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Andreas Rödder, Die Bundesrepublik Deutschland 1969-1990 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 19 A), Oldenbourg Verlag: München 2004.

von Michael v. Prollius

Die Oldenbourg-Reihe "Grundriss der Geschichte" steht für forschungsorientierte Darstellung, Lesbarkeit, Verständlichkeit und strukturierte Aufbereitung, kurzum: ein wissenschaftliches Qualitätsprodukt. Dies sind Attribute, die auch den jüngsten Band "Die Bundesrepublik Deutschland 1969-1990" von Andreas Rödder kennzeichnen. Das Buch des Hochschuldozenten für Neuere Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart schließt an die Arbeit von Rudolf Morsey1 an und damit eine zeitgeschichtliche Lücke. Die bewährte Gliederung umfasst die beiden Hauptteile Darstellung und Grundprobleme sowie Tendenzen der Forschung; sie wird ergänzt durch ein umfassendes und systematisch geordnetes Literatur- und Quellenverzeichnis sowie einen überaus nützlichen Anhang mit chronologischer Zeittafel, Statistiken, Tabellen, Angaben zu Archiven und einem Register. Die Darstellung beginnt mit der Charakterisierung wichtiger Entwicklungslinien, die als allgemeine übergreifende Tendenzen den Rahmen der bundesdeutschen Geschichte abstecken. Zu ihnen gehören:

- in der Außenpolitik: Deutschlands weltpolitische Lage an der Nahtstelle der bipolaren Welt und der streckenweise sklerotische europäische Einigungsprozess (S. 4, nicht 2!),

- in der Ökonomie: der technologische Wandel durch das Aufkommen von Mikroelektronik und Massenkommunikation sowie Tertiarisierung und Globalisierung mit weit reichenden Folgen für Gesellschaft und Individuen,

- in der Wirtschafts- und Rechtsordnung: die Kontinuität von Korporatismus, die Stabilität der Staats- und Verfassungsordnung und die zunehmende Verselbstständigung des Sozialstaates,

- in der Sozialstruktur und -kultur: die mit einem Wertewandel verbundenen Prozesse einer entstehenden postmodernen Gesellschaft.
Anschließend behandelt Andreas Rödder chronologisch in vier klassisch politisch periodisierten Abschnitten die bundesdeutsche Geschichte von 1969 bis zur Wiedervereinigung. Er beginnt der von ihm als "Modernisierungseuphorie" bezeichneten Phase, die die vier Jahre vom "Machtwechsel" bis zur Weltwirtschaftskrise umfasst. Die dort kulminierenden Probleme kennzeichnen in Verbindung mit neuen Herausforderungen die Zeit des Krisenmanagements unter Helmut Schmidt und schließen den Terrorismus der RAF, die Turbulenzen im Ost-West-Verhältnis bzw. innerhalb des westlichen Bündnisses (z.B. NATO-Doppelbeschluss) sowie die sozial-politischen Bewegungen (Anti-Atomkraft, Friedens-, Frauenbewegung, Ökologie) ein. Die von Helmut Kohl eingeleitete "Wende" steht am Beginn der merkwürdig ambivalenten achtziger Jahre, die sich im Rückblick sowohl durch Kontinuität als durch eine Neuorientierung auszeichnen: "1989 war die Bundesrepublik wie nie zuvor in ihrer Geschichte bei sich selbst angekommen; alles konnte, so mochte es scheinen, so bleiben wie es war. Dann kam alles anders." (S. 94) Der Zusammenbruch des Ostblocks und die deutsche Wiedervereinigung schließen die Überblicksdarstellung ab; ein Ausblick auf die neunziger Jahre leitet zum zweiten großen Teil Grundprobleme und Tendenzen der Forschung über.

Dieser zweite große Abschnitt umfasst wiederum gut 100 Seiten und zeichnet sowohl ein umfassendes Bild der Forschungsergebnisse als auch der offenen Fragen und Probleme. So steht gleich zu Beginn eine Reflektion über Methoden und Themen, Quellen, Darstellungen und Deutungen der Zeitgeschichte im engeren Sinne. Es folgen die klassischen Schwerpunkte Außenpolitik, Deutschlandpolitik, innere Ordnung, Wirtschaftspolitik und -ordnung, Gesellschaft und sozialkulturelle Entwicklungen. In überschaubaren Abschnitten und mit Hilfe der Marginalien kann der Leser auf diese Weise einzelne Aspekte der Darstellung vertiefen und zugleich den kontroversen Deutungsprozess der (Zeit-)Geschichtsschreibung nachvollziehen. - Dem Forschungsstand ist zusätzlich zur Arbeit des Autors die Unterstützung der im Vorwort erwähnten namhaften Wissenschaftler zu Gute gekommen. - Das korrespondierende Quellen- und Literaturverzeichnis belegt mit seinen 874 verzeichneten Titeln diese Sicht (bei Nr. 668 fehlt der Autor) und ermöglicht zugleich eine schnelle erste Literaturerschließung.

Fazit: Andreas Rödder hat mit seiner soliden und präzisen Darstellung ein überaus nützliches Hilfsmittel für die bundesdeutsche Zeitgeschichte vom Ende der Nachkriegszeit bis zur Wiedervereinigung bereitgestellt, dass zweifelsohne weite Verbreitung finden wird. Angesichts der zeitlich-thematischen Fokussierung und sowie seiner Struktur steht es trotz anderer gewichtiger Darstellungen2 weitgehend konkurrenzlos da, und sei deshalb dem breiten Adressatenkreis der Studenten, Lehrer und historisch Interessierten nachdrücklich empfohlen.


1 Rudolf Morsey: Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis 1969, Oldenbourg Grundriss der Geschichte Bd. 19, Oldenbourg Verlag, 4. überarb. und erw. Aufl. München 2000.
2 Christoph Kleßmann: Zwei Staaten, eine Nation. Deutsche Geschichte 1955-1970, 2. Aufl. Bonn 1997; Manfred Görtemaker: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999; Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, Bd. 2: Deutsche Geschichte vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung, München 2002; Rolf Steininger: Deutsche Geschichte. Darstellung und Dokumente in vier Bänden, Bd. 4: 1974 bis zur Gegenwart, Frankfurt a. M. 2002.


 

Michael von Prollius:
Unternehmensberater und Historiker in Berlin; Promotion in Wirtschaftgeschichte an der FU Berlin; Lehrbeauftragter zum Themenfeld "Soziale Marktwirtschaft" an der FU Berlin.

Buchveröffentlichung u. a.:
Das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten 1933-1939. Steuerung durch emergente Organisation und Politische Prozesse, Paderborn 2003 (zugleich Diss.).

E-Mail: MvP@prollius.de  

R. Oldenbourg Verlag


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