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Herwig Czech: Erfassung, Selektion und "Ausmerze". Das Wiener Gesundheitsamt und die Umsetzung der nationalsozialistischen "Erbgesundheitspolitik" 1938 bis 1945 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte 41), Wien: Deuticke 2003.

von Hans-Georg Hofer, Freiburg

In den letzten Jahren hat sich die historische Forschung zur NS-Medizin verstärkt mit den kommunalen Gesundheits- und Wohlfahrtsbehörden beschäftigt. An der Schnittstelle von Politik, Wissenschaft und Verwaltung gelegen, trugen diese Behörden entscheidend dazu bei, die "biomedizinische Vision" der Nationalsozialisten (Robert J. Lifton) in die Tat umzusetzen. Die Analyse des Aufbaus und der Funktionsweise der Gesundheitsämter eröffnet damit wichtige Einsichten in den Alltag einer Gesundheitspolitik, die ihre eugenisch-rassenhygienischen Zielutopien in enger Abstimmung mit medizinischen Wissensbeständen und effizienten bürokratischen Strukturen zu verwirklichen suchte. Für Deutschland haben dies zuletzt die Arbeiten von Johannes Vossen und Winfried Süß gezeigt1, und auch für Österreich kann man nunmehr auf eine neue Forschungsarbeit verweisen: Der Historiker Herwig Czech hat auf Basis seiner geschichtswissenschaftlichen Magisterarbeit (Diplomarbeit) eine kompakte Studie zur Geschichte der NS-Gesundheitsverwaltung in Wien vorgelegt.

Nach der Annexion Österreichs 1938 begann die gesundheitspolitische Erfassung der Wiener Bevölkerung. Grundlage dafür bildete das bereits 1934 im Deutschen Reich erlassene "Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens", mit dem die NS-Führung eine einheitliche Gesundheitspolitik anstrebte. Czech zeigt vor allem anhand von Akten des Hauptgesundheitsamtes, dass die Umstrukturierung der Wiener Gesundheitsfürsorge zunächst durch etablierte politische Funktionseliten und medizinische Akteure aus dem "Altreich" erfolgte. Zu diesen traten sehr bald österreichische Mediziner hinzu, die in den Neuordnungen des Gesundheitssystems ihre Karrieremöglichkeiten erblickten. Innerhalb kurzer Zeit wurden Institutionen und Instrumente geschaffen, welche den Einschluss der Wiener Bevölkerung in den "rassenreinen deutschen Volkskörper" durch Ausschluss von bestimmten Menschengruppen sicherstellen sollten.

So wie im Deutschen Reich bildete auch in Wien eine "erbbiologische Bestandsaufnahme" der Bevölkerung die Grundlage für die Selektionspolitik der Gesundheitsämter. Eindrucksvoll beschreibt Czech, wie die NS-Gesundheitsverwaltung die Erfassung "aller Lebensäußerungen", die auf eine ungenügende Eingliederung in die Volks- und Leistungsgemeinschaft deuteten, betrieb. Mit Akribie sammelte ein Expertennetzwerk jede potentiell gesundheitlich oder sozial belastende Information zur Wiener Bevölkerung. Diese Wissensbestände wurden durch systematische Auswertungen von Patientenakten (etwa aus der Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof"), rassenanthropologische Gutachten sowie durch eine Vielzahl von ärztlichen Untersuchungen gewonnen und in einer Zentralkartei akkumuliert. 1944 waren schließlich im Reichsgau Wien rund 770.000 Personen registriert. Damit stand Wien in der ersten Reihe der erbbiologisch erfassten Städte des NS-Staates. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings die Abteilung für "Erb- und Rassenpflege" schon kriegsbedingt von der Stilllegung bedroht und verfügte nur mehr über wenige Mitarbeiter. Czech ist in seiner Einschätzung zuzustimmen, dass diese Zahl im Kontext des großwissenschaftlichen Anspruchs und des "theoretisch unbegrenzten Radikalisierungspotenzials" der NS-Gesundheitspolitik (S. 131) zu interpretieren ist.

Die rassenhygienischen Praktiken des Wiener Gesundheitsamtes umfassten ein breites Spektrum an Maßnahmen und reichten von der "positiven" Eugenik (etwa Geburtenförderung und Ehegenehmigungsverfahren) bis hin zur Selektion und Vernichtung von als "minderwertig" angesehenen Menschen, die in der rassisch purifizierten und von jedem "Ballast" befreiten Leistungsgesellschaft keinen Platz haben sollten. Darin unterschied sich Wien nicht von anderen deutschen Großstädten; eine Besonderheit liegt aber in der zeitlichen Abfolge dieser Maßnahmen. Während in Deutschland ab 1933 die gesundheitspolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten dem Prinzip der kumulativen Radikalisierung folgten, so wurden in Wien binnen kürzester Zeit die Selektions- und Vernichtungsmaßnahmen zur Anwendung gebracht. Diese Parallelität von Erfassung, Verhütung und Vernichtung kommt bei Czech implizit durch die Anordnung der Kapitel zum Ausdruck (so wird etwa die "Aktion T4" vor der "erbbiologischen Bestandsaufnahme" beschrieben), gleichwohl wäre diese Besonderheit stärker hervorzuheben gewesen.

