eForum zeitGeschichte 3/4 2001

Anregungen für eine Regionalgeschichte zur Thematik Nationalsozialismus vor 1938

am Beispiel des Bezirks Deutschlandsberg

von Gerald Michael Wolf

Zum gegenwärtigen Stand der Forschung

Nach wie vor herrscht in der Steiermark ein eklatantes Manko an wissenschaftlichen Darstellungen zur Geschichte des Nationalsozialismus vor dem "Anschluss" 1938 - und zwar sowohl auf Landesebene als auch auf regional- und lokalgeschichtlicher Ebene. Abgesehen von den wenigen, mittlerweile veralteten oder ergänzungsbedürftigen Gesamtdarstellungen zum österreichischen Nationalsozialismus und zur NS-Zeit in der Steiermark 1938-19451, finden sich nur noch in einigen Monographien über damit im Zusammenhang stehende Themenbereiche2 und in diversen Aufsätzen kurze Darstellungen zum Nationalsozialismus in der Steiermark vor 1938 bzw. diesbezügliche verstreute Hinweise zu einzelnen steirischen Bezirken oder Regionen. Was Letztere betrifft, so ist überhaupt festzustellen, dass sich kaum jemals ein(e) fachlich qualifizierte(r) HistorikerIn in die "Niederungen" der steirischen Regional- und Lokalgeschichte hinabwagt.3 Immer noch sind diese Bereiche die klassischen Tummelplätze für Hobby-Historiker aller Couleur, deren Enthusiasmus zwar nicht selten Bewunderung entgegenzubringen ist, die aber leider oft nicht das für eine solche Arbeit nötige wissenschaftliche Rüstzeug mitbringen.

Die hier angeführten Sachverhalte sind umso bedauerlicher, als gerade in den letzten Jahren in einigen anderen Bundesländern diesbezügliche Forschungslücken geschlossen werden konnten4 und in der NS-Forschung mittlerweile sogar so komplexe und strittige Fragen wie die nach der parteipolitischen und sozialen Herkunft der österreichischen NSDAP-Wähler in der Ersten Republik als gelöst angesehen werden können.5 Schlussendlich hat sich in letzter Zeit auch gezeigt, dass selbst die Hoffnung auf die Entdeckung bisher noch verborgener Quellenbestände keineswegs ganz unbegründet ist.6

Zeitlicher Rahmen und Gliederung der Arbeit - Exkurs: Der Bezirk in den dreißiger Jahren - Verwendete Quellen

Aus den einleitend genannten Gründen war es mir auch ein besonderes Anliegen, mit meiner Diplomarbeit über die NSDAP im Bezirk Deutschlandsberg7 einen Beitrag zur steirischen Regionalgeschichte bezüglich der längst fälligen Aufarbeitung der Thematik Nationalsozialismus vor 1938 zu leisten. Gleichzeitig wurde damit ein steirischer Bezirk ins Licht gerückt, der, was die wissenschaftliche Bearbeitung des angesprochenen Themas betrifft, bisher so gut wie völlig im Dunkeln gestanden war.8

Zeitlich behandelt die Arbeit im Wesentlichen die Phase vom Beginn des Durchbruchs der österreichischen NSDAP zu einer Massenbewegung Anfang der dreißiger Jahre bis zum gescheiterten nationalsozialistischen Putschversuch am 25. Juli 1934 und seinen unmittelbaren Folgen für die Partei. Für die Wahl dieses zeitlichen Rahmens sprach vor allem die Tatsache, dass der so genannte "Juliputsch"9 den logischen Höhe- und Endpunkt einer seit 1931/32 unglaublich dynamisch verlaufenden Entwicklung des österreichischen Nationalsozialismus markiert. Diese war ab 1931 von einem rasanten Anwachsen der Anhängerschaft gekennzeichnet und steigerte sich nach der "Machtergreifung" im Deutschen Reich im Jänner 1933 zu einer schier grenzenlosen Siegeseuphorie. Mit dem Entzug der legalen Basis durch das Verbot der NSDAP im Juni 1933 wurde diese Dynamik ihrem Charakter nach zwar verändert, in manchen Landesteilen vorübergehend auch verlangsamt, keinesfalls aber völlig gestoppt. Vielmehr erfolgte nun ein sukzessiver Übergang zu immer gewalttätiger werdenden Aktionsformen, mit dem Ziel, auch in Österreich die Macht an sich zu reißen. Am Ende dieser quasi "revolutionären" Phase der nationalsozialistischen Illegalität standen schließlich der Putschversuch vom 25. Juli 1934 und die anschließend ausbrechenden bürgerkriegsähnlichen Kampfhandlungen in weiten Teilen Österreichs.10

Gegliedert ist die Arbeit in neun Kapitel (inkl. Einleitung und Resümee), von denen die ersten einen allgemeinen Überblick über die politischen Kräfte und Strukturen der Ersten Republik sowie - anhand diverser Betriebs-, Volkszählungs- und Wahlergebnisse aus dieser Zeit - grundlegende demographische, politische, soziale und wirtschaftliche Informationen über den Bezirk bringen. Die Identifizierung dieser "Strukturen", also der anonym-kollektiven Gegebenheiten demographischer, politischer und wirtschaftlich-sozialer Art, die das Umfeld bzw. den Hintergrund für den Aufstieg des Nationalsozialismus darstellten, erschien mir vor allem deshalb wichtig, weil solcherart die Bedingungen und Voraussetzungen rekonstruiert werden können, durch die eine Bewegung wie der Nationalsozialismus überhaupt erst eine so verhängnisvolle Bedeutung erlangen konnte. Daher soll nun an dieser Stelle ein so knapp wie möglich gehaltener Exkurs über den Bezirk Deutschlandsberg folgen.11

Der politische Bezirk Deutschlandsberg umfasste 1934 ein Gebiet von 865,37 km² und setzte sich aus drei Gerichtsbezirken mit insgesamt 109 Gemeinden zusammen. Der Gerichtsbezirk Deutschlandsberg bestand aus 47, der Gerichtsbezirk Eibiswald aus 23 und der Gerichtsbezirk Stainz aus 39 Gemeinden.12 Von diesen 109 Gemeinden waren damals nur Eibiswald, Groß St. Florian, Preding, Schwanberg, Stainz und Wies Marktgemeinden.13 Das 1918 zur Stadt erhobene Deutschlandsberg war - und ist auch heute noch - die einzige Stadtgemeinde des Bezirks und zugleich Sitz der Bezirkshauptmannschaft. Der Charakter des Bezirks kann somit als nahezu ausschließlich dörflich bezeichnet werden, was auch durch die Tatsache unterstrichen wird, dass 71 seiner 109 Gemeinden weniger als 500 Einwohner hatten. Nur 11 Gemeinden überschritten die 1.000-Einwohner-Grenze, keine einzige Gemeinde jedoch die 2.000-Einwohner-Grenze.14



Table 1: Wirtschaftliche Zugehörigkeit der Bevölkerung des Bezirks Deutschlandsberg, seiner Gerichtsbezirke und der Steiermark 1934 (Absolut- und Prozentwerte)





Bez. Dlbg GB Dlbg. GB Eibiswald GB Stainz Stmk. Insg.
Land- u. Forstwirtschaft 34.597 62,1% 13.313 59,3% 9.410 56,7% 11.874 71,4% 404.128 39,8%
Industrie u. Gewerbe 9.937 17,8% 4.427 19,7% 3.412 20,6% 2.098 12,6% 266.055 26,2%
Handel u. Verkehr 1 2.450 4,4% 1.186 5,35 688 4,1% 576 3,5% 106.036 10,4%
Geld-, Kredit- u. Versicherungswesen 65 0,1% 35 0,2% 15 0,1% 15 0,1% 5.072 0,5%
Öffentlicher Dienst 625 1,1% 319 1,4% 178 1,1% 128 0,8% 27.462 2,7%
Freie Berufe 764 1,4% 415 1,8% 170 1,0% 179 1,1% 28.002 2,8%
Häusliche Dienste 2 193 0,3% 80 0.4% 68 0,4% 45 0,3% 10.556 1,0%
ohne Beruf 3 6.442 11,6% 2.425 10,8% 2.457 14,8% 1.560 9,4% 146.462 14,4%
ohne Berufsangabe 4 615 1,1% 265 1,2% 189 1,1% 161 1,0% 21.333 2,1%
Wohnbe-völkerung insgesamt 55.688   22.465   16.587   16.636   1,015.106  


Anm.: Prozentuierungsbasis Wohnbevölkerung. Abweichungen zu 100 sind rundungsbedingt.
Dlbg. = Deutschlandsberg; GB =Gerichtsbezirk
1
inkl. Gast- und Schankgewerbe
2
nur nicht in Stellung befindliche und außerhalb des Dienstgeberhaushalts wohnhafte Personen
3
Hausbesitzer, Pensionäre und Rentiers aller Art, Almosenempfänger, Ausgedinger und in Armenpflege Lebende, Studenten und in Berufsvorbereitung Stehende sowie Berufslose ohne nähere Angabe
4
inkl. der Berufstätigen, die keiner Branche zugeordnet werden konnten
Quelle: Ergebnisse, Heft 1, 89 und Heft 7, 2-7.


