite Strecken als zähe, reproduktive Struktur. Die Topoi Fleiß und Genügsamkeit sowie Bodenständigkeit werden von niemand auch nur ansatzweise hinterfragt. SprecherInnen beiderlei Geschlechts platzieren sich um diese Denk-Orte und rechtfertigen darüber die diskursive, von den Projektmachern in Frage gestellte Ungleichwertigkeit von Frauen- und Männerarbeit. Andererseits wird das Dorfgedächtnis in gewisser Weise auch als flüssige, transformative Struktur fassbar. Der Denk-Ort der Gemütlichkeit wird in der Auseinandersetzung über "das Politische" derart in Frage gestellt, dass darüber ein offener Schlagabtausch zwischen VertreterInnen der älteren und der jüngeren Generationen entsteht. Die Leitfiguren dieser Konfrontation sind Friedrich als Verteidiger der Frankenfelser Gemütlichkeit und Karl als deren Ankläger. An beiden Kontrahenten lassen sich die Wechselwirkungen von Habitus und Diskurs exemplarisch zeigen. Friedrich wie Karl werden durch Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster, die sie sich im Lauf ihrer jeweiligen Lebensgeschichten einverleibt haben, zu bestimmten Denk-Orten hingezogen: der eine als ehemals vom NS-Regime faszinierter Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat, der sich mit dem Vorwurf des Mitmachens und -wissens konfrontiert sieht; der andere als Sohn einer Betroffenen und eines Augenzeugen des NS-Terrors, der die Hitlerjugend- und Soldatengeneration mit dem Vorwurf des Mitmachens und -wissens konfrontiert. Machtvolle Diskurse, die mögliche Denk-Orte markieren, üben Anziehungskraft auf Friedrich und Karl aus: im einen Fall Spielarten des Opfer-Diskurses, etwa die Fernsehdokumentation "Holokaust", welche die Verantwortung für Krieg und Genozid auf die wenigen Mächtigen abwälzen; im anderen Fall Varianten des Täter-Diskurses, etwa die sogenannte "Wehrmachtsausstellung", die den Vielen eine direkte oder indirekte Mitverantwortung an den NS-Verbrechen zuschreiben.

Die Schärfe der Auseinandersetzung erklärt sich nicht allein aus dem Spannungsverhältnis von Verteidigern und Anklägern, die zeitlich befristete Bündnisse mit anderen DiskutantInnen eingingen. Die Diskussion über Mitwisser- und Mittäterschaft in der NS-Zeit war wohl auch darum so heftig, weil so unterschiedliche Auffassungen über die private und öffentliche Tradierung dieses Wissens an die jüngere Generation bestanden. Vielleicht war gerade Irene, die jüngste und schweigsamste Teilnehmerin, diejenige, um deren Anerkennung die Kontrahenten am heftigsten rangen. Sie erhielt, ohne dass dies jemand intendiert hätte, zusehends die Rolle einer über den Streitparteien stehenden Richterin zugesprochen - eine Rolle, die sie schließlich auch wahrnahm. Am Ende der heftigen Kontroverse stand Irenes salomonischer Vorschlag eines Denkmals für die Opfer des "Todesmarsches" am Friedhof und ihr Plädoyer gegen die Verurteilung einer Zeit, in der man nicht selbst gelebt hat. Damit war gewissermaßen das versöhnliche Schlusswort einer konfliktreichen Debatte gesprochen.



Topographie des dörflichen Gedächtnisraumes





Legende: Die farbigen, durch Linien verbundenen Punkte bezeichnen jene symbolischen Plätze, die die einzelnen SprecherInnen der Reihe nach im Lauf der Diskussion besetzt haben. Die Ellipsen markieren Denk-Orte, an denen sich Individuen und Kollektive platzieren. Die Kreise deuten die beiden Großregionen des Gedächtnisraumes an: das in Form der CD veröffentlichte Dorfgedächtnis und "das Politische".