Zu den innovativsten Kapiteln dieses Buches zählen jene über die Zwangsarbeiterinnen und über die Zwangssterilisierungen in Wien. Hier hat Czech weitgehend wissenschaftliches Neuland betreten und wichtige Forschungsareale umrissen, die tiefer gehenderer Untersuchungen bedürfen. Einen weiteren, bereits besser erforschten Schwerpunkt bilden die Jugendfürsorge und "Kindereuthanasie". Am Beispiel der Gesundheitsfürsorge für Säuglinge und Kleinkinder, der städtischen Kinderübernahmestelle ("Küst") und der Kinderfachabteilung "Am Spiegelgrund" arbeitet der Autor heraus, dass die Gesundheitsämter ein dichtes Netz von erbgesundheitspolitischer Überwachung geknüpft hatten, das in jeder Phase eines jungen Menschenlebens mörderische Konsequenzen nach sich ziehen konnte. Als neuropathologische Forschungsobjekte dienten die Gehirne der ermordeten Kinder dann NS-Ärzten, die ihre wissenschaftliche Karriere mit einer umfangreichen Gutachtertätigkeit verbanden. Das Beispiel von Heinrich Gross ist hierfür das bekannteste geworden, und Czech diskutiert - eigene Vorarbeiten mit einbeziehend - anhand dieser Täterfigur die ebenso erschreckenden wie bezeichnenden Kontinuitäten des NS-Gesundheitswesens nach 1945.

Etwas zu kurz kommt hingegen meines Erachtens die Frage nach Kontinuität und Zäsur vor 1938, also im Hinblick auf die österreichische Zwischenkriegszeit und die Endphase der Monarchie. Damit sei nicht die Platzierung der Ideen- und Institutionsgeschichte der Rassenhygiene in den Fußnoten kritisiert, aber die Frage nach den spezifischen personellen, intellektuellen und administrativen Voraussetzungen im medizinischen Wien der 1920er und 1930er Jahre wird nur sehr oberflächlich gestreift. Eine stärkere Auseinandersetzung mit dieser Problemstellung wäre aber vor allem für die Frage wichtig gewesen, was an der NS-Gesundheitspolitik genuin nationalsozialistisch war und was nicht, welche Unterscheidungs- und Erklärungskategorien dafür gefunden werden können und warum sodann bestimmte medizinische Denktraditionen in den wissenschaftlichen Forschungs- und sozialpolitischen Handlungsfeldern der Zweiten Republik fortwirkten. Hier muss man sich mit einigen vagen Andeutungen, wie jenen über den deutschnationalen Psychiater Erwin Stransky, zufrieden geben. Nicht nur die Kontinuitäten zwischen dem NS-Regime und der Zweiten Republik - so wäre im Hinblick auf die von Czech angesprochenen Desiderata der Forschung zu ergänzen -, sondern auch jene zwischen der Ersten Republik und der NS-Zeit bedürfen weiterer Untersuchungen.

Was bleibt als Fazit? Auf viele offene Fragen der NS-Gesundheitspolitik in der "Ostmark" und insbesondere in Wien gibt dieses Buch erstmals Antworten. Czechs Vorhaben, die wissenschaftlichen und ideologischen Vektoren der NS-Gesundheitsexperten im Hinblick auf die konkreten Anwendungsbereiche darzustellen, ist gelungen, da sich dadurch sowohl die wissenschafts- als auch die alltagshistorischen Dimensionen dieses Themas erschließen. Die umsichtige Gewichtung der Quellen, das sorgfältige Abwägen der Sachverhalte und eine klare Sprache verleihen der Studie große analytische Erklärungskraft. Das Buch bietet einen konzisen Überblick über die Geschichte der NS-Gesundheitsverwaltung in Wien, der über weite Strecken auf neuen Forschungsergebnissen beruht und weiteren Untersuchungen den Weg weist.


1 Johannes Vossen: Gesundheitsämter im Nationalsozialismus. Rassenhygiene und offene Gesundheitsfürsorge in Westfalen, 1900-1950, Essen 2001; Winfried Süß: Der Volkskörper im Krieg: Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939-1945, München 2003.


 

Hans-Georg Hofer ist Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Freiburg i. Br.

Buchveröffentlichung:
Nervenschwäche und Krieg. Modernitätskritik und Krisenbewältigung in der österreichischen Psychiatrie (1880-1920), Böhlau-Verlag: Wien 2004.

E-Mail: hans-georg.hofer@igm.uni-freiburg.de  

http://www.igm.uni-freiburg.de

Böhlau Verlag


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