Die 55.688 Menschen zählende "Wohnbevölkerung"15 des Bezirks Deutschlandsberg, die zu 98,9 % katholisch und nur 0,8 % evangelisch war (der Rest kann hier unberücksichtigt bleiben) verteilte sich auf die einzelnen in der Volkszählung 1934 ausgewiesenen "Wirtschaftsabteilungen" bzw. Wirtschaftszweige wie aus Tabelle 1erichtlich.

Die wirtschaftliche Entwicklung des Bezirks war seit Mitte der zwanziger Jahre zunehmend krisenhaft verlaufen. Besonders deutlich sichtbar wird das anhand der Bereiche Bergbau und Industrie, die sich hier auf nur eine Handvoll in ein ansonsten agrarisches Umfeld eingebettete Standorte verteilten und darüber hinaus zumeist besonders krisenanfälligen Sparten angehörten. Sowohl der Braunkohlebergbau (in den Wies-Eibiswalder Revieren) als auch die Glas-, Papier- und Zündwarenindustrie hatten schon vor dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise einen drastischen Rückgang der Standorte und Beschäftigten zu verzeichnen gehabt, wozu zweifellos auch die durch den Zerfall der Donaumonarchie bedingte Grenzlage, ungünstige oder fehlende Verkehrsverbindungen sowie die überwiegend kleinbetrieblichen Strukturen des Bezirks (Faktoren, welche die Konkurrenzfähigkeit zusätzlich beeinträchtigten) beigetragen hatten.16



Table 2: Ergebnisse der Nationalratswahlen 1930 im Bezirk Deutschlandsberg, im Wahlkreis Mittel- und Untersteier sowie in der Steiermark (Absolut- und Prozentwerte)



  GB Deutschlandsberg GB Eibiswald GB Stainz Bez. Deutschlandsberg Wahlkreis Mittel- u. Unterst. Stmk insgesamt
Wahlberechtigte 12.559 8.294 9.495 30.348 115.044
592.992
Nichtwähler u. Ungültige
2.235 17,8% 1.483 17,9% 1.794 18,9% 5.512 18,2% 20.470 17,8% 82.828 14,0%
CSP 4.275 34,0% 2.970 35,8% 3.673 38,7% 10.918 36,0% 38.236 33,2% 165.886 28,0%
SDAP 2.982 23,7% 2.279 27,5% 1.452 15,3% 6.713 22,1% 24.054 20,9% 175.371 29,6%
Schober - Block
1.754 14,0% 915 11,0% 1.524 16,1% 4.193 13,8% 20.734 18,0% 84.248 14,2%
Heimatblock
1.131 9,0% 504 6,1% 851 9,0% 2.486 8,2% 9.134 7,9% 63.643 10,7%
NSDAP 71 0,6% 85 1,0% 161 1,7% 317 1,0% 1.944 1,7% 17.437 2,9%
KPÖ 100 0,8% 55 0,7% 36 0,4% 191 0,6% 375 0,3% 2.000 0,3%
andere Parteien
11 0,1% 3 0,04% 4 0,04% 18 0,1% 97 0,1% 1.579 0,3%


Anm.: Prozentuierungsbasis Wahlberechtigte. Abweichungen zu 100 sind rundungsbedingt.
CSP = Christlichsoziale Partei
SDAP = Sozialdemokratische Arbeiterpartei
Schober-Block = von Dr. Johannes Schober geführtes Wahlbündnis aus Großdeutscher Volkspartei, Teilen des Landbundes und den Nationalsozialisten der Schulz-Richtung, die in Opposition zur NSDAP-Hitlerbewegung standen
Heimatblock = Wahlliste der Heimwehrbewegung
andere Parteien = Österreichische Volkspartei
Quelle: Statistische Nachrichten. Sonderheft: Die Nationalratswahlen vom 9. November 1930, hrsg. vom Bundesamt für Statistik, Wien 1931, 110-113.


Abschließend sei hier noch anhand der Ergebnisse der letzten Nationalratswahlen der Ersten Republik die Verteilung der politischen Lager des Bezirks dargestellt, wobei anzumerken ist, dass die Ergebnisse der faschistischen Wahlwerber (NSDAP und "Heimatblock") bereits die beginnende "Trendumkehr" im Wahlverhalten widerspiegeln.17

Nach diesem strukturellen Exkurs, der hier zur besseren Illustration der nachfolgenden Ausführungen notwendig erschien, nun wieder zurück zur weiteren Gliederung der Diplomarbeit. Auf den allgemeinen und - wie bereits erwähnt - hauptsächlich strukturanalytisch gehaltenen Einleitungsteil folgt der vier umfangreiche Kapitel umfassende eigentliche Hauptteil über die NSDAP. Zunächst wird die Partei auf einer allgemeineren Basis abgehandelt, danach konkret der Bezirk Deutschlandsberg untersucht. Mit dem Verbot der Partei im Juni 1933 beginnt das nächste Kapitel, das bis zum Juliputsch 1934 reicht. Eine genauere Erhebung des Putsches und seiner Folgen für die Bezirks-NSDAP ist dem darauf folgenden Kapitel vorbehalten. Schlussendlich folgt dann noch ein weiteres Kapitel, in dem einige grundlegende Aussagen zur Alters- und Sozialstruktur der an der Juli-Erhebung beteiligten Nationalsozialisten gemacht werden. Die Arbeit vereint somit struktur-, sozial- und ereignisgeschichtliche Aspekte, um solcherart eine möglichst ausführliche erste Gesamtdarstellung der NS-Bewegung des Bezirks in der genannten Zeitspanne zu präsentieren.

Der für die Diplomarbeit hauptsächlich verwendete Quellenbestand sind die Akten der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit im Bundeskanzleramt mit der Signatur 22 ("Übertretungen und Exzesse").18 Dieser im Archiv der Republik, einem Teilarchiv des Österreichischen Staatsarchives, verwahrte Bestand stellt eigentlich die geschlossenste und umfangreichste Materialsammlung zur Geschichte des österreichischen Nationalsozialismus bis 1938 dar und gehört wohl zu den am häufigsten gesichteten Quellenbeständen des Staatsarchives. Bisher wurden diese Akten von der zeitgeschichtlichen Forschung jedoch hauptsächlich als rein ereignisgeschichtliche Quellen verwendet, wofür sie zweifellos auch gut geeignet sind. Allerdings enthalten viele dieser Dokumente wesentlich mehr Informationen als jene, die durch eine oberflächliche Zusammenfassung ihrer Inhalte zu erfassen sind. Aufgrund ihres Charakters können z.B. die von der steirischen Exekutive gesammelten, oft umfangreichen und detaillierten Angaben nämlich auch hervorragend für serielle Analysen, also quantitative Aufbereitungen serieller und standardisierter Aufzeichnungen,19 verwendet werden und somit dazu beitragen, bestimmte soziale Strukturen und Prozesse zu erhellen.20 Mittels einer solchen systematischen "Neubefragung" dieser bereits seit langem von der Forschung verwendeten Quellen wird es auch möglich, quantitative Evidenz für implizit quantitative Aussagen zu liefern und diese von Fall zu Fall zu verifizieren oder auch zu falsifizieren.

Dazu ein Beispiel: In der zweiten Hälfte des Jahres 1932 konstatierte das steirische Landesgendarmeriekommando in seinen monatlich erstellten Berichten über die Versammlungstätigkeit der NSDAP wiederholt ein Abklingen des nationalsozialistischen Aktivismus und eine anhaltende Stagnation der NS-Bewegung; ebenso zeigen die Analysen der in diesem Zeitraum abgehaltenen Wahlen einen deutlichen "Trendknick in der Stimmentwicklung" auf",der bislang in der einschlägigen Literatur kaum berücksichtigt wurde".21 Die Behauptungen des Landesgendarmeriekommandos lassen sich durch die Auswertung der in den entsprechenden Monatsberichten enthaltenen Zahlen der TeilnehmerInnen der nationalsozialistischen Versammlungen eindeutig belegen und zeigen, dass diese beginnend mit September 1932 in nahezu allen steirischen Bezirken signifikant zurückgingen und die steirische NSDAP offensichtlich eine Krise durchmachte, die erst mit der "Machtergreifung" im Deutschen Reich im Jänner 1933 ihr Ende fand.