Der spezielle Fall unserer Gruppendiskussion zeigt, dass sich weder Assmanns Komplementaritätsmodell noch Noras Konfrontationsmodell generalisieren lassen. Nicht nur wurden im Gespräch zwischen Forschern und Beforschten beide Modelle in Ansätzen fassbar; es wurde auch deutlich, dass jedes dieser Modelle zu dem jeweils anderen in Wechselwirkung steht. Das widerspricht jeder statischen Vorstellung von Gedächtnis; vielmehr konnten wir zeigen, dass die Topographie des Gedächtnisses im dynamischen Wechselspiel von Außen- und Innenwelt, von Plätzen und Platzierungen, hergestellt wird. Kurz, das Gedächtnis ist weniger ein Sein als ein Tun. In den ersten beiden Diskussionsphasen überwiegt die Komplementarität zwischen den Denk-Orten 'erster Ordnung' und der CD als Denk-Ort 'zweiter Ordnung'. Doch bereits hier zeichnet sich, zunächst unbemerkt und erst in der nachfolgenden Analyse erkennbar, die kommende Konfrontation ab. Ab der dritten Phase können wir Verschärfung, Höhepunkt und Abklingen der Konfrontation zwischen Denk-Orten 'erster Ordnung' und massenmedialen Meta-Diskursen als Denk-Orten 'zweiter Ordnung' beobachten. In der Auseinandersetzung um Mitwisser- und Mittäterschaft in der NS-Zeit manifestiert sich nun besonders deutlich das Wechselspiel von Gedächtnis und Geschichte (im Sinn Noras), von Funktions- und Speichergedächtnis (im Sinn Assmanns), von mentalen und materiellen Repräsentationen der Vergangenheit. Einerseits zwingen machtvolle Gedächtnisdiskurse die Subjekte in vorgegebene Positionen. Die Art und Weise, in der sich Karl zum Sprecher der "Wehrmachtsausstellung" macht, verdeutlicht die Dominanz der Geschichte beziehungeweise des Speichergedächtnisses. Andererseits ermöglichen machtvolle Gedächtnisdiskurse den Subjekten, vorgegebene Positionen abzuändern. Die Art und Weise, in der Friedrich sich über die selektive Wahrnehmung der Fernsehdokumentation "Holokaust" als Opfer von Verführung und Gewalt darstellt, steht gewissermaßen für die Dominanz des Gedächtnisses beziehungsweise des Funktionsgedächtnisses. Über die Intervention der Projektmacher gelingt es der Runde sogar, den Nicht-Ort des Denkmals für die Opfer des "Todesmarsches" im Jahr 1945 zu einem virtuellen Denk-Ort 'dritter Ordnung' zu machen. Nach allem, was wir nunmehr über die Strategien der TeilnehmerInnen wissen, ist es nicht überraschend, dass ausgerechnet Friedrich kurz vor Auflösung der Diskussionsrunde fragt, wer denn nun dieses zu errichtende Denkmal in der Gemeinde vertreten werde.

Populäre und elitäre Gedächtnisdiskurse erscheinen also als Zwang und Möglichkeit für die Herstellung individueller und kollektiver Gedächtnisse. Dieses erzwingende und ermöglichende Potenzial wird in praxi jedoch nur dann wirksam, wenn sich Subjekte als Individuen und Kollektive zu SprecherInnen von Gedächtnisdiskursen machen. Wann, wo und in welcher Weise dies geschieht, hängt von vielerlei Einflüssen ab: von den Präferenzen des Habitus, von der Position im sozialen Raum, von der Verfügung über ökonomische, soziale und kulturelle Kapitalien, von den strukturellen Gegebenheiten des jeweiligen Handlungsfeldes, von den Gegebenheiten der aktuellen Situation (Bourdieu 1990). Kurz, Positionen für Subjekte und Positionierungen durch Subjekte sind nur als Wechselspiel adäquat zu begreifen. Einmal gehen sie ein konfliktives Verhältnis ein, ein andermal ein komplementäres; stets sind sie jedoch aufeinander bezogen. Die Erkenntnis: "Memory is a complex process, not a simple mental act" (Fentress & Wickham 1992: X) mag banal klingen. Ganz und gar nicht banal ist es, diesen komplexen Prozess in der Praxis zu erforschen und diesen Forschungsprozess wiederum zu reflektieren. Das Projekt Denk-Orte versteht sich als Beitrag zu einer so verstandenen reflexiven Gedächtnisgeschichte. Wie die Gruppendiskussion über unser Projekt gezeigt hat, ist darin auch die Dynamisierung statischer Geschichtsbilder angelegt.

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Sieder, R. (1998): Erzählungen analysieren - Analysen erzählen. Narrativ-biographisches Interview, Textanalyse und Falldarstellung. In: K. R. Wernhart & W. Zips (Hg.): Ethnohistorie: Rekonstruktion und Kulturkritik. Eine Einführung (145-172). Wien.
Sperber, D. (1998): Explaining Culture. A Naturalistic Approach. Oxford - Malden.