Die hier angesprochenen nach Bezirken gegliederten Tätigkeitsberichte (inkl. der oftmals angeschlossenen, mitunter recht umfangreichen Beilagen), die - wenn auch etwas unvollständig - seit April 1932 vorliegen, erlauben aber nicht nur Rückschlüsse auf die allgemeine Entwicklung des nationalsozialistischen Aktivismus und die regionalen Schwerpunkte bzw. Zentren der Propaganda- und Versammlungstätigkeit vor und nach dem Verbot der Partei.22 Sie enthalten meist auch Informationen über die Themen und Inhalte der NS-Propaganda bzw. die Art der illegalen Aktivitäten, über einzelne Akteure und anderes mehr.

Die Forschungsergebnisse in Kurzform

Die Dynamik des nationalsozialistischen "Aktionismus"/Aktivismus

Aufgrund der Analyse dieser Berichte lässt sich für den Bezirk Deutschlandsberg der Beginn des Durchbruchs der NSDAP zu einer Massenbewegung klar auf die Zeit nach den im April 1932 abgehaltenen steirischen Gemeinderatswahlen festlegen. Zwar kann anhand der Berichte über diverse NS-Versammlungen und sonstige Erfolgsmeldungen in den einzelnen Tages- und Wochenzeitungen bereits spätestens seit der zweiten Jahreshälfte 1931 eine merkbar gestiegene öffentliche Präsenz der NSDAP im Bezirk konstatiert werden, aber zunächst handelte es sich dabei noch - wenn überhaupt - um rein lokale "Erfolge". Im Wesentlichen lässt sich für die Zeit vor April 1932 nur feststellen, dass es die Nationalsozialisten schafften, ihre Stellung zumindest in den drei Gerichtsbezirkshauptorten (Deutschlandsberg, Eibiswald und Stainz) als den eigentlichen Kristallisationskernen des Nationalsozialismus im Bezirk zu festigen. Abgesehen von der 1931 noch generell geringen Anziehungskraft der österreichischen NSDAP und der nach wie vor ungebrochenen Dominanz der Heimwehrbewegung als übermächtigem Konkurrenten um die Gunst national und/oder faschistisch eingestellter Bevölkerungsteile, können dafür vorwiegend sozialstrukturelle Ursachen verantwortlich gemacht werden. Für eine Partei, deren soziale Basis zu dieser Zeit primär städtisch-neumittelständische Bevölkerungssegmente bildeten, musste der größtenteils agrarisch-dörflich strukturierte, wenig industrialisierte Bezirk Deutschlandsberg mit seinem nur schwach entwickelten tertiären Sektor zwangsläufig einen schlechten Nährboden abgeben. Dementsprechend blieb der Organisationsgrad der Bezirks-NSDAP bis 1932 hinein noch äußerst gering.23 Das zeigte sich deutlich bei den steirischen Gemeinderatswahlen im April 1932, wo die Nationalsozialisten in nur vier Gemeinden des Bezirks eine Kandidatur angemeldet hatten.24Das Wahlergebnis war denn auch sehr mager: Mit gerade einmal sieben errungenen Mandaten bildete der Bezirk Deutschlandsberg das steirische Schlusslicht.25

Wie die Berichte des Landesgendarmeriekommandos über die nationalsozialistische Versammlungstätigkeit zeigen,26 war die Bezirks-NSDAP dann aber sehr schnell in der Lage, an die nach den Gemeinderatswahlen einsetzende rasante Aufwärtsentwicklung der Gesamtpartei in der Steiermark anzuschließen. Beginnend mit Juni 1932 setzte im ganzen Bundesland ein wahrer "Versammlungssturm" ein, der die Gründung zahlreicher neuer Parteiortsgruppen und Standesorganisationen (Bauernschaften, Frauenschaften usw.) inkl. der dafür erforderlichen NSDAP-Neubeitritte zur Folge hatte. Umso überraschender war nach diesen fulminanten Erfolgen dann jedoch das vom Landesgendarmeriekommando erstmals im September 1932 konstatierte offensichtliche "Abflauen" der Begeisterung weiter Bevölkerungskreise für die NS-Bewegung, das an anderer Stelle bereits kurz angesprochen worden ist. Dieses manifestierte sich weniger im Rückgang der Anzahl der Versammlungen, sondern vielmehr im Rückgang der durchschnittlichen TeilnehmerInnenzahl pro Versammlung. Während eine NS-Versammlung in der Steiermark im August 1932 noch durchschnittlich 134 BesucherInnen aufgewiesen hatte, waren es im September nur mehr 82 und im Oktober gar nur noch 66. Obwohl die Anzahl der Veranstaltungen im September nur leicht zurückging und im Oktober sogar wieder die des Spitzenmonats August erreichte,27 d. h. die Propagandisten nach wie vor voll im Einsatz waren, ließen sich die Menschen nun nicht mehr so für die NSDAP begeistern wie noch wenige Monate zuvor. Im Bezirk Deutschlandsberg wird dieses Faktum beispielsweise durch die im letzten Jahresdrittel 1932 weitgehend ausbleibenden Pressemeldungen über Neugründungen von Ortsgruppen und sonstige "Erfolge" sichtbar.28

Eine deutliche Sprache spricht in dieser Hinsicht aber auch das in den "Steirischen Gau-Nachrichten", einem Mitteilungsblatt der steirischen Gauleitung für die diversen nationalsozialistischen Funktionäre und Vertrauensmänner, veröffentlichte Zahlenmaterial über die Mitgliederstärke der einzelnen NS-Parteibezirke, das in Tabelle 3 dargestellt ist und tendenziell mit den Versammlungsberichten des Landesgendarmeriekommandos korrespondiert. Obwohl es sich dabei nur um vage Verhältniszahlen handelt, für die keine wie immer geartete Bezugsgröße angegeben wurde (offensichtlich war die Gauleitung bemüht, die tatsächlichen Mitgliederzahlen geheim zu halten), spricht doch das Faktum, dass sie auch ein Stagnieren und sogar Mitgliederrückgänge anzeigen, stark dafür, dass es sich dabei keineswegs um Propagandazahlenwerte handelt. Meines Erachtens ist dieses Zahlenmaterial durchaus geeignet, die relative Stärke der NSDAP in den einzelnen Bezirken und Gerichtsbezirken sowie die Entwicklungstendenz über einen bestimmten Zeitraum erkennen zu lassen.



Table 3: Entwicklung der NSDAP-Mitgliedschaft im Bezirk Deutschlandsberg und seinen Gerichtsbezirken von September 1932 bis April 1933



  9/1932 10/1932 12/1932 1/1933 2/1933 3/1933 4/1933 Zuw. in %
GB Deutschlandsberg 12,3 13,0 13,5 14,0 14,2 16,1 24,1 +95,9
GB Eibiswald 6,3 4,9 6,1 16,8 15,5 10,7 12,5 +98,4
GB Stainz 5,8 5,8 4,9 8,7 8,3 12,8 14,5 +150,0
Bez. Deutschlandsberg - - - 11,5 12,8 13,4 17,8 +54,8
Gaudurchschnitt 15,8 16,2 16,2 18,1 18,2 22,4 31,7 +100,6


Anm.: Zuwachs in % = Zuwachs von 9/1932 bzw. 1/1933 bis 4/1933
Gaudurchschnitt = laut Quelle auf Basis der Vergleichszahlen der einzelnen Bezirke und Gerichtsbezirke für den Gau Steiermark errechneter Wert
Quelle: Steirische Gau-Nachrichten vom 7. 11. 1932, vom 18. 2., 4. 5. und 19. 5. 1933.


Aus Tabelle 3 geht die zum Teil stark fluktuierende Mitgliederentwicklung in den einzelnen Gerichtsbezirken, im Bezirk und im Gau selbst klar hervor. Korrespondierend mit den Versammlungsstatistiken kam es im letzten Drittel des Jahres 1932 zu einer weitgehenden Stagnation bzw. im Fall der Gerichtsbezirke Eibiswald und Stainz sogar zu einem Rückgang der Mitgliederzahlen. Die einzige Ausnahme bildete der Gerichtsbezirk Deutschlandsberg, der in dieser Zeitspanne zumindest ein bescheidenes Mitgliederwachstum vorweisen konnte.

Offensichtlich vollzog sich der aus den steirischen Versammlungs- und Mitgliederstatistiken ablesbare Abschwung ab September 1932 parallel zur Entwicklung im Deutschen Reich. Dort war die NSDAP bei den Ende Juli 1932 abgehaltenen Reichstagswahlen mit 37,4 % der gültigen Stimmen (etwa 13,8 Millionen) und 230 Sitzen zur stärksten Fraktion im Reichstag avanciert. Als es ihr in den folgenden Monaten nicht gelang, die Macht im Staat zu übernehmen, geriet sie in eine schwere Krise, die bei den Reichstagswahlen im November 1932, wo der Stimmanteil gegenüber Juli um rund 2 Millionen auf 33,1 % der gültigen Stimmen und nur mehr 196 Reichstagssitze abfiel,29 deutlich zutage trat. Mit dem Erlahmen der Zugkraft der reichsdeutschen NSDAP trat offensichtlich nun auch in der österreichischen NSDAP die Krise ein, wie beispielsweise das Ergebnis der Vorarlberger Landtagswahlen vom 6. November 1932 zeigt. Obwohl der WählerInnenanteil der NSDAP (gemessen an den Wahlberechtigten) im Vergleich zu den Nationalratswahlen 1930 von 1,0 % auf 9,0 % gestiegen war, lag dieses Ergebnis doch beträchtlich unter den Vergleichsergebnissen, die bei den im April 1932 abgehaltenen Landtagswahlen in Niederösterreich, Salzburg und Wien erreicht worden waren.30 Die enge Bindung der österreichischen an die reichsdeutsche NSDAP wird hier deutlich. Erneut zeigte sich diese Bindung bzw. Abhängigkeit dann nach der "Machtergreifung" im Deutschen Reich am 30. Jänner 1933 und den im März 1933 abgehaltenen Reichstagswahlen, die in der Steiermark einen regelrechten Run zur NSDAP zur Folge hatten. Im Bezirk Deutschlandsberg z.B. schnellte die Zahl der Parteimitglieder nun regelrecht in die Höhe, wie Tabelle 3 zeigt. Allerdings gibt es auch hier wieder eine Ausnahme: den Gerichtsbezirk Eibiswald. Ende Jänner 1933 war er noch an der Spitze gestanden, mit Ende März aber auf den letzten Platz zurückgefallen. Im Gegensatz zu den beiden anderen Gerichtsbezirken hatte die nach der "Machtergreifung" weiterhin so erfolgreiche Entwicklung im Deutschen Reich hier keinen positiven Rückkoppelungseffekt zur Folge. Warum das so war, konnte allerdings nicht geklärt werden.

Konkrete Zahlen zur NS-Mitgliederentwicklung 1932/33 lassen sich den Quellen zwar nirgendwo entnehmen, aus ihnen geht aber ziemlich deutlich hervor, dass die Bezirks-NSDAP ihren Mitgliederanstieg zu einem nicht unbeträchtlichen Teil einer quasi "parasitären Expansion" innerhalb des "völkischen" bzw. deutschnationalen Lagers verdankte.31 Speziell die jungen Mitglieder der im Bezirk sehr aktiven "deutsch-völkischen" Turnvereine sowie die Mitglieder des "Deutschen Schulvereines Südmark" gingen offenbar in Scharen zu den Nationalsozialisten über. Dadurch wurde vor allem der ihnen nahe stehenden "Großdeutschen Volkspartei" sukzessive die Wählerbasis entzogen. Aber auch die nationale Bauernpartei, der "Landbund", scheint einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Anhängerschaft an die NSDAP verloren zu haben. Ein weiteres Rekrutierungsreservoir waren die Ortsgruppen des darniederliegenden "Steirischen Heimatschutzes", der bekanntlich nach dem Abschluss einer "Kampfgemeinschaft" mit der NSDAP im April 1933 völlig in dieser aufging.32 Zudem scheinen die Nationalsozialisten schon 1932 nicht unwesentliche Teile der sozialdemokratischen Klientel an sich gezogen zu haben.33 Hingegen konnte die Wählerschaft der "Christlichsozialen Partei" zu diesem Zeitpunkt wohl nur in einem äußerst bescheidenen Ausmaß von den Nationalsozialisten angesprochen werden.

Die im ersten Halbjahr 1933 zahlenmäßig und psychologisch ungemein gestärkten Nationalsozialisten, welche die Machtübernahme auch in Österreich bereits in greifbarer Nähe wähnten, stießen aber seit März 1933 auf steigenden Widerstand seitens der österreichischen Bundesregierung unter Kanzler Dollfuß. Dieser hatte sich nun endgültig auf einen "autoritären Kurs" festgelegt und war bestrebt, den nationalsozialistischen "Siegeslauf" mit zunehmend repressiver werdenden Maßnahmen (Pressezensur, Versammlungs-, Aufmarsch- und Uniformverbot u. a.) zu stoppen. Auf nationalsozialistischer Seite wiederum hatte das Vorgehen der Bundesregierung ein sukzessives Übergehen zu bisher unbekannten und immer gewalttätiger werdenden Formen des politischen Kampfes (angefangen von noch relativ harmlosen Hakenkreuzschmierereien und lärmenden Demonstrationen mit Sprechchören bis hin zu Böllereinsätzen und gezielten Anschlägen mit Sprengstoffen) zur Folge. Insbesondere in den Monaten nach dem am 19. Juni 1933 erfolgten Verbot der NSDAP und des mit ihr paktierenden Steirischen Heimatschutzes ist festzustellen, dass nationalsozialistische Gewalt und staatliche Gegengewalt offensichtlich eine immer stärker werdende Eigendynamik zu entwickeln begannen. Ein friedlicher Ausgleich zwischen den beiden Kontrahenten rückte damit in immer weitere Ferne, was aber nicht heißt, dass ein solcher von vornherein gar nicht mehr angestrebt worden wäre.34 Das immer zügelloser werdende Agieren der Nationalsozialisten, das schließlich in reinen Terror ausartete und wohl auch die wachsende Frustration innerhalb des "braunen Lagers" über die in immer weitere Ferne rückende "Machtergreifung" in Österreich widerspiegelt, mündete schließlich in den von völlig illusorischen Voraussetzungen ausgehenden, schlecht geplanten und miserabel koordinierten Putschversuch vom 25. Juli 1934, der mit einer totalen nationalsozialistischen Niederlage endete.

Besonders blutig verliefen die in den folgenden Tagen stattfindenden Kampfhandlungen zwischen Bundesheer, Gendarmerie, Schutzkorps und Wehrverbänden auf Regierungsseite sowie SA, Parteiangehörigen und sonstigen "Kämpfern" aller Art auf nationalsozialistischer Seite im Bezirk Deutschlandsberg.35 Er stellte in der Steiermark eines der zentralen Aufstandsgebiete dar,36 was unter anderem schon aus der Tatsache ersichtlich ist, dass aus 15 der 17 Gendarmeriepostenrayone des Bezirks (Stand 1936) von nationalsozialistischen Aktionen unterschiedlichster Art berichtet wird. So kam es im Verlauf des 25. und 26. Juli in Bad Gams, Deutschlandsberg, Eibiswald, Frauental, Preding, Schwanberg, Stainz und Wies zu teilweise wüsten Schießereien nationalsozialistischer Aufrührer mit Exekutiv-, Schutzkorps- und Wehrverbandsangehörigen, die auf Seite der Regierung neun (einem Gendarmeriebeamten, fünf Mitgliedern des "Österreichischen Heimatschutzes", zwei Angehörigen der "Ostmärkischen Sturmscharen" und einer Zivilistin), auf Seite der Nationalsozialisten drei Menschen das Leben kosteten. Mindestens 15 weitere Personen erlitten Verletzungen unterschiedlichen Grades. Die Aufstandsbewegung war hier so stark, dass die Ruhe erst durch den Einsatz des Bundesheeres wiederhergestellt werden konnte. Während sich die Aufrührer aus den meisten Orten schon auf die Nachricht von seinem Herannahen zurückzogen, lieferten sich jene von Preding sogar ein kurzes Gefecht mit dem anrückenden Bundesheer.

Die Heftigkeit der Kampfhandlungen im Bezirk ist als ein deutlicher - und leider trauriger - Beweis für den in den Quellen öfters angesprochenen "Tatendrang" der dortigen NSDAP-Anhängerschaft anzusehen.37 Das ist insofern etwas überraschend, als die Bezirks-NSDAP - gemessen an ihrer Mitgliederstärke - in der Phase der Legalität stets zu den steirischen Schlusslichtern gezählt hatte und in der ersten Zeit nach dem Parteiverbot sogar ein signifikanter Rückgang der nationalsozialistischen Aktivitäten feststellbar ist. Letzteres ist als ein starkes Indiz dafür zu werten, dass ein entsprechender "Apparat" für die nunmehr illegale Weiterbetätigung nicht oder kaum vorhanden war. Unter Zuhilfenahme der organisatorischen Strukturen der deutschnationalen Vereine, namentlich jener der deutsch-völkischen Turnvereine, die vom Verbot der NSDAP und der ihr unterstellten Organisationen und Verbände nicht betroffen waren, scheint der Aufbau eines entsprechenden "illegalen Apparates" letztlich aber relativ rasch gelungen zu sein. Schon im August 1933 kann im Bezirk eine quantitativ beträchtliche Steigerung der illegalen nationalsozialistischen Propagandatätigkeit konstatiert werden, aber erst im letzten Jahresdrittel 1933 wurde die Tätigkeit der Nationalsozialisten im Bezirk vom Landesgendarmeriekommando als wirklich Besorgnis erregend eingestuft. In diesem Zusammenhang bereitete vor allem die immer stärker ansteigende Zahl von unaufgeklärt gebliebenen NS-Delikten den Sicherheitsbehörden Sorgen. Dennoch blieb der Bezirk sowohl hinsichtlich der quantitativen als auch der qualitativen Dimension der nationalsozialistischen Untaten noch bis 1934 hinein deutlich hinter anderen steirischen Regionen und Bezirken zurück. Während beispielsweise Böller und Sprengkörper aller Art von den Nationalsozialisten der obersteirischen Industrieregion schon ab Herbst 1933 in immer größer werdender Zahl eingesetzt wurden,38 dominierten im Bezirk Deutschlandsberg bis ins erste Jahresviertel 1934 hinein noch eindeutig solche Aktionsformen, die keine direkte Gefahr für Leib und Leben von Menschen darstellten. Spätestens mit April/Mai 1934 hörte aber auch hier die "Rücksichtnahme" der Nationalsozialisten auf. So kam es beispielsweise allein im Gendarmeriepostenrayon Stainz im letzten Drittel des Mai zu einer Serie gezielter Anschläge (fünf mit Sprengkörpern und zwei mit Papierböllern),39 wobei die skrupellosen Täter möglicherweise auch die akute Gefährdung von Personen beabsichtigten, eine solche zumindest aber in Kauf nahmen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass solche Terrorakte aber nur aus gewissen NS-Zentren des Bezirks, wie z.B. Stainz, gemeldet wurden, während beispielsweise zu Eibiswald keine diesbezüglichen Meldungen gefunden werden konnten, obwohl die Marktbevölkerung gerade hier stark nationalsozialistisch durchsetzt war. Von den eventuell fehlenden Quellen einmal abgesehen, könnte dieses Faktum auch auf gewisse Differenzen, die innerhalb des "braunen Lagers" zwischen "Tauben" und "Falken" hinsichtlich der Frage nach der im Kampf gegen die Bundesregierung einzuschlagenden Strategie auftraten, hindeuten. Der teilweise Bruch des zu Beginn der sozialdemokratischen "Februarunruhen" von der NS-Landesleitung einseitig verkündeten "Waffenstillstandes" mit der Bundesregierung40 kann jedenfalls als ein Indiz dafür angesehen werden, dass im ersten Halbjahr 1934 auch innerhalb der Bezirks-NSDAP radikale Führer, Unterführer und Aktivisten verstärkt in den Vordergrund traten und sich innerhalb der Partei zunehmend zentrifugale Tendenzen bemerkbar zu machen begannen.41 Möglicherweise ließe sich bei Durchsicht weiterer Quellen, wie z.B. Gerichtsakten, diesbezüglich etwas mehr Klarheit erlangen.

Die Tatsache aber, dass zum Juliputsch hin vor allem eine beträchtliche quantitative Steigerung nationalsozialistischer Aktionen zu verzeichnen war, lässt auch ein nicht unbeträchtliches Anwachsen der Nationalsozialisten in der Illegalität als plausibel erscheinen. Für ein solches Anwachsen spricht meines Erachtens auch die personelle Stärke der Bezirks-SA, die im Mai 1934 sieben Sturmbanne mit rund 760 Mann umfasste. Material, mit dem sich ein solches Wachstum in der Illegalität klar beweisen ließe, konnte im Rahmen der Quellensuche jedoch nicht gefunden werden.

Zur Alters- und Sozialstruktur der an der Juli-Erhebung Teilnehmenden

Das oben bereits angesprochene katastrophale Ende des Juli-Abenteuers manifestierte sich im Bezirk wie überall im Bundesgebiet in einer Massenflucht nationalsozialistischer Aktivisten ins Ausland und der Verhaftung der zurückgebliebenen Aufrührer. Ein nicht geringer Teil der in diesem Zusammenhang von der Exekutive aufgenommenen Anzeigen wegen Beteiligung am Juliputsch (die so genannten "Hochverratsanzeigen") ist im eingangs genannten Quellenbestand des Österreichischen Staatsarchives erhalten geblieben.42 Allein für die Steiermark liegen gut 1.200 solcher Hochverratsanzeigen vor.43 Diese weisen im allgemeinen ein vollständiges "Nationale" auf, d. h. sie enthalten Geburtsdatum, Geburts- und letzten Aufenthaltsort, Religionsbekenntnis, Familienstand, Beruf und Schulbildung, Vermögensverhältnisse und Vorstrafen jedes/jeder Betreffenden, dazu eine mehr oder minder detaillierte Beschreibung der Straftaten, die man ihm/ihr zur Last legte. Letzterer sind nicht selten interessante Details über Planung und Ablauf der Juli-Erhebung in den einzelnen Orten zu entnehmen. Ferner ist dadurch zumeist auch eine genaue Differenzierung zwischen am Putsch als Anführer Beteiligten und dem "Fußvolk" bzw. der "Gefolgschaft" möglich. Hinzu kommen noch umfangreiche so genannte "Ausbürgerungsverzeichnisse" und Listen von nach dem Juliputsch nach Jugoslawien bzw. aus dem Bundesgebiet Geflüchteten, die ebenfalls persönliche Daten von hunderten Personen enthalten,44 sowie zwei Kartons, in denen sich nahezu ausschließlich Material über die "Österreichische Legion" findet,45 in die ein großer Teil dieser Flüchtlinge eingereiht wurde.

Wegen der Fülle dieser Personendaten könn(t)en auch ziemlich präzise und relevante Aussagen zur Altersstruktur sowie zur sozialen Basis des Nationalsozialismus in den entsprechenden Bezirken und Gebieten, unter Umständen sogar für das gesamte Bundesland, gemacht werden. Genau darin besteht auch der größte Wert dieses Materials, weil es kaum vorstellbar ist, dass für die Zeit der Illegalität der NSDAP ähnlich umfangreiches personenbezogenes Datenmaterial noch irgendwo sonst in Österreich vorhanden ist. Dennoch wurden diese Anzeigen, die noch dazu ein zentrales Ereignis der jüngeren österreichischen Geschichte betreffen, in wissenschaftlichen Arbeiten bisher so gut wie nie berücksichtigt. In diesem Zusammenhang darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass es im Österreichischen Staatsarchiv noch einen umfangreichen Bestand an Prozessakten des nach dem Juliputsch eingerichteten Militärgerichtshofes gibt.46 Von seiner ereignisgeschichtlichen Bedeutung einmal abgesehen, eignet sich auch dieses Material für Analysen zur Alters- und Sozialstruktur der Anhängerschaft der NSDAP und könnte zu diesem Zweck z.B. als Ergänzung der Hochverratsanzeigen herangezogen werden.

Lediglich ein kleiner Teil dieser Materialien, nämlich die etwas mehr als 400 Hochverratsanzeigen aus dem Bezirk Deutschlandsberg, wurde für die Diplomarbeit ausgewertet.47 Unter anderem konnte dadurch die von Gerhard Botz festgestellte spezifische "Anfälligkeit" der Geburtsjahrgänge 1894 bis 1913 für den Nationalsozialismus eindeutig belegt werden. Fast 75 % der an der Juli-Erhebung im Bezirk Beteiligten gehörten diesen Jahrgängen an. 30,7 % von ihnen waren zwischen 21 und 25 Jahre und weitere 23,5 % zwischen 26 und 30 Jahre alt.

Äußerst überraschend fiel schließlich der Befund zur sozialen Struktur der TeilnehmerInnen der Juli-Erhebung aus: Beispielsweise zeigte sich, dass sie zu weit mehr als 40,0 % aus Arbeitern, Lehrlingen, Mithelfenden und nicht näher spezifizierten, größtenteils nicht im primären Sektor tätigen "Hilfsarbeitern" bestanden. Der Anteil der Arbeiter, Lehrlinge und Mithelfenden an den "Berufsträgern" (das sind laut Volkszählung 1934 Berufstätige und Arbeitslose) des Bezirks betrug hingegen nur 18,3 %. Dieses Faktum kann meiner Ansicht nach keineswegs allein auf die unvollständige Datenbasis (435 erhaltene Anzeigen bei mindestens 693 Verhafteten und Geflüchteten) und einer damit zusammenhängenden Überrepräsentierung der Arbeiterschaft zurückgeführt werden. Im Gegenteil: Unter den Gendarmeriepostenrayonen, aus denen keine Anzeigen vorliegen (z.B. Eibiswald und Stainz), ist noch eine Reihe weiterer Arbeiter (vor allem gewerbliche) zu vermuten. Schließt man auch noch die im primären Sektor tätigen Arbeiter und Dienstboten in den Begriff "Arbeiter" mit ein, stellten Arbeiter im weitesten Sinn sogar um die 60,0 % der an der Juli-Erhebung Beteiligten.48

Auffallend ist auch die extreme Unterrepräsentierung der land- und forstwirtschaftlich Selbständigen, und zwar sowohl im Vergleich mit den selbständigen Berufsträgern des primären Sektors insgesamt als auch den Arbeitern und Mithelfenden innerhalb dieses Sektors. Während land- und forstwirtschaftlich Selbständige 22,3 % der Berufsträger stellten, machten sie nur knapp 4,0 % der Aufrührer aus. Im Gegensatz dazu stellten in der Land- und Forstwirtschaft Mithelfende 11,7 %, Arbeiter und Dienstboten) 13,1 % der Aufrührer - bei Anteilen von 25,9 % bzw. 23,9 % an den Berufsträgern. Privatangestellte und Beamte (4,1 % der Aufrührer) waren - wenn überhaupt - allenfalls leicht überrepräsentiert, Selbständige in Handel und Gewerbe sowie Freiberufler (3,6 % der Aufrührer) leicht unterrepräsentiert. Absolventen höherer Bildungsanstalten waren erwartungsgemäß nur wenige unter den Aufrührern zu finden und der verbleibende Rest entfiel auf Personen mit unklaren und fehlenden Berufsangaben sowie "Berufslose" (miterhaltene Familienangehörige und PensionistInnen ohne Angabe des vorher ausgeübten Berufes). Aufgrund dieses Befundes lässt sich die Bezirks-NSDAP letztlich noch am ehesten als eine sehr heterogen geschichtete "Protestpartei" mit einem beträchtlich überrepräsentierten Arbeitersegment charakterisieren.

Insgesamt lässt sich anhand der ausgewerteten Hochverratsanzeigen ein relativ detailliertes Bild der beruflich-sozialen Zugehörigkeit aktiver und zum Teil auch militanter AnhängerInnen der NSDAP im ersten Jahr der Illegalität erstellen. Die Tatsache, dass diesem Personenkreis neben jungen Männern ältere",gesetztere" und Pensionisten genauso wie berufstätige und pensionierte Frauen angehörten, lässt die Vermutung nicht unplausibel erscheinen, dass er quasi als eine Art Querschnitt der illegalen Bezirks-NSDAP angesehen werden kann. In diesem Zusammenhang wäre es auch nicht uninteressant zu untersuchen, inwiefern die Träger des/der lokal jeweils dominierenden Milieus ident mit den Trägern der Aufstandsbewegung sind. Auf Bezirksebene zeigte der Vergleich von "Führern" und "Gefolgschaft" jedenfalls, dass sich damals bestehende beruflich-soziale Hierarchien im Wesentlichen auch in der Partei widerspiegelten: Die Führerschaft bildeten größtenteils Angestellte, Beamte (unter diesen überwiegend Lehrer) und Selbständige, entstammten also mittelständischen Gruppen, während Arbeiter und Mithelfende das Gros des Fußvolkes stellten. Hinsichtlich der Gefolgschaft konnte auch untersucht werden, inwiefern die Evangelischen des Bezirks sich an der Erhebung beteiligten bzw. für den Nationalsozialismus mobilisierbar waren. Das Ergebnis kann jedoch keineswegs als Beleg für eine besondere Affinität der winzigen evangelischen Minorität zum Nationalsozialismus angesehen werden: Der Anteil evangelischer Österreicher an den Aufrührern betrug nur knapp 1,0 %.

Ausblick/Perspektiven für die Zukunft

Mit Hilfe der Archivmaterialien, die hier kurz angesprochen wurden, könn(t)en nicht nur solche sondern wohl noch eine Reihe anderer Fragen mit einiger Sicherheit beantwortet worden - das Vorhandensein der entsprechenden Zeit und des dazu nötigen "Sitzfleisches" vorausgesetzt. Jedenfalls aber bilden diese Quellenbestände - und darauf sei am Schluss noch einmal in aller Deutlichkeit hingewiesen - einen soliden Rahmen, der in Verbindung mit Materialien wie Bezirksgerichts- und BH-Akten, Gendarmeriechroniken und Zeitungen sowie den viel zu wenig beachteten publizierten Betriebs-, Volkszählungs- und Wahlergebnissen der Ersten Republik zu einem durchaus brauchbaren Bild des Nationalsozialismus in einem bestimmten Gebiet gestaltet werden kann. Somit bleibt zu hoffen, dass die hier am Beispiel des Bezirks Deutschlandsberg gegebenen knappen Hinweise und Anregungen zu einer weiteren Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus auf lokaler und regionaler Ebene einladen. Zweifelsohne kann das ein lohnendes Unterfangen sein und zu für die Forschung relevanten Aussagen führen, die dazu beitragen könn(t)en, ein detaillierteres und differenzierteres Gesamtbild der NSDAP vor 1938 zu erstellen.

 

 