Wodak, R. et al. (1998): Zur diskursiven Konstruktion nationaler Identität. Frankfurt am Main.
Woodward, K. (1997): Concepts Of Identity and Difference. In: Dies. (Hg.): Identity and Difference (7-61). London et al.
Zang, G. (1985): Die unaufhaltsame Annäherung an das Einzelne. Reflexionen über den theoretischen und praktischen Nutzen der Regional- und Alltagsgeschichte. Konstanz.
Ziegler, M. & Kannonier-Finster, W. (1993): Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien et al.

 

1Dieser Aufsatz beruht auf einem im Jahr 2000 durchgeführten Forschungsprojekt des Netzwerkes für Regionalstudien (NRS) (http://members.telering.at/nrs). Folgenden Personen und Institutionen möchten wir für ihre Unterstützung danken: der Abteilung für Gesellschaftswissenschaften des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur, die im Rahmen des Forschungsschwerpunktes "Kulturwissenschaften / Cultural Studies" dieses Projekt finanziert hat; der Marktgemeinde Frankenfels, die die Herstellungskosten der aus diesem Projekt hervorgegangenen Audio-CD getragen hat; den Mitgliedern anderer Projektgruppen des Forschungsschwerpunktes "Kulturwissenschaften / Cultural Studies", denen wir wichtige Anregungen verdanken: Historisch-anthropologische Kulturforschung an der Abteilung Raum und Ökonomie des Interuniversitären Instituts für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) in Wien, Österreichs Gedächtnisorte am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien und Transformation gesellschaftlicher Erinnerung. Interdisziplinäre Forschungen zur österreichischen Gedächtnisgeschichte in der Zweiten Republik am Ludwig Boltzmann-Institut für Gesellschafts- und Kulturgeschichte in Graz; Johanna Wölfl und Gottfried Langthaler, die bei der Umsetzung unserer Ideen für die Audio-CD behilflich waren; last but not least den elf InterviewpartnerInnen und acht TeilnehmerInnen an der Gruppendiskussion, die sich für dieses Projekt zur Verfügung gestellt haben.
2Zum Verhältnis von Reden und Schweigen, von Diskurs und Doxa, im sozialen Raum vgl. Bourdieu 1990.
3Vgl. die richtungsweisenden Überlegungen von Zang 1985. Zur österreichischen Debatte um affirmative und kritische Ansätze in der Lokal- und Regionalgeschichte vgl. Mulley 1984/85, 1989; Langthaler 1992.
4Habermas unterscheidet kommunikative Macht, die in der Lebenswelt von kompetenten Akteuren in kommunikativen Praktiken ausgehandelt wird, und administrative Macht, die systemische Institutionen durch strategisches Handeln ausüben. Während erstere die legitime Geltung von Normen in herrschaftsfreien Diskursen begründet, setzt letztere die faktische Geltung von Normen durch legitime Herrschaft durch. Habermas sieht die Möglichkeit legitimer Herrschaft im Transfer von kommunikativer in administrative Macht, die durch das Zusammenwirken einer spontanen und einer demokratisch verfassten Öffentlichkeit ermöglicht wird. Während erstere Macht diskursiv begründet, setzt letztere diese Macht administrativ um. Bedroht erscheint die Legitimität von rationaler Herrschaft, wenn systemische Institutionen den Geltungsbereich administrativer Macht auf das Aushandeln kommunikativer Macht in lebensweltlichen Diskursen ausdehnen (Habermas 1991).
5Obwohl Lyotard die Auffassung teilt, dass erst Diskurse normative Fragen klären können, verwirft er die Möglichkeit einer herrschaftsfreien Sphäre des Sprechens. Jeglicher Diskurs erscheint der 'technologischen Rationalität' verhaftet, welche die konkreten Subjekte den Steuerungsmechanismen anonymer Systeme unterordnet. Während mythische Erzählungen Herrschaft durch den Verweis auf eine ursprüngliche Vergangenheit legitimieren, erzeugen emanzipatorische Erzählungen Legitimität durch den Verweis auf eine anzustrebende Zukunft. Lyotard argumentiert für die Dekonstruktion dieser 'großen Erzählungen', die durch Ein- und Ausschluss möglicher Aussagen Macht ausüben. Es geht ihm nicht um öffentliche Konsensbildung über Normen, sondern um einen ständigen Widerstreit in der Öffentlichkeit, der dazu tendiert, das vom Diskurs Ausgeschlossene wiederum einzuschließen und damit denk-, sag- und machbar werden zu lassen (Lyotard 1993).
6Unser Konzept des Gedächtnisraumes ist inspiriert durch die raumsoziologischen Überlegungen von Löw 2001, die Raum als "relationale (An)Ordnung von Lebewesen und sozialen Gütern an Orten" versteht.
7Die elf InterviewpartnerInnen, sechs Frauen und fünf Männer, gehören den Geburtsjahrgängen zwischen etwa 1910 und 1930 an und stammen aus bäuerlichen, kleinbürgerlichen und proletarischen Milieus. In der Interviewführung orientierten wir uns am "narrativ-biographischen Interview" nach Sieder 1998: Erzähleinladung, immanentes und exmanentes Nachfragen. Die Erzähleinladung lautete zu Beginn etwa folgendermaßen: "Erzählen Sie mir über Ihre Erlebnisse an verschiedenen Orten, die für Sie persönlich wichtig waren oder sind." Da diese Aufforderung in den ersten Interviews manchmal Verwirrung stiftete, gingen wir zu einer offeneren Erzähleinladung über: "Wir inte- ressieren uns für die Erlebnisse, die Menschen an verschiedenen Orten gemacht haben. Ich bitte Sie daher, mir über Ihr Leben in früheren Zeiten zu erzählen." Erst im Nachfrageteil fragten wir nach bestimmten Örtlichkeiten (Haus, Straße, Wald, Schule, Wirtshaus, Kirche, Geschäft, Amt und so fort). Die zwei- bis vierstündigen Interviews wurden mittels MiniDisc-Recorder aufgezeichnet und anschließend in zwei- bis dreiminütige Spuren gegliedert, die jeweils eine Sinneinheit bilden. Jede Sinneinheit wurde nach Form (Geschichte, Bericht, Beschreibung, Argumentation, Evaluation) und Inhalt mit Hilfe eines Datenbankprogramms beschlagwortet. In mehreren Abfragedurchgängen wurden aus dem rund 25 Stunden umfassenden Interviewmaterial jene Passagen ausgewählt, die auf der CD veröffentlicht werden sollten. Dabei bevorzugten wir Geschichten, die das erinnerte Geschehen in besonderem Maß an konkrete Orte knüpfen, gegenüber anderen Textsorten. Diese etwa 50 Minuten umfassenden Passagen wurden für die Textanalyse transkribiert, die nach manifester Bedeutung und latentem Sinn des Erzählten fragte. Aus dem Analysematerial wurden schließlich die etwa 30 Minuten umfassenden Kommentare für die CD verfasst, die die Interviewpassagen verbinden. Die Kommentare sollten sich von Form und Inhalt her alltäglichen Kommunikationsmustern annähern; keinesfalls sollten sie in den Ohren der HörerInnen allzu 'wissenschaftlich' klingen.
8Die CD mit dem Titel Denk-Orte. Aus dem Gedächtnis eines Dorfes (1930-1960) (Ecker et al. 2000) wurde am 9. August 2000 im Rahmen eines "Heimatabends" in einem Frankenfelser Gasthaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Die InterviewpartnerInnen erhielten im Rahmen dieser Veranstaltung ein Exemplar der CD als Geschenk überreicht. In den folgenden Monaten erwarben GemeindebewohnerInnen etwa 100 Exemplare der CD; vielfach wurde mangels geeigneter Abspielgeräte die CD auf Tonbandcassetten überspielt und weitergegeben.
9In der Planung, Durchführung und Analyse der Gruppendiskussion folgten wir methodischen Anregungen von Flick 1995: 131 ff. Wir luden acht GemeindebewohnerInnen unterschiedlicher Geschlechter, Generationen und Berufe in das Extrazimmer eines Frankenfelser Gasthauses ein. Unsere interne Rollenverteilung sah vor, dass Bernhard Ecker, der als einziger nicht im Ort wohnhaft war, die Diskussionsleitung übernahm; Ernst Langthaler vertrat die Position des Forschers; Martin Neubauer achtete als stiller Beobachter auf nonverbale Äußerungen der TeilnehmerInnen. Wir hatten mehrere Impulse vorbereitet, die eine offene Diskussion in Gang setzen sollten. Die Diskussion wurde mit einer Vorstellungsrunde eröffnet; daran schloss eine Schilderung der Hörsituationen an; danach fragten wir nach dem Lokalspezifischen, das auf der CD zu hören war oder darauf fehlte. Den weiteren Verlauf ließen wir offen und streuten je nach Bedarf zusätzliche Impulse ein. Die etwa zweieinhalbstündige Diskussion, die wir auf MiniDisc aufzeichneten, wurde vollständig transkribiert, in Sinneinheiten gegliedert und auf fünf Ebenen analysiert: Kontext der Gesprächssituation, Paraphrase des Gesprächsinhaltes, Assoziationen zu vorangegangenen Sinneinheiten, manifeste Bedeutung und latenter Sinn der Äußerungen. Nach einer Grobanalyse des gesamten Transkripts, die wir einzeln durchführten, erfolgten Feinanalysen einzelner Sinneinheiten und die Theoriebildung in der Gruppe.
10Geboren 1955, wohnt seit Geburt in Frankenfels, arbeitet in einer nahe gelegenen Bezirkshauptstadt als Sozialarbeiterin.
11Geboren 1956, wohnt seit Geburt in Frankenfels, bewirtschaftet gemeinsam mit seiner Frau einen Bauernhof im Vollerwerb, ist aktives Mitglied des Arbeiter- und Samariterbundes.
12Geboren 1930, wohnt seit Geburt in Frankenfels, Pensionistin.
13Geboren 1925, wohnt ausgenommen von einigen Jahren der unselbständigen Erwerbsarbeit seit Geburt in Frankenfels, Pensionistin, ist engagierte Mitarbeiterin in der katholischen Pfarrgemeinde.
14Geboren 1926, ist nach Jahrzehnten der beruflichen Tätigkeit in der Generaldirektion der Österreichischen Bundesbahnen in Wien wieder in seinen Geburtsort zurückgekehrt, Pensionist, ist aktives Mitglied des Arbeiter- und Samariterbundes und Tourismus-Beauftragter der Gemeinde.
15Geboren 1943, lebt seit Geburt in Frankenfels, bewirtschaftete einen Bauernhof im Nebenerwerb und war im Baugewerbe und bei den Österreichischen Bundesbahnen berufstätig, ist Obmann des Heimat- und Trachtenvereines und der Zeltgemeinschaft.
16Geboren 1939, lebt seit Geburt in Frankenfels, gründete und leitete bis zu seiner Pensionierung einen Installateurbetrieb, war mehrere Jahre Gemeinderat der Österreichischen Volkspartei.
17Geboren 1976, hat trotz der ausbildungsbedingten Abwesenheit ihren Hauptwohnsitz in Frankenfels behalten, hat soeben das Studium der Landschaftsplanung abgeschlossen, engagiert sich in der Landjugend.
18Zur politischen Kultur der Untersuchungsgemeinde während der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre vgl. Langthaler 1996, 1997, 1998, 2000, 2001; Neubauer 2000.
19Zu Opfer-Täter-Diskursen in Bezug auf die NS-Zeit nach 1945 vgl. Ziegler & Kannonier-Finster 1993; Wodak et al. 1998; Mattl & Stuhlpfarrer 2000.
20Zur Debatte um die Ausstellung "Vernichtungskrieg" in Österreich vgl. Brunnbauer 1999; Embacher et al. 1999; Kepplinger & Kannonier 1997.
21Über die Vermittlung zeitgeschichtlichen Wissens in österreichischen Schulen existieren nur verstreute Untersuchungen. Zur Darstellung der NS-Zeit in Schulbüchern vgl. Malina & Spann 1988.
22Möglicherweise knüpft er an lokalhistorische Aktivitäten an, die diese "Todesmärsche" in den vergangenen Jahren in Frankenfels thematisiert haben. Vgl. neben den öffentlichkeitswirksamen Projekten der örtlichen Hauptschule in den Jahren 1995 (Broschüre) und 1998 (Theateraufführung) den zeitgeschichtlichen Abschnitt des Frankenfelser Buches (Langthaler 1997).
23Zu einer ethnopsychoanalytischen Lesart dieser Übertragungen und Gegenübertragungen in einem mexikanischen Dorf vgl. Nadig 1992.
24Zur Differenzierung der Textsorten im narrativen Interview vgl. Sieder 1998.
25Aus den in elf Interviews gewonnenen, rund 25 Stunden dauernden Erzählungen der GemeindebewohnerInnen wurden schließlich rund 50 Minuten, also ein Dreißigstel oder 3,3 Prozent, auf der CD veröffentlicht. Die restlichen 30 Minuten der CD-Spieldauer umfassen die Kommentartexte der Sprecherin.