1 Genannt seien hier: Francis L. Carsten, Faschismus in Österreich. Von Schönerer bis Hitler, München 1977; Bruce F. Pauley, Der Weg in den Nationalsozialismus. Ursprünge und Entwicklungen in Österreich, vom Autor revidierte und ergänzte Ausgabe, Wien 1988 und Stefan Karner, Die Steiermark im Dritten Reich 1938-1945. Aspekte ihrer politischen, wirtschaftlich-sozialen und kulturellen Entwicklung, 3. Aufl., Graz 1994.
2 So z.B. Bruce F. Pauley, Hahnenschwanz und Hakenkreuz. Der steirische Heimatschutz und der österreichische Nationalsozialismus 1918-1934, München-Wien-Zürich 1972 - ein nach wie vor wesentliches, in einigen Bereichen aber mittlerweile überholtes Werk.
3 Die meines Wissens immer noch einzig relevante Ausnahme ist Eduard Staudinger, Zur Entwicklung des Nationalsozialismus in Graz von seinen Anfängen bis 1938, in: Friedrich Bouvier und Helfried Valentinitsch (Schriftleitung), Graz 1938 (=Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, Bd. 18/19) Graz 1988, 31-74. Wesentlich kürzer gehalten, doch ebenfalls sachlich fundiert und auf Quellenstudien beruhend ist ders., Der Juli-Putsch 1934 im Bezirk Weiz, in: Zeitschrift Gleisdorf 6, Gleisdorf 1984, 239-248.
4 Erwähnt sei hier beispielsweise die Monographie von Ulfried Burz, Die nationalsozialistische Bewegung in Kärnten (1918-1933). Vom Deutschnationalismus zum Führerprinzip (=Das Kärntner Landesarchiv, Bd. 23) Klagenfurt 1998.
5 Die auf den Methoden der modernen historischen Wahlforschung beruhende Studie von Dirk Hänisch, Die österreichischen NSDAP-Wähler. Eine empirische Analyse ihrer politischen Herkunft und ihres Sozialprofils (=Böhlaus Zeitgeschichtliche Bibliothek, Bd. 35) Wien-Köln-Weimar 1998, stellt ohne Zweifel einen Meilenstein in der österreichischen NS-Forschung dar. Der Autor räumt darin nicht nur mit zahlreichen Irrtümern, Mythen und Legendenbildungen, die teilweise jahrzehntelang durch die Historiographie geisterten, auf, sondern bietet auch interessante und wertvolle Anregungen für die landes- und regionalgeschichtliche Forschung.
6 So wurde z.B. im "NS-Archiv" des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR den Tod des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß betreffendes Aktenmaterial gefunden, das bisher als verschollen galt. Vgl. dazu Marianne Enigl",Projektil 8 Millimeter", in: Profil vom 11. 6. 2001, 40f.
7 Gerald Wolf, Die NSDAP im Bezirk Deutschlandsberg von ihren Anfängen bis zum gescheiterten Juliputsch 1934. Ein strukturanalytischer Beitrag zur Regionalgeschichte der Steiermark unter besonderer Berücksichtigung der demographischen, politischen und wirtschaftlich-sozialen Verhältnisse des Bezirks, geisteswiss. Dipl.Arb., Graz 2001.
8 Abgesehen von den zumeist spärlichen Darstellungen der NS-Zeit in den zahlreichen Ortschroniken, bei denen es sich leider nur allzu oft um Gefälligkeitsdarstellungen handelt, die bestrebt sind, dieses Kapitel der Bezirksgeschichte so weit wie möglich auszuklammern, existiert nur die Monographie von Herbert Blatnik, Zeitzeugen erinnern sich an die Jahre 1938-1945 in der Südweststeiermark, Eibiswald 1997. Wie aus der Titelwahl bereits deutlich hervorgeht, konzentriert sich dieses Werk jedoch primär auf die Zeit nach 1938.
9 Allgemein hat sich für die Ereignisse des 25. Juli in Wien und die daraufhin in einigen Bundesländern ausbrechenden Kampfhandlungen die Bezeichnung "Juliputsch" eingebürgert. Gerhard Botz und Gerhard Jagschitz haben in diesem Zusammenhang aber zu Recht darauf hingewiesen, dass diese Vorkommnisse - typologisch betrachtet - einen Doppelcharakter aufweisen. Einen "Putsch" im eigentlichen Sinne stellten nur die Aktionen der SS-Standarte 89 in Wien dar (Überfall auf die RAVAG und das Bundeskanzleramt am 25. 7.), während es sich bei den mehrere Tage dauernden Kampfhandlungen in den Bundesländern um einen Aufstandsversuch der SA und der illegalen Parteiorganisation handelte. Da die Ereignisse in den Bundesländern nur in einem eher losen Zusammenhang mit denen in Wien standen, ist es korrekter, bei den Kämpfen in den Bundesländern von einem "Aufstand" oder einer "Erhebung" zu sprechen. Gerhard Jagschitz, Der Putsch. Die Nationalsozialisten 1934 in Österreich, Graz-Köln-Wien 1976, 138 und Gerhard Botz, Gewalt in der Politik. Attentate, Zusammenstöße, Putschversuche, Unruhen in Österreich 1918 bis 1938, 2. Aufl., München 1983, 273.
10 Nachdem die "Machtergreifung" auf dem "revolutionären" Weg sich dann letztendlich nicht hatte verwirklichen lassen, schlugen die Nationalsozialisten einen eher "evolutionären" Weg ein, der bekanntlich über das so genannte "Juliabkommen" (1936) schließlich zum "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich führte.
11 Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Daten der folgenden Absätze aus: Die Ergebnisse der österreichischen Volkszählung vom 22. März 1934. Steiermark (=Statistik des Bundesstaates Österreich, Heft 7) Wien 1935, 2-7.
12 Heute bestehen im Bezirk aufgrund zahlreicher Eingemeindungen in den Jahrzehnten nach 1945 nur noch 40 Gemeinden (im GB Deutschlandsberg 16, im GB Eibiswald 12 und im GB Stainz 12 Gemeinden).
13 Die Markterhebung von Wies war - im Gegensatz zu den anderen Marktorten, die schon seit dem Mittelalter bestanden - erst 1920 erfolgt. Mittlerweile sind auch Bad Gams (früher Gams), Frauental a. d. Laßnitz, Lannach, Pölfing-Brunn und Wettmannstätten zu Märkten erhoben worden.
14 Diese sollte laut Textheft der Volkszählung 1934 eine Unterscheidung von Siedlungsplätzen "mit überwiegend ländlichem von solchen mit überwiegend städtischem Charakter" gewährleisten. Die Ergebnisse der österreichischen Volkszählung vom 22. März 1934. Bundesstaat. Textheft (=Statistik des Bundesstaates Österreich, Heft 1) Wien 1935, 30.
15 Zur "Wohnbevölkerung" zählte man bei der Volkszählung 1934 (Stichtag 22. 3.) alle Personen, deren ständiger Wohnsitz in der jeweiligen Gemeinde lag, wobei eine zeitweilige Abwesenheit vom Wohnort nicht berücksichtigt wurde. Ermittelt wurde auch die "anwesende Bevölkerung", d. h. alle am Zähltag in der jeweiligen Gemeinde sich aufhaltenden Personen. Ergebnisse, Heft 1, 14f. - Im Bezirk Deutschlandsberg machte die anwesende Bevölkerung 55.770 Menschen aus.
16 Zu den Wirtschaftssektoren und zur wirtschaftlichen Entwicklung des Bezirks zwischen 1918 und 1934 vgl. Wolf, NSDAP, 26-29 und 38-44.
17 In der Stadt und den Marktgemeinden fielen die Ergebnisse der faschistischen Bewegungen, namentlich des Heimatblockes, zum Teil außergewöhnlich hoch aus. In Deutschlandsberg, Groß St. Florian und Stainz avancierte der Heimatblock zur jeweils zweitstärksten (Anteile von 21,3 %, 19,5 % und 25,6 % an den Wahlberechtigten) und in Wies zur drittstärksten (17,3 %) politischen Kraft. In Preding und Schwanberg konnte er immerhin die 5 %-Marke überspringen. Aber auch die NSDAP erreichte in drei Marktorten mehr als 5 %: in Eibiswald, Stainz und Wies. Wolf, NSDAP, 61, Tabelle 5/1b.
18 Konkret sind es folgende: Österreichisches Staatsarchiv/Archiv der Republik (=ÖStA/AdR), Bundeskanzleramt/Allgemein, Signaturenreihe (=BKA/Allgemein, SR), BKA-Inneres, 22/Stmk., Kartons 5131-5141 sowie dies., 22/gen., Kartons 4864-4870, 4872-4875, 4877-4879 und 4900-4910.
19 Dabei handelt es sich aber meist nicht um statistische Auswertungen im strengen Sinn, weil die Quellen dafür in vielen Fällen nicht die entsprechenden Voraussetzungen bieten. Peter Burke, History an Social Theory, New York 1992, 35, verdeutlicht das am Beispiel von Fernand Braudels Werk über die Wirtschaft des Mittelmeerraumes im späten 16. Jahrhundert: "This general description is a model in the sense that (as he admits) Braudel did not have statistics for the whole region but had to extrapolate from partial data which did not form a sample in the strict sense of the term."
20 In größerem Ausmaß hat solche seriellen Analysen bisher meines Wissens nur Kurt Bauer, Struktur und Dynamik des illegalen Nationalsozialismus in der obersteirischen Industrieregion 1933/34, geisteswiss. Dipl.Arb., Wien 1998, durchgeführt. Anzumerken ist dazu, dass seine Untersuchung primär strukturgeschichtlich angelegt ist, wobei der Autor vielfach weit über den im Titel der Arbeit genannten geographischen Raum hinausgeht.
21 Hänisch, NSDAP-Wähler, 74f.
22 Beispielsweise konnte bei Bauer, Struktur, 80-93, mit Hilfe der Tätigkeitsberichte auch das in der Literatur öfters behauptete, vielfach aber nur schwach oder gar nicht belegte signifikante Obersteiermark-Untersteiermark-Gefälle hinsichtlich der NS-Affinität eindeutig belegt werden.
23 Vgl. dazu Wolf, NSDAP, 58-69. Als Quellen für den Zeitraum von Ende 1930 bis April 1932 dienten vorwiegend die nationalsozialistischen Blätter "Der Kampf" und "Steirische Gau-Nachrichten" sowie die Bezirkszeitung "Weststeirische Rundschau".
24 Unbedingt anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass nach § 7 des 1932 noch geltenden Landesgesetzes vom 28. 3. 1924 in Gemeinden, wo nur ein Wahlvorschlag eingebracht worden war und dieser die zur Vollzähligkeit des Gemeinderates notwendige Zahl von Wahlwerbern erhielt, die Wahl entfallen konnte. Von dieser Möglichkeit machte etwas weniger als die Hälfte der über 1.000 steirischen Gemeinden Gebrauch. Im Bezirk Deutschlandsberg wurde in 75 Gemeinden keine Wahl durchgeführt. Leider wurden die Gemeinderatswahlergebnisse 1932 nie in amtlicher Form dokumentiert, sondern sind nur aufgrund der unvollständigen Angaben in der steirischen Presse zu erschließen. Bekannt und auswertbar sind lediglich die Ergebnisse von 351 Gemeinden, darunter 122, in denen die Nationalsozialisten eine Kandidatur angemeldet hatten. Hänisch, NSDAP-Wähler, 102-104.
25 Vgl. dazu Wolf, NSDAP, 69-72. Hinsichtlich der Zahl der NS-Mandate gibt es nicht unbeträchtliche Differenzen. Jagschitz, Putsch, 28 beispielsweise spricht von 297 NS-Mandaten in der Steiermark, während es bei Hänisch, NSDAP-Wähler, 104 nur 270 Mandate sind (eine Zahl, die er der steirischen Tagespresse entnommen hat). Addiert man hingegen die im NS-Blatt "Der Kampf" vom 30. 4. 1932, 4 angegebenen Zahlen, so erhält man insgesamt 284 Mandate. Diesen Angaben zufolge erzielte der Bezirk Deutschlandsberg das schwächste Ergebnis aller steirischen Bezirke.
26 ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres, 22/Stmk., Zln. 161.061/1932 (April), 174.925/1932 (Mai), 212.452/1932 (August), 223.635/1932 (September), 237.816/1932 (Oktober), 105.939/1933 (Dezember), 126.275/1933 (Jänner) und 130.486/1933 (Februar). Für die übrigen Monate konnten keine Berichte gefunden werden.
27 Vgl. dazu Bauer, Struktur, 64, Abbildung 5/2.
28 Vgl. dazu Wolf, NSDAP, 73-76 und 80. Bei den entsprechenden Zeitungen handelt es sich abermals um "Der Kampf", die "Steirischen Gau-Nachrichten" und die "Weststeirische Rundschau".
29 Jürgen W. Falter, Hitlers Wähler, München 1991, 35-37 und 79.
30 Vgl. dazu Hänisch, NSDAP-Wähler, 107f. In Salzburg hatten die Gewinne 13,0 % und in Wien sogar 13,4 % betragen. Lediglich in Niederösterreich waren sie mit 8,1 % etwas bescheidener ausgefallen. Ebda., 96.
31 Vgl. dazu u. a.: ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres, 22/Stmk., Zln. 171.593/1932 "Bericht über die politische Lage im Lande Steiermark", 4f., 145.808/1933 "Nationalsozialistische Bewegung im Monate März 1933", 1f. und 7, 143.054/1933 "Heimatschutzbewegung im März 1933", 1f., 160.848 "Heimatschutzbewegung im Monat April 1933", 5, 177.530/1933 "Heimatschutzbewegung im Mai 1933", 6f.
32 Vgl. dazu Pauley, Hahnenschwanz, 159-184.
33 Eine wesentliche Rolle spielte in diesem Zusammenhang die in der Provinz vielfach nur schwach ausgebildete sozialdemokratische Lagerstruktur. Hänisch konnte feststellen, dass außerhalb Wiens "keineswegs die Mehrheit der Arbeiterschaft" (d. s. Land- und Industriearbeiter sowie Handwerker) für die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei" votierte. "Beachtliche Teile [...] fühlten sich bürgerlichen Strömungen und Lagern verbunden oder standen unter ihrem Einfluß." 1927 beispielsweise wählten außerhalb Wiens 41,0 % der Arbeiter sozialistisch, 48,0 % jedoch bürgerliche Parteien. 1930 hatte sich daran nicht sehr viel geändert. Hänisch, NSDAP-Wähler, 363.
34 Tatsächlich versuchten verschiedenste Exponenten und Fraktionen auf nationalsozialistischer und auf Seite der österreichischen Bundesregierung bis ins erste Jahresdrittel 1934 hinein immer wieder, auf dem Verhandlungsweg eine Aussöhnung zu erreichen. Letztlich scheiterten aber alle diese Bemühungen an den Divergenzen innerhalb der beiden Lager, an der damit verbundenen Uneinheitlichkeit der Vorgangsweise und dem gegenseitigen Misstrauen der Akteure. Vgl. dazu Jagschitz, Putsch, 54-65.
35 Zum Ablauf der Juli-Erhebung im Bezirk und ihren Folgen vgl. Wolf, NSDAP, 128-168. Für die Darstellung der Juli-Ereignisse wurde eine Fülle von Quellen und Literatur herangezogen, darunter die den Bezirk betreffenden Teile eines drei Kartons umfassenden Sammelaktes zum Juliputsch (ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres, 22/gen., Zl. 229.298/ex1934), die Berichte diverser Tageszeitungen über die Prozesse vor dem Militärgerichtshof in Graz, verschiedene Ortschroniken und Interviews mit Zeitzeugen, die mir überlassen wurden.
36 Die übrigen räumlichen Schwerpunkte der Aufstandsbewegung lagen im oberen Ennstal, im Industriegebiet des oberen Murtales, im Raum Sinabelkirchen-Ilz-Hartmannsdorf sowie entlang des Grenzraumes zwischen Straß und Radkersburg. Die Stärke der in der Steiermark aufgebotenen NS-Formationen und die Intensität der Kampfhandlungen wurden nur noch in Kärnten übertroffen. Im Burgenland, in Oberösterreich und Salzburg ereigneten sich Kampfhandlungen nur vereinzelt, in Niederösterreich, Tirol und Vorarlberg unterblieben solche völlig. Vgl. dazu u. a. Wolfgang Etschmann, Die Kämpfe in Österreich im Juli 1934 (=Militärhistorische Schriftenreihe, Heft 50) Wien 1984, 20-47.
37 Sofern nicht anders angegeben, beruhen die in den folgenden Abschnitten gemachten Aussagen auf folgenden Monatsberichten des Landesgendarmeriekommandos: ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres, 22/Stmk., Zln. 187.701/1933 (Juni), 202.036/1933 (Juli), 215.176/1933 (August), 227.788/1933 (September), 242.388/1933 (Oktober), 255.256/1933 (November), 109.486/1934 (Dezember 1933) und 125.247/1934 (Sammelakt für die Monate Jänner bis Juni 1934).
38 Während der großen Terrorwelle, die am 31. 12. 1933 begann und erst mit Beginn des Aufstandes des "Republikanischen Schutzbundes" endete, registrierte die Gendarmerie in der obersteirischen Industrieregion 237 Fälle von gelungenen und versuchten Böller- und Sprengstoffeinsätzen. Allein in Leoben detonierten am 20. 1. 1934 innerhalb einer halben Stunde 23 Papierböller und zwei Sprengkörper. Vgl. dazu Bauer, Struktur, 73-75, insbesondere Abbildung 5/5.
39 Vgl. dazu Wolf, NSDAP, 125, Tabelle 6/3, die anhand folgender Quellen erstellt wurde: Steiermärkisches Landesarchiv (=StLA), Bezirksgericht (=BG) Stainz, Z-Akten 1933-1937, Zln. Z 157/1934, Z 160/1934, Z 162/1934, Z 168/1934, Z 177/1934, Z 193/1934 und Z 230/1934.
40 Vgl. dazu u. a. Gendarmeriechronik Preding und StLA, BG Stainz, Z-Akten 1933-1937, Zl. Z 51/1934.
41 Die nach außen hin erscheinende Geschlossenheit der NSDAP war reine Fiktion. Tatsächlich gingen nach ihrem Verbot zahlreiche Risse durch die Partei. So kam es nicht nur zu "erheblichen Spannungen" zwischen jenen Parteigrößen, die ins Reich geflüchtet waren und von dort aus die Geschehnisse in Österreich weiter zu beeinflussen suchten, und den in Österreich verbliebenen, die hier die illegale Parteiarbeit organisierten, sondern auch zu einer Spaltung in Gegner und Befürworter des illegalen Kampfes mit terroristischen Mitteln. "Die Rivalitäten der Exilfunktionäre, die anarchistisch-konspirativen Methoden des illegalen Kampfes und die zahlreichen Führungskämpfe führten zu einer Schwächung der Schlagkraft der Gesamtpartei und zur Ausbildung regional unterschiedlicher dynamischer Gruppen, deren zum Teil spektakuläre Aktionen eine 'Bewegung' simulierten. In der Illegalität bestand niemals eine einheitliche Führung, und es hing von vielen verschiedenen Faktoren und gelegentlich auch Zufälligkeiten ab, welche Gruppe zu bestimmten Zeiten politischen Einfluss erlangen konnte." Gerhard Jagschitz, Die Nationalsozialistische Partei, in: Herbert Dachs, Ernst Hanisch, Anton Staudinger und Emmerich Tálos (Hrsg.), Handbuch des politischen Systems Österreichs. Erste Republik 1918-1933, Wien 1995, 243.
42 Diese Anzeigen bilden einen wesentlichen Teil des in Anm. 34 bereits genannten Sammelaktes zum Juliputsch (ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres, 22/gen., Kartons 4902-4904/a, Zl. 229.298/ex1934.).
43 Allerdings sind nicht von allen steirischen Gendarmeriepostenrayonen, in denen es im Verlauf des Juliputsches zu nationalsozialistischen Zusammenrottungen oder Kampfhandlungen kam, Anzeigen zu finden. Es ist allerdings durchaus möglich, dass die teilweise oder vollständig fehlenden Anzeigen gewisser Gendarmerieposten einst entnommen und anderen Aktenbeständen zugeordnet wurden. Hinsichtlich der gefundenen Anzeigen sind die südsteirischen Bezirke eindeutig überrepräsentiert. Zu erwähnen ist auch, dass es noch hunderte solcher Anzeigen aus dem Burgenland, Kärnten, Oberösterreich und Tirol gibt. Sie wurden allerdings nicht genauer durchgesehen.
44 Diese finden sich in ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres, 22/gen., Kartons 4896 und 4899.
45 ÖStA/AdR, BKA/Allgemein, SR, BKA-Inneres, 22/gen., Kartons 4908 und 4909.
46 Insgesamt handelt es sich dabei um 87 Kartons mit Akten der Senate Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Leoben und Linz des Militärgerichtshofes.
47 Zur Quellenproblematik, den gebildeten beruflich-sozialen Kategorien und weiteren Details der nachfolgend vorgestellten Auswertungsergebnisse vgl. Wolf, NSDAP, 169-187.
48 Eine Untersuchung zur Herkunft der Wählerschaft der reichsdeutschen NSDAP ergab einen beträchtlichen Arbeiteranteil von bis zu 40,0 %. Falter, Wähler, 371. Ein sehr ähnliches Resultat erbrachte auch die diesbezügliche Untersuchung für Österreich, wo "die Arbeiterschaft [...] außerhalb Wiens beachtlich vertreten war und in der dortigen nationalsozialistischen Wählerschaft nur leicht unterrepräsentiert blieb." Hänisch, NSDAP-Wähler, 